KUNST: SIMON HEGENBERG

01.05.2020 (Fotos: Simon Hegenberg, Interview: Anna Meißner)

Simon Hegenberg steht zwischen fest geglaubten Punkten. Zwischen Fotografie, Videoprojektion, Illustration und Musik-Performance. Zwischen geistigem Einbruch und einer neuen Welt. Mit uns sprach der Kunstschaffende aus Wiesbaden über die aktuelle Situation der Pandemie, mitten im Kippmoment. Ein Interview zwischen Starre und Inspiration. 

 

Die Übersättigung der letzten Jahre, der Fokus auf eine sehr westliche, popkulturelle, hollywood-getriebene Welt, war unerträglich. Hannah Arendt spricht von der totalen Fiktion - das war in den letzten Jahren die totale Fiktion!“ Simon Hegenberg steht vor einem Eismeer, ein Eismeer, das durch die Covid-19-Pandemie entstanden ist. Ein Eismeer der Pandemie. Eine Starre, die von allen Menschen ausgehalten werden muss. Und auch von der Kunst. Eine Starre voller Wandel, voller sich bewegender Eisschollen. „Wir verstehen uns als schleimiger Film menschlicher Masse, der sich über die Kugel gezogen hat und wir müssen jetzt alle solidarisch miteinander umgehen. Und das ist flächendeckend, allumfassend. Das ist, was alle immer eingefordert haben in einem humanistischen Wesen. Darin werden neue Prozesse stattfinden.“ Unter Wasser gingen wir dem auf den Grund, suchten den Reset-Knopf der Welt und fanden Strömungen. Ein Interview zwischen geistigem Einbruch und neuer Zeit. Ein Interview mitten im Kippmoment. 

 

Deine Kunst, auch jene, die vor der COVID-19-Pandemie entstanden ist, empfinde ich als düster und kontrastreich. Ist diese Empfindung nicht gerade jetzt eine passende? 

Ich beschäftige mich unglaublich gerne mit der Thematik des Kippens und der Ebene von Kipp-Punkten. Ich bin stark inspiriert von der griechischen Mythologie, wo wir die Hybris als ganz großen Faktor betrachten. Ich meine, dass die letzten 70 Jahre der Moderne, der starke Fokus auf eine turbokapitalistische und neoliberale Welt, doch sehr große Fratzen aufgemacht hat. Ich denke, da gibt es auch diesen Blick drauf: Das ist ein düsteres Bild. Und man hat eine Empfindung, dass ich das gerne zeige. Aber das ist etwas Narrenhaftes. Ich habe das Gefühl, das liegt näher an der Realität, wenn ich das Große und Ganze zusammennehme. 

Da gibt es interessanterweise auch viele Positionen, die sagen: Diese Mikro- und Makroebene in der Kunst, das ganz Große mit dem ganz Kleinen verbunden, das ist sehr schwer zu fassen. Also wenn es ein Fallbeispiel gibt, dass es doch passend ist, dann ist es aktuell diese Krise. Wir bezeichnen das als Krise, ich denke, das ist ein biologischer Vorgang, ein Kipppunkt, der auch nicht zum ersten Mal passiert ist. Wenn wir spekulativ annehmen, dass der Virus aus einem Tier kam: Welche Punkte, welche Kreuzungen, welches Delta wird denn da angegriffen? Massenveranstaltungen, Massentourismus, Fleischkonsum, ökologischer Brandraub - das sind diese Faktoren. Wir dringen als Menschen in eine Welt ein, und ich denke, dass es nicht gut ist, wenn die bildenden Künstler*innen anfangen, sich als moralisch oder zu politisch aufzustellen. Aber eine Aufgabe ist, bei extremen Grenzüberschreitungen, die in den letzten 15 bis 20 Jahren ein Dauerzustand waren - ich sag nur Dieselaffäre - eine Warnung zu geben.

Also sollen Künstler und Künstlerinnen politisch sein?

Das ist das Dilemma. Ich denke, Kunst kann nicht unpolitisch sein. Mir persönlich macht es sehr viel Freude, dies nicht offensichtlich zu zeigen. Ich versuche das immer in ein Narrativ einzubinden, in eine Stimmung. Ich glaube, dass wir über Stimmungen unglaublich gut kommunizieren können. Das ist das Faszinierende an einer abstrakten Arbeit: Man steht davor und entweder man interessiert sich dafür oder eben nicht. Woran liegt das? Das ist eine Stimmung, das kommuniziert mit jemandem. Und in diesen Narrativen können politische Botschaften viel besser übertragen werden, als in einer oberflächlichen Ästhetik. Und das ist die Arbeit: Diese Bandbreite genau zu justieren, da auch handwerklich gut zu werden drin. Wo kann ich etwas mitgeben, und wo ist es zu viel, sodass Menschen in meiner Geschichte nicht mehr mitgehen können? Wo finde ich diesen Punkt? Die Ermittlung dieses Punktes ist viel wichtiger als die ästhetische Aussage, die dahinter steckt, oder als das Objekt selbst.

Hast du diesen Punkt schon einmal nicht gefunden oder eine Grenze überschritten?

Jeden Abend. Ich scheitere jeden Tag. Das ist definitiv der Fall. Das Scheitern, diese Also-sprach-Zarathustra-Nummer, ist eigentlich meine Arbeit. Dadurch, dass ich multimedial arbeite, muss ich kopfmäßig an meine Werke rangehen und das ist sehr müßig. Eigentlich funktioniert das, was ich erzählen möchte, nur in Räumen mit größerem Aufwand. Ich tue mich immer noch schwer damit, das zu akzeptieren, da es auch ökonomisch ein Desaster bedeutet. Aber im Endeffekt ist das auf jeden Fall zutreffend. 

