KULTURORT: TROPEN TANGO

01.07.2020 (Interview: Julia Dreja)

Einmal im Jahr wird es wild und bunt in dem beschaulichen Örtchen Wollmerschied in der Nähe der Stadt Lorch am Rhein. Einmal im Jahr wird es dort ausgelassen, mitunter auch skurril und abgedreht, denn der örtlichen Sportplatz der Höhengemeinde wird für ein ganzes Wochenende zu Tropic City. Der Name Tropen Tango steht dabei für nationale und internationale Künstler auf acht Bühnen, durchtanzte Partynächte unter eindrucksvollem Sternenhimmel, Kulinarisches an unterschiedlichen Essensständen, aber auch für ein breites Angebot an (sub)kulturellen Highlights wie Zirkus-Theater, Graffiti-Art, Lesebühne, Yogakurse, kreative Workshops und den Wandelwald.

Das Festival der Subkulturen

„Wir sind eine Plattform für junge Kunst und Kultur und unsere Absicht ist es, Subkultur zu leben“, so beschreibt Rike Kochem, die Verantwortliche für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, die Idee des Festivals. Von dem kleinen Wollmerschied aus agierend, organisiert der Verein Kloster 9 das Tropen Tango in Zusammenarbeit mit vielen verschiedenen Initiativen. Das Programm der acht Bühnen wird von mehreren Crews aus ganz Deutschland geplant und durchgeführt, natürlich in Absprache mit dem Hauptorganisationsteam der Tropen Tango Crew. 
 

Musikalisch geht es dabei querbeet durch fast alle Genres („alles außer Metal“): Von klassischer Gitarrenmusik bis zu Rock´n´Roll, über Hip Hop und Rap und weiter zu Elektro, Dub und Weltmusik - es ist für fast jeden Geschmack etwas dabei. Gefunden werden die oft außergewöhnlichen Musikacts von den zahlreichen Crewmitgliedern, die überall in Deutschland ansässig sind: „Wir halten immer Augen und Ohren offen nach neuen Künstlern und schauen, wer uns auffällt.“ Der ein oder andere Künstler, der am Anfang einer großen Karriere stand, sei auch schon dabei gewesen, erzählt Rike mit sichtlichem Stolz in der Stimme. „Wir suchen nach abgefahrenen Leuten, die andere Sachen machen und nicht mainstream sind, die neue Vibes reinbringen und teilweise auch neue Musik.“
 

Eine „zauberhafte“ Besonderheit des Festivals ist der sehr liebevoll und kreativ gestaltete Wandelwald. Auf dem Weg vom Festivalgelände zum tiefer liegenden „Kulturacker“ fühlt man sich beim Begehen des Pfades ein bisschen wie Alice im Wunderland: Ein Treffen mit dem Mond und der Sonne soll es gegeben haben, herabhängende Tücher können einen an Gesicht und Schultern streifen oder man trifft plötzlich auf ein riesengroßes Einhorn, das im Wald steht. Neben den sehr kunstvollen Installationen finden sich auch Tafeln mit Leitmotiven oder Gedichten auf dem Weg. Ein Besuch des Wandelwaldes ist besonders bei Nacht empfehlenswert, denn die Schatten- und Lichtspiele sind erst dann besonders eindrucksvoll. „Es ist eine skurrile kleine Welt, die man sich vielleicht als Kind ausgedacht hat, als man durch den Wald gegangen ist und sich gefragt hat, wer da wohl wohnen könnte.“ 


 

Wie alles begann...


Angefangen hat alles mit einem Garten im gemütlichen Wollmerschied, mit einem Schamanen, der zufällig zu Besuch kam und dem Plan, ein Seminarhaus oder besser gesagt eine Schamanenschule zu gründen. Nach einem ersten schamanischen Event wurde der Verein Kloster 9 gegründet und das erste Ziel ins Visier genommen: „Die Leute, die an dem Event teilgenommen haben, unternahmen den Versuch, Rock´n´Roll und Spiritualität zusammenzuführen und gemeinsam eine magische Walpurgisnacht zu erleben“, so Rike über den Grundgedanken. Nachdem 2010 dann das erste Tropen Tango in besagtem Garten gefeiert wurde, bildete sich erst mal eine örtliche Bürgerinitiative mit dem Motto: „Nie wieder Open Air und nie wieder Freilufturinieren“. Der andere Teil des Dorfes sah das glücklicherweise anders und bot dem jungen Verein den örtlichen Sportplatz, samt zugehörigem Areal zur Nutzung an, wo das Festival auch heute noch stattfindet. Mittlerweile sei das Verhältnis zu den Einwohnern aber ausgesprochen gut: „Das ganze Dorf ist bei der Gestaltung des Tropen Tango dabei und stolz darauf, dass das Festival in Wollmerschied ist. Tatsächlich sind auch schon Leute hierher gezogen, denn sie haben sich gedacht, wenn da ein Festival stattfindet, dann müssen da ja auch nette Leute wohnen.“ Lediglich das Verhältnis zu dem 15 Kilometer entfernten Lorch sei „etwas angespannt“, aber auch hier werde versucht, „den Tropen Tango Spirit“ in die Stadt am Rhein zu bringen und die Kultur im Umkreis zu fördern. 

Viel ehrenamtliches Engagement


Wie es zu dem Namen Tropen Tango kam, ist heute leider nicht mehr nachvollziehbar, aber das sei auch egal: „Es ist ein guter Name und wir fühlen uns voll vertreten davon.“ Viel wichtiger ist aber, dass das Festival nur durch das ausschließlich ehrenamtliche Engagement funktioniert. Bis zu 500 Menschen sind mit der Organisation im Vorfeld betraut oder helfen während der Veranstaltung. “Beim Tropen Tango helfen so viele Menschen mit, weil es die Möglichkeit bietet Ideen zu verwirklichen, sich einzubringen oder selbst zu präsentieren und weil es Spaß macht.” Dabei übernehmen viele der sogenannten Ticketjobber die verschiedenen Stationen wie den Ausschank, die Betreuung der Bühne oder die Backstage-Küche. „Wir möchten auch Menschen die Möglichkeit bieten zu kommen, die dafür eigentlich kein Geld hätten.“  Deshalb kann man als Ticketjobber die Kosten für das Ticket erstattet bekommen und hat nebenbei auch noch einen ungetrübten Blick hinter die Kulissen.

Die Finanzierung des Tropen Tango steht auf verschiedenen Säulen: Ein Teil des Geldes wird natürlich mit den Eintrittsgeldern erwirtschaftet, aber auch im Vorfeld gibt es Einnahmen, denn die Festivalcrew organisiert beispielsweise den Waffelstand beim „Besser als nix!“ - Festival in Geisenheim. Auch die Erlöse aus dem Backstage Catering des „Fusion“- Festivals, das von einem Teil des Tropen Tango-Teams organisiert wird, fließen in die Finanzierung des Festivals im Rheingau. Zusätzlich dazu gibt es im Vorfeld Soli-Partys mit Eintritt gegen Spende und einen Online-Shop, in dem Dinge wie Hoodies, Feuerzeuge und T-Shirts verkauft werden. „Die Soli-Partys sind nach dem Festival 2018 entstanden, als aufgrund der rechtswidrigen Absage der Stadt Lorch das Tropen Tango fast nicht stattgefunden hätte. Wegen sehr viel weniger Besuchern standen wir damals kurz vor dem Bankrott.“ Die kleineren Veranstaltungen des Vereins, wie das Kreativgartencafé, werden durch das Land Hessen unterstützt. Ziel sei es dabei, die Gelegenheit zu geben selbst Kultur zu machen und dabei offen für alle Interessierten zu sein. Ein Film über ein Marionettentheater, der auf der Website des Vereins gestreamt werden kann, sei dabei beispielsweise erst kürzlich entstanden. 

Von Hürden und Zukunftswünschen


Das Festival hatte in der Vergangenheit aber auch mit einigen Problemen zu kämpfen: Nachdem starke Unwetter im Jahr 2017 das Gelände in eine Schlammwüste verwandelt hatten, wurde ein Jahr später mit dem anderen Wetterextrem gekämpft. Aufgrund der außergewöhnlichen Trockenheit und der vermeintlichen Waldbrandgefahr sagte die Stadtverwaltung von Lorch die Veranstaltung kurzerhand ab - leider ohne Wissen von den Organisatoren. Nach einem „Ritt durch zwei Instanzen“ wurde das Tropen Tango 2018 vom Oberverwaltungsgericht Kassel schließlich in letzter Sekunde dennoch gestattet. Doch die Verwirrungen um die Zu- oder Absage des Festivals führten zu deutlich weniger Besuchern und zogen damit erhebliche finanzielle Einbußen mit sich. Auch die Corona-Pandemie und die damit verbundene Absage für dieses Jahr hat Folgen: „Wir sind natürlich auch in eine finanzielle Schieflage gekommen, denn wir haben dieses Jahr keine Einnahmen.“ Die Zeit könne zwar gut genutzt werden, um einige Dinge wieder auf Vordermann zu bringen, aber um die laufenden Kosten decken zu können, werde auf anderem Weg versucht, an Geld zu kommen: „Wir stellen Anträge auf Förderungen, werden einen Spendenaufruf machen und eröffnen demnächst unseren Online-Shop wieder.“ Um die Zeit zum nächsten Festival zu verkürzen, seien auch Online Veranstaltungen geplant, aber spätesten 2021 soll es auf jeden Fall ein Wiedersehen geben, auf dem Tropen Tango im idyllischen Wollmerschied. 

Für die Zukunft würde sich Rike Kochem „eine Vernetzung und Zusammenarbeit auf Augenhöhe wünschen“, denn gerade in schwierigen Zeiten, wie der Corona-Pandemie, sei es wichtig, sich „miteinander zu verbinden und gemeinsam Dinge auf den Weg zu bringen“.  Für die Zeit nach Covid-19 habe die Tropen Tango Crew ihr Ziel wieder fest im Blick und strebe die Belebung der Kulturszene im Rhein-Main-Gebiet an. „Wir freuen uns außerdem über alle, die dazu kommen, die das Tropen Tango unterstützen und weitertragen wollen. Und wir kommen auch gerne für eine Soli-Party irgendwohin.“

Mehr Infos zum Festival findet ihr unter: 
https://www.tropen-tango.de

Facebook: https://www.facebook.com/tropentango 
Instagram: https://www.instagram.com/tropentangofestival

Wieso man für 500 Gramm Kronkorken ein Freigetränk bekommt und was das mit Kühen zu tun hat, erfahrt ihr im kompletten Interview zum Nachhören auf unserem Youtube-Kanal. Außerdem sprach Rike Kochem ausführlich über die Gründe, die zur Beinah-Absage im Jahr 2018 geführt haben.

DAS AUSFÜHRLICHE INTERVIEW ZUM NACHHÖREN