SCHAUSPIEL: TINO LEO

01.10.2020 (Interview: Anastasia)

„In meinen Ein-Personen-Theaterstücken spiele ich meist 10 Rollen oder mehr“. Als Histotainmenter gibt Schauspieler Tino Leo komplexe Geschichte in spannender Form wieder, wobei er in 45 Minuten auch mal 13 Persönlichkeiten annehmen kann. Neben dem Schauspiel und Schreiben, ist er auch als Sprecher und Coach tätig. Wie ihm das einmal Fanpost von Anime-Fans einbrachte und was das Schauspiel mit einem “Im-Moment-Sein” zu tun hat, erfahrt ihr in unserem Interview. 

 

Tino Leo ist langjähriger Schauspieler aus Mainz. Mit seiner außergewöhnlichen Arbeit als  Histotainmenter  könnte er vielleicht schon bald den Geschichtsunterricht revolutionieren. Denn als Histotainmenter bereitet er komplexe, jahrhundertealte Geschichte auf und gibt sie in Form eines spannenden Theaterstücks wieder. Mit großem Erfolg reproduzierte er bereits die Geschichte der Mainzer Republik in einer Kurzversion, eine Langversion ist in Planung. Welche aufregenden Projekte bei Tino Leo in Zukunft noch anstehen und weshalb durch seine Arbeitszeiten für ihn mal eine Hochzeit sausen ging, erzählte er mir in unserem Gespräch.
 

Als ein so vielseitiger Künstler musst du wohl ein Multitasking Talent sein! Wie kriegst du das alles unter einen Hut?

 

Das frage ich mich manchmal auch! Es sind vier feste Standbeine, die ich habe.  Zum einen bin ich Schauspieler, das heißt Theaterschauspieler, in eigenen Projekten und im Film und Fernsehen. Ich spreche Hörbücher und mache TV und Radio Werbung. Bin außerdem Auftragsautor, schreibe also für verschiedenste Institutionen Theaterstücke. Dann bin ich auch noch Coach; zum einen Schauspiel.- und Auftrittscoach. Ich coache z. B. Politiker und Vorstände, aber auch angehende und fertige Schauspieler:innen. Seit kurzem bin ich auch Schulleiter der Schauspielschule Mainz. Ich bin sehr froh, dass ich diese vier verschiedenen Standbeine habe, denn es gibt starke Zeiten für das Eine und schwache Zeiten für das Andere. So kann ich immer sehr gut abwechseln.

 

Du coachst Menschen darin, selbstsicheres Auftreten zu erlangen. Gibt es da einen universellen Tipp, den du mir geben könntest?

 

Das ist gar nicht so einfach auf einen Punkt zu bringen. Mein Coaching ist ein psychologisch fundiertes Konzept. Zusammen mit meiner Frau, die Psychotherapeutin ist, haben wir dieses zusammengestellt. Aber nein, ein universeller Tipp ist eigentlich Quatsch. Ich gehe ganz individuell auf jeden Menschen ein. Für uns Schauspieler sind viele Dinge in unserem Auftreten ganz logisch, aber für andere, die es nicht gelernt haben, nicht. Ich spiegele das Auftreten dieser Leute und sage ihnen, was passt und was eher nicht. Ziel ist es, ein selbstsicheres, solides und vor allem sympathisches Auftreten zu erlangen. Aber klar, gibt es Handwerk, auf das man zurückgreift. Ein guter Tipp für jemanden, der zum Beispiel ganz schnell spricht, ist es, rote Punkte auf sein Manuskript zu kleben. Bei jedem roten Punkt  weiß er dann, dass er langsamer sprechen soll. Aber das Coaching ist, wie gesagt, nur ein Bestandteil. Mein Hauptfokus liegt eher auf dem Schreiben von  Auftragswerken als Histotainmenter und das Spielen dieser Stücke. 
 

Eines dieser Stücke heißt Die Stadtgeschiche Brettens – dort spielst du als einziger Schauspieler alle Rollen. Wie kann ich mir das vorstellen?

Ich spiele meistens 10 oder mehr Personen auf einmal. Das liegt daran, dass ich versuche komplexe Geschichte so darzustellen, dass man ihr folgen kann. Ich erzähle Geschichte immer über Emotionen, indem ich Personen spiele, seien es historische Persönlichkeiten oder erfundene Personen, um somit dem Zuschauer zu ermöglichen mit der Person zu fühlen und sich vielleicht sogar mit ihr zu identifizieren. Das ist für viele Zuschauer faszinierend, wenn ein Schauspieler in 45 Minuten 13 Persönlichkeiten spielt und dabei Stimme und Körperlichkeit verändert. Das macht mir auch großen Spaß! Die Stadtgeschichte Brettens kam auch wirklich so gut an, dass es als Hörspiel herausgebracht wurde, welches man im dortigen Merchandising Shop kaufen kann. 
 

Dein Konzept Geschichte in spannend wiederzugeben, hätte ich mir zu meiner Schulzeit gerne gewünscht! Wäre so eine Form des Geschichtsunterrichts nicht auch an Schulen möglich? 

Es ist auch wirklich spannend! Ich bin mit diesen Stücken bereits viel an Schulen unterwegs. Die Stadtgeschichte war zu Beginn gar nicht bloß für Schüler gedacht, sondern sollte vielmehr für Erwachsene sein. Nach der Premiere haben wir dann aber festgestellt, dass es auch für Schüler gut funktionieren könnte. So habe ich dann angefangen auch an Schulen zu spielen. Seit 2011 führe ich auch eine Variante der Nibelungensage („Ich bin nicht Siegfried“), auf. Danach biete ich immer noch ein Gespräch an. Mir macht es wirklich großen Spaß Schülern Geschichte näher zu bringen. Vor allem, wenn die Schüler vorher etwas skeptisch sind, da ich alleine schauspielere, danach aber sehr begeistert sind. Ich denke, ein lustiges, leidenschaftliches Stück funktioniert für alle Altersklassen, sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Auftritte gibt es aber leider schon seit dem März nicht mehr und ich denke, dass es auch in absehbarer Zeit eher schwierig wird. Gerade was die Zusammenarbeit mit Schulen angeht. Ich hoffe natürlich, dass es 2021 wieder weitergehen kann. Vorher bin ich nicht ganz so optimistisch, bin aber natürlich froh, wenn es doch dazu kommt. 

Ich habe gelesen, dass zu deinen speziellen Kenntnissen das Sprechen für Computerspiele zählt. Wie kamst du dazu?

In den Sprecherjob bin ich auch eher reingerutscht, als dass ich ihn gesucht habe. Einmal kamen Schüler nach der Nibelungen-Aufführung auf mich zu und fragten mich, ob ich nicht Synchronsprecher sei, weil ihnen meine Stimme so bekannt vorkäme. Da dachte ich mir nicht dass ich wüsste. Dann führte Eins zum Anderen und ich hab mich bei verschiedenen Tonstudios beworben. Das hat dann auch gut funktioniert. Ich habe unter anderem Werbung gemacht und auch für Computerspiele eingesprochen. Ich bin privat aber überhaupt kein Computerspieler. Mit Star Wars etc., kenne ich mich gar nicht aus. Dann wirst du aber angefragt und kriegst im Hintergrund mit, dass das Riesenspiele sind. Auch  Animes habe ich eingesprochen und deshalb sogar Fanpost erhalten, weil jemand herausgefunden hat, dass ich die Stimme eingesprochen habe. Ein wirklich spannender Markt! Was den Computerspielmarkt auch nochmal von anderen unterscheidet, ist dass man oftmals ohne Bild einspricht. Man hat wirklich nur den Text vor sich und muss sekundengenau einsprechen. Dabei muss man seine ganze Vorstellungskraft aufbringen, um sich hineinzufühlen. Das kann ganz spannend, aber gleichzeitig absurd sein, wenn man beispielsweise für ein Kriegsspiel einspricht. Meistens hört man erst am Ende, beim Zusammensetzen aller Stimmen, ob man gute Arbeit geleistet hat oder nicht. Besonders viel Spaß hat mir das Einsprechen des Kinderhörbuchs Käpt'n Sharky gemacht. Dort waren wir zu fünft im Studio und haben das Hörbuch gemeinsam eingesprochen. Das ist dann natürlich nochmal etwas ganz anderes und hat mehr mit der Arbeit als Schauspieler zu tun.

 

Ich kann mir vorstellen, dass du als Schauspieler oft „Mach mal was“ zu hören bekommst. Wie reagierst du darauf? 

 

Das kenne ich gut aus meinem Bekanntenkreis. Da heißt es dann oft Wein doch mal! Was natürlich auch Quatsch ist. Darum geht es ja gar nicht. Meiner Meinung nach, geht es vielmehr um Vorgänge. Wenn ich zum Beispiel an das Stück Amadeus denke, wo ich ich den Mozart gespielt habe.  Dort ergaben sich viele Dinge erst auf der Bühne. Es geht dann viel mehr darum im Moment zu sein, das ist die große und auch schwierige Arbeit des Schauspielers. Man reagiert automatisch immer etwas anders, als das Mal zuvor. Das heißt, es gibt gar keinen Grund immer zu weinen. Im Schauspiel geht es darum, dem anderen zuzuhören, das aufzunehmen und darauf zu reagieren. Wenn man dann wirklich in dieser Situation ist und dann kommt eine ehrliche Träne, so ist sie auch richtig und authentisch. Aber nur so zu tun als ob, finde ich persönlich langweilig. Deswegen entgegne ich solchen Aussagen dann gerne mit Bau doch mal nen Schrank, du bist doch Schreiner! Das ist im Prinzip genau das gleiche. Mittlerweile bin ich 12 Jahre am Theater und da eignet man sich ein gewisses Handwerkszeug an. Dann weiß ich irgendwann auch, was der Regisseur will, wenn er sagt Mach doch mal!.
 

Als Philosophiestudentin musste ich mir oft anhören, dass ich mal Taxifahrerin werde. Gibt es da als Schauspieler auch solche Vorurteile?

 

Was machen Sie morgens?, ist eine ganz typische und häufig gestellte Frage, weil wir meistens abends spielen am Theater. Viele wissen einfach nicht, wie viel wir proben und das der Schauspielberuf ein Full-Time-Job ist. Man probt in Schichten, entweder morgens von 10-14 Uhr und/oder abends von 18-22 Uhr. Es kommt auch mal vor, dass man 8-9 Stunden am Stück probt, gerade wenn es die eigenen Stücke sind oder auch mal nachts. Es ist kein Job, bei dem man pünktlich um 17 Uhr  nach hause geht. Privates und Arbeit ist nicht immer einfach unter einen Hut zu bekommen. Ich musste auch schon mal eine Hochzeit absagen, also zum Glück nicht meine eigene, aber als Gast, weil ich abends spielen musste. Aber natürlich ist es einfach toll, auf der Bühne stehen zu können, auch wenn es mal der 25.12 ist. An dem Weihnachtswochenende wollen Menschen immer besonders gerne ins Theater. Aber trotzdem, es ist genau das was ich machen will. 

 

Zu guter Letzt: Welche Projekte stehen bei dir an? 


Wie ich bereits erwähnte, sind Corona bedingt viele Auftritte abgesagt worden, zunächst bis 2021. Natürlich hoffe ich, dass es früher wieder möglich sein wird zu Spielen, bin da ehrlich gesagt aber wenig optimistisch. Trotzdem werde ich mich in jedem Fall viel mit dem Schreiben beschäftigen. Ende des Jahres wird etwas Spannendes über eine Festung erscheinen. Für das kommende Jahr stehe ich bereits mit einem weiteren Museum in Kontakt. Dort wird es um die Geschichte der Römer gehen. Es wird also sehr facettenreich. Zu einem wird die Festungsgeschichte mit 300 Jahren Umfang thematisiert, auf der anderen Seite die Römer in Rheinland-Pfalz. Zudem kommt vielleicht noch ein Kloster aus Österreich hinzu. Dabei muss man natürlich bedenken, dass jedes Stück 6 Monate in Anspruch nimmt. Ich setze mich also nicht einfach kurz hin und lese etwas, nein, es kostet viel Zeit. In meinem Job passiert auch Vieles spontan. Da kann es sein, dass mich jemand anruft und sagt Herr Leo, sprechen Sie nächste Woche diesen Werbespot ein. Man kann nur sehr schwer planen. Die Projekte, die ich eben erwähnt habe sind auch große Projekte und nicht einfach mal kurz gemacht. Ich bin da also guter Dinge, dass es danach auch wieder gut weitergeht. Bei mir ist also einiges in Gange, aber nichts, was wirklich aktuell ist. Es bietet mir aber eine Perspektive, die für viele Freiberufler während der Corona-Zeit, vor allem im Kulturbereich, sehr schwierig war. Jetzt sehe ich wieder eine Perspektive und das ist sehr, sehr schön. Jeder Mensch braucht eine Perspektive. Das hat auch zwangsläufig gar nicht immer mit Geld zu tun, sondern damit, eine Aufgabe zu haben.

Weiterführende Informationen findet ihr auch auf seiner Website hier.
Nachfolgend findet ihr auch das ungekürzte Interview zum hören auf Youtube.