KUNST:
TABEA VIRGINIA (Wiesbaden)

01.10.2020 (Interview: Carolin Auer)

Drag bedeutet das Geschlecht nicht ernst zu nehmen. Mit künstlerisch inszenierten Fotos von Drag Kings and Queens aus Deutschland, möchte Tabea Virginia mit ihrem Buch die Facetten dieser schillernden Persönlichkeiten zeigen, den Menschen dahinter beleuchten, aufklären und für mehr Akzeptanz des Themas sorgen.

Die gebürtige Wiesbadenerin machte einen Road Trip durch Deutschland und besuchte 15 Drag Kings und Queens, für die sie jeweils passend zur Persönlichkeit ein Konzept kreierte. Sie lädt in ihrem Buch dazu ein in diese einzigartigen Welten einzutauchen. Kombiniert mit politischen Statements der Drags ist ein Buch entstanden, dass einem viel über Akzeptanz, Selbstliebe und Mut zum Leben zeigt. 
 

Begeisterung in jeder Altersgruppe

 

Über die Leidenschaft für Mode, die Tabea in ihrer Ausbildung als Maßschneiderin auslebte, stieß sie das erste mal auf die pompösen und beeindruckenden Kostümierungen. So fing ihre persönlichen Faszination für Drag an. Eine Welt in der Männer und Frauen mit den Geschlechterrollen spielen und sich selbst in Form von Kostümierung und einer Show neu erfinden und inszenieren. Später entdeckte sie „RuPaul’s Drag Race“, eine Reality Show aus Amerika. „Das war für mich was ganz interessantes, da es eben um Menschen ging, die Outfits kreieren, Kostüme machen, nähen, sich schminken, Perücken machen und stylen und damit in einem Wettbewerb performen.“

 

In Amerika, London und Thailand hörte man von Drag, aber „wie ist denn eigentlich die Szene in Deutschland?“ frage sich Tabea irgendwann und begann sich zu informieren. Dabei entdeckte sie in Frankfurt den DragSlam und besuchte deren Veranstaltungen. Vor allem faszinierte sie das Erleben von Drag und „ich fand auch die Zuschauer super spannend und bunt gemischt. Es waren einige dabei, die waren um die 18 Jahre rum bis hin zu den 70/80ern. Es gab keine direkte Zielgruppe, sondern sprach Menschen aus den verschiedensten Schichten und Altersgruppen an.“

Krise bedeutet auch Chance

 

Im März begann ihr Bachelorprojekt für ihr Kommunikationsdesign Studium in Mainz und es lag auf der Hand diese Faszination zu vertiefen. Zuerst war der Plan ihre Fotografie in Form einer Ausstellung zu zeigen, doch dann dachte sie sich „es wäre schön, das Ganze in einem Buch zusammenzufassen, um es greifbarer zu machen, da viele Menschen das Thema noch nicht kennen und nicht damit in Berührung kamen. Ich hatte das Gefühl, dass ich es mit einem Buch besser erklären und zeigen kann. Meine Welt - so wie ich Drag sehe.“

 

Das erste Shooting mit Lele Cocoon war ein voller Erfolg, doch leider wurde ihre Tatendrang durch Corona gebremst und alles lag erstmal auf Eis. Mit der Zeit stieg in ihr die Befürchtung, dass sie die hart erarbeiteten Kontakte verlieren könnte. „Vor allem da ich erst ein Shooting hatte konnte ich ja auch noch nicht so viel zeigen, sondern es ging viel um Vertrauen und um Interesse an meinem Projekt.“ Um die Aufmerksamkeit zurück zu bekommen und um zu zeigen wie sie als Fotografin arbeite fing sie an eine Reihe Selbstportraits anzufertigen. „Über Social Media haben das ja auch einige Fotografen gemacht, dass sie selbst vor die Kamera getreten sind. Da dachte ich, dass probiere ich auch aus und wollte auch immer ein Konzept dahinter haben, weil ich ja auch zeigen wollte, was ich mit den Drag Künstlern vor habe. So habe ich mich selbst in verschiedenen Sets inszeniert“ erklärt Tabea die Idee hinter ihren aufregenden Selbstportraits. 

Formwandlerin

 

In ihrer Kindheit wuchs Tabea mit dem Gefühl auf sich einer Geschlechterrolle zuordnen zu müssen, fand sich aber in keiner wirklich wieder. Sie verstand nicht, wieso sie nicht die Einkäufe mit hochtragen durfte oder mit am Auto basteln. Sie verstand nicht warum diese Rolle nur den Männern zugeordnet war. Ihre Rebellion mit den Geschlechterrollen hält bis heute an. Während ihrer Bachelorarbeit wurde sie von den Drag Künstler*innen gefragt, ob sie dazugehöre. „Muss ich mich denn definieren?“ fragte sie sich. „Deshalb hab ich den Begriff Formwandler gewählt, da es für mich am ehesten zutrifft.“ Sie lerne unglaublich gerne Menschen kennen und lasse sich von ihrer Art sich auszudrücken inspirieren.

Raus aus der Schublade

 

Als die ersten Corona Regelungen gelockert wurden, hatte sie noch 30 Tage zeit ihr Projekt umzusetzen und begab sich auf einen sicheren, isolierten road trip zu den Drags. „Ich dachte das es schwer wird ein großes Spektrum zusammen zu bekommen, aber dann ist mir aufgefallen, dass jeder so individuell ist, dass man da niemanden vergleichen kann.“ stellte Tabea fest und in ihr wuchs die Neugier auf das Spektrum an Menschen die sie kennenlernen würde. Auch ein schöner Lernfaktor aus dieser Zeit sei „das man ja manchmal, auch wenn man versucht aus dem Schubladendenken auszubrechen, zurück fällt und versucht die Drag Künstler*innen in Kategorien zu teilen. In Amerika gibt es da Comedy Queen, Fishy Queen, Performance Queen etc - man versucht es zuzuordnen, aber es geht eigentlich nicht.“

 

Fishy Queen sei ein Begriff der von dem fischigen Geruch des Intimbereichs einer Frau abgeleitet wurde und zeige eine besonders weibliche Queen, die viel ihren Körper zeigt und sich sexy verhält, erklärt Tabea leicht verschämt und ist sich nicht sicher, ob die Queens in Deutschland sich dieser Bedeutung immer alle bewusst sind. 
 

Es gibt mehr als Mann und Frau

 

Tabea möchte mit ihrer Arbeit eine Plattform für die künstlerische Entfaltung, aber auch für politische Statements bieten. „Auch wenn in den letzten Jahren politisch unglaublich viel passiert ist, gibt es immer noch viel wo dringend dran gearbeitet werden sollte.“

 

Für viele Menschen sei Drag immer noch ein schwieriges Thema. Viele fühlen sich in ihrer Sexualität angegriffen, grenzen sich direkt ab und möchten nichts damit zu tun haben. Dabei gehe es bei Drag um die Kunstform und nicht um die Sexualität. Durch die Frauenbewegung sei viel passiert, auch im Thema Offenheit mit dem Geschlecht. Dennoch gäbe es genug Themen die nicht angesprochen oder akzeptiert werden und es herrsche noch zu viel hass. „Das ist etwas wofür die Drags viel kämpfen - für diese Offenheit, dass man auch über Probleme, Themen und Klischeebilder kommuniziert.“ erzählt uns Tabea.

 

Umso wichtiger war es ihr den Drag Künstler*innen Raum zu lassen und eine Bühne zu bieten, wo sie frei ihre Meinung teilen können. „Ich glaube es gibt viele Menschen, die im ersten Moment davon abgeschreckt sind, aber wenn man sich genauer damit beschäftigt, sind die Menschen auch nicht anders als jeder andere. Daher ist es wichtig, dass Drag nicht für jeden nur eine Rolle, also ein Theaterstück ist, sondern eine Erweiterung ihrer Persönlichkeit.”

 

In der Geschichte sei die LGBTQ+ Bewegung noch nicht so lange her. Man lerne das aber nicht in der Schule oder komme damit nicht in Kontakt, wenn man nicht in der Szene sei. Deshalb möchte sich Tabea dieser Aufgabe widmen und darauf Aufmerksam machen. 

So liegt es ihr besonders am Herzen den Menschen mitzuteilen, „das die Menschen eben nicht anders sind als wir, sondern genauso zu der Gesellschaft gehören und das sie deshalb nicht irgendwo ausgestoßen werden, als anders, krank oder merkwürdig bezeichnet werden, sonder das es eben Menschen sind, so wie du und ich. Das ist das was ich versuchen will mit meinem Buch. Deshalb finde ich es so schön ein Buch zu haben, was man Menschen zeigen kann, um ihnen genau diese anderen Seiten zu zeigen die Menschen haben können.“

Kleiner Exkurs

 

Erst 1969 war der Aufstand in Stonewall, der heute als Christopher Street Day gefeiert wird und als der Wandlungspunkt der Gleichbehandlung gesehen wird. So entstand über die Jahre die LGBT+ Community, wo alle, die sich dieser heteronormativen Gesellschaft nicht zuordnen konnten, dass erste mal Widerstand geleistet haben und bis heute dafür kämpfen als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft angesehen zu werden.


 

Tabea arbeitet noch an dem Buch und fotografiert weitere 15 Drag Künstler*innen. Ihr könnt ihr auf Instagram folgen, um auf dem aktuellen Stand zu sein oder ihr eine Nachricht schicken, falls ihr Interesse an dem Endprodukt habt.

 

Hier könnt ihr ihre Selbstinszenierungen sehen: https://www.instagram.com/tabea_virginia_fotografie/
und hier gehts zum Buch: https://www.instagram.com/thebookofdrag/.

 

Hier findet ihr das Interview auch als Audio in voller länge, wo ihr noch mehr Einblicke in die Entstehung des Buches und die Rebellion gegen die Geschlechterrollen bekommen könnt.

DAS AUSFÜHRLICHE INTERVIEW ZUM NACHHÖREN