Du hast gesagt, du arbeitest und suchst nach Stimmungen. Welche Bedeutung haben Motive und Figuren für dich?

Ich versuche zum Beispiel den Menschen komplett rauszulassen oder ihn zu deformieren. Das ist ein Punkt, den ich immer wieder aushandle: Wieviel lasse ich vom Menschen übrig?  Das ist auch diese Märchengeschichte, das hat etwas fast Kitschiges, wenn man aus seinen Bildern die Menschen herausnimmt. Das ist eine Traumsequenz. 

Wie wird die Corona-Zeit von dir als Kunstschaffender in Hinblick auf Kreativität und Ideenentwicklung erlebt?

Für mich ist das verrückt! Als Kunstschaffender habe ich, abgesehen von den gesundheitlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problematiken, das Gefühl, ich bin momentan überhaupt nicht in der Lage etwas Künstlerisches zu schaffen. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich es will oder kann, aber vor allen Dingen: Ich soll das gar nicht! Ich habe gerade eine, bildlich gesprochen, Casper-David-Friedrische Momentsituation: Ich gucke auf dieses Eismeer! Das klingt ein bisschen nach Pathos. Aber ich habe geistigen Urlaub, seit 15 Jahren das erste Mal. Künstler und Künstlerinnen sollen ein Spiegel der Gesellschaft sein, das ist das große Narrativ. Wir sind ein Hintergrundfolio und können Dinge auf anderer Ebene reflektieren und wieder zurückgeben, das ist dieser Versuch zumindest, aber ich kann das gerade nicht. Die Menschheit macht das gerade selbst, in Echtzeit. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich irgendwie zum Diskurs beitragen könnte. Das wird verstärkt wiederkommen. Wenn das alles hinter uns liegt, ist Positionierung gefragt! Aber jetzt in so einen Aktionismus zu treten, einen Song oder ein Bild über Corona zu machen, dazu kann ich mich nicht zwingen. Wir sind gerade in einer Starre, und diese Starre auszuhalten ist ganz wichtig. Nach innen gehen, reflektieren, beobachten, sodass wir in ein paar Monaten alle solidarisch miteinander sind und die wichtigen sozialen und kulturellen Fragen gemeinsam stellen.

Kannst du aus dieser Zeit dennoch etwas mitnehmen für dein Künstlerdasein?

Definitiv! Ich glaube, das ist der größte geistige Einbruch, den ich in meinem Leben verbuchen darf. Deswegen ist da auch so ein großer Respektraum dem gegenüber: Ich weiß, dass das ganz viel verändern wird! Da geht es auch ganz stark um Infrastrukturen: Wie können wir wirtschaftlich leisten, dass wir weiterhin diese Kunst machen können? Da wird es systemrelevante Veränderungen geben, in welche der Kulturbereich ganz stark einbezogen werden muss. Eine ganz tolle solidarische Situation war für mich, dass am Anfang der Krise der Aufruf kam, dass Künstler*innen und Solo-Selbstständige geschützt und aufgefangen werden müssen. Künstlerinnen und Künstler werden jetzt in eine Mitte der Gesellschaft hineingenommen, da sie eben doch stark systemrelevant sind. 

 

Und wie sieht die Veränderung, die durch die Pandemie entstehen wird, konkret aus?

Ich hatte in den letzten drei Jahren, das merke ich jetzt auch ganz stark, eine gewisse Orientierungslosigkeit. Ich wusste nicht mehr, was meine Aufgabe ist. Geht es um einen Unterhaltungsfaktor? Muss ich eine politische Meinung eingehen? Geht es um Ethik, Moral, reine Ästhetik? Kunst, der Begriff, wurde komplett ökonomisiert und institutionalisiert. Alles wurde kreativ. Ich habe mich gefragt: Male ich ein Bild, weil ich es verkaufen möchte oder weil ich es mag? Das ist die falscheste Frage überhaupt. Ich musste das aber aus ökonomischen Anlässen tun. Ich musste mich entscheiden. Und ich hoffe, dass das aufhört. Nicht aus dem Gedanken heraus, dass ich mich nicht mehr entscheiden möchte. Sondern aus dem Anlass heraus, dass ich es eher weiß, dass ich es schneller einschätzen kann. Ich habe das Gefühl, dass wir in den letzten fünf Jahren gepokert haben: Ich habe einen Job, wie viel Kunst kann ich da noch hineindrücken, dass ich noch als künstlerisch Tätiger wahrgenommen werde? Das ist bürgerlich bieder, auch diese Vorsichtigkeit, die wir uns darin antrainiert haben.

Auch ein künstlerisches Dilemma: Kann ich überhaupt machen, was ich möchte, oder sind andere Faktoren von größerer Bedeutung. 

Total. Auch diese Seichtheit. Dadurch entwickelt sich auch eine unpolitische Meinung. Dieses letzte Refugium, das letzte stilistische Mittel war diese Auto-Tune-Nummer. Damit mache ich mir vielleicht keine Freunde - und man könnte das auch als kulturpessimistisch begreifen, sich darüber aufzuregen, dass es Stilistiken gibt, die sich durchsetzen - aber überall wo ich war, im Supermarkt, im Klamottenladen, bei mir im Studio, bei Spotify: Alles war voll von Auto-Tune! Und da muss ich doch mal ernsthaft die Frage stellen: Was ist das denn? Ich überlasse es einer Maschine, meine Information so zu beeinflussen, dass ich nicht mehr verstehe, was die Information war. Das ist jetzt eine subjