Ein Text von Patrick Gerner (Bild v. Michael Hinz)

Wie wir Medien konsumieren 
Eine Betrachtung meines Konsumverhaltens.
(oder: was Streaming mit Fastfood zu tun hat)

Vorweg, ich schreibe hier keinen Text mit wissenschaftlichem Anspruch, auch wenn ich große Lust dazu hätte. Für eine wissenschaftliche Betrachtung braucht es aber mit Sicherheit weit mehr als nur einen eindimensionalen Text eines Medienkonsumenten und vor allem müsste ich mir mehr Zeit dafür nehmen. Das “sich Zeit nehmen” wird im Folgenden auch sicherlich eine größere Rolle spielen. Mir geht es darum, meine eigene Nutzung zu hinterfragen und für jeden in den Raum zu stellen, ob diese Art der Nutzungsveränderung sich auch bei anderen bemerkbar macht. 

Ich halte mich für einen analogen Typ. Ich sammle Vinyl-Schallplatten, habe Tapes und CDs zuhause und auch meine DVD Sammlung hat noch nicht das Label „zu verschenken“ erhalten.   Ich kann mir auch (noch) gar nicht vorstellen, wie es anders sein könnte. Wenn mich etwas fasziniert, berührt, belustigt oder einfach großartig zu sein scheint, dann möchte ich einen Teil davon haben, eventuell möchte ich den Urheber durch einen Kauf unterstützen, aber vor allem möchte ich mich in der Lage wissen, dieses empfundene Gefühl beim Konsum immer wieder abrufen zu können, wenn mir danach ist. Ich erinnere mich genau an die ersten CDs, die ich besessen habe: Linkin Park, Nickelback und Nirvana. Das war riesig für mich. Ich habe die Booklets studiert, während die Musik rauf und runter lief. Ich habe so getan, als wüsste ich ganz genau, wie man die Wörter in den kleinen Printbüchern ausspricht und habe sehr schräg und im schlimmsten Phantasie-Englisch mitgesungen, bis meine Schwester und meine Mutter sich darüber einig waren, mir nie wieder eine CD zu schenken, aber es war bereits um mich geschehen.

Ich halte mich auch für einen digitalen Typ. Früh mit Computern und dem Internet konfrontiert, wollte ich wissen, wie das funktioniert, habe Computer auseinandergebaut, aufgerüstet und auch schnell dort die Möglichkeiten der Mediennutzung im Wege des Internets kennen gelernt und hatte mit 15 Jahren eine Musiksammlung zusammen, die sich mein Vater (Hobby Musiksammler) nicht mal hätte vorstellen können. Ich hätte mehrere Monate am Stück durchgängig Musik laufen lassen können und mit dem Großteil dieser Musik konnte ich auch etwas anfangen! Trotzdem ist von dieser Sammlung heute kaum noch etwas übrig. Ähnlich ist es mir mit Filmen ergangen. Ich habe mir in dieser jugendlichen Zeit wirklich alles angesehen, Klassiker von „Manche mögen´s heiß“ über „Fenster zum Hof“ zu den Kultfilmen wie „Pulp Fiction“, „Big Lebowski“, aber auch die verstörenden Nummern wie „Requiem for a Dream“, „Enter the Void“ oder „Trainspotting“. Natürlich könnte ich jetzt noch ein paar weitere Filme aufzählen, aber Fakt ist, ich würde mich vielleicht nur an 10 bis 20 Prozent dieser Filme erinnern, die ich damals geschaut habe. Die meisten dieser memorablen Filme habe ich mir irgendwann auf inzwischen verstaubenden DVDs gekauft.

Man könnte sagen, ich war für mich selbst der Prototyp des Menschen des digitalen Zeitalters, denn was hat sich verändert? Eigentlich nichts, nur ist das alles jetzt legal und jeder Mensch streamt. 

Wir streamen unsere Musik und unsere Filme und haben dadurch Zugriff auf den Großteil aufgenommener Musik, ob von bekannten oder unbekannten Künstler*innen spielt dabei keine Rolle mehr. Den Geheimtipp findet man im Internet. Auch auf einen sehr großen Teil der Kunst des bewegten Bildes haben wir mit wenigen Klicks Zugriff und haben allein auf Youtube mehr Videos, als ein Mensch in einem Leben schauen könnte. Jede Minute werden dort 400 Stunden Videomaterial hochgeladen.* Wird schwierig da Schritt zu halten.

Je mehr Medien pro Minute verfügbar gemacht werden, desto weniger Zeit scheint zu bleiben, um uns damit auseinander zu setzen. Inhalte werden inflationär, verlieren an Wert und umspülen uns. Damit wir uns etwas behalten, muss es einprägsam sein. Wir suchen einfache Antworten auf komplexe Fragen.

Was macht das mit uns? Was macht das mit mir? Wie digital bin ich? 

Ich sammle zwar Schallplatten, aber seit ich zuhause arbeite, höre ich zuhause eigentlich ununterbrochen Musik über einen Streaming Service. Was ich da höre? Alles, was neu ist oder was mich nicht stört. Denn vielleicht werden nicht jeden Tag 400 Stunden Musik pro Minute auf eine Plattform geladen, aber wenn für mich der Release-Freitag kommt, dann könnte ich mich vermutlich den ganzen Tag damit beschäftigen, herauszufinden, was allein meine Bekannten so veröffentlicht haben… und dann habe ich noch lange nicht alles gehört, was ich vermeintlich noch gerne hören würde. Wenn mich jemand fragt, welches das letzte richtig gute Album war, das ich gehört habe, dann weiche ich der Frage meist aus und erzähle lieber, was ich aktuell höre oder verweise auf ein Album, welches ich schon länger kenne und immer wieder hören kann. Das liegt mit Sicherheit nicht daran, dass keine guten Alben rauskommen, die ich empfehlen könnte, sondern viel eher daran, dass ich mir gar nicht die Zeit genommen habe, ein Album auf Herz & Nieren zu prüfen, um es ohne Probleme empfehlen zu wollen.  In diesem Zusammenhang bin ich also sehr digital.


„Ich fand das ganz gut beim ersten durchhören“, würde mich nicht überzeugen und wenn ich von Musik spreche, dann will ich überzeugen. Musik, und da schließe ich Kunst allgemein mit ein, ist Passion, ist Überzeugung, ist Energie, ist Schönheit, ist gutes Essen. Da bin ich sehr analog.

Wieso gutes Essen? Und wie gehen wir mit Essen um?
Statt den Teig selbst anzusetzen, über Nacht gehen zu lassen, vier Stunden Tomatensoße einzukochen und auf den Markt zu gehen, um uns frische Zutaten für unsere selbst gemachte Pizza zu holen, bestellen wir uns einfach eine im Internet, die ein bisschen besser als okay schmeckt. Und alle wissen, dies ist nur ein harmloses Beispiel für eine einfache Antwort auf eine komplexe Frage.
 

Wenn ich daran denke, wie wir heute Medien nutzen, dann denke ich unweigerlich an Fast-Food.
 

Wenn ich merke, ich ernähre mich schon wieder seit Tagen nur von Pizza, gehe ich auf den Markt und tue so, als wüsste ich von welchen Kräutern die Frau spricht, die mir ein tolles Rezept zum nachkochen verrät, kaufe alle Zutaten dafür ein und erzähle dann meiner Partnerin von meinem Einkauf, erfinde Phantasienamen für die tollen Kräuter, deren Namen ich mir mal wieder nicht merken konnte, und koche etwas für uns. Dabei hören wir die Musik, die wir die ganze Zeit schon aufmerksam hören wollten oder legen eine unserer liebsten Platten auf... aber leider bestellen wir viel zu häufig doch wieder eine Pizza.

Über Patrick: Er ist seit 4 Jahren in der Musikwirtschaft tätig, ist selbst Musiker, betreibt das Wiesbadener Label "Besser-Samstag" und  ist mit Ideengeber des Einerseits Magazins.

Instagram: https://www.instagram.com/paddy.besser
 

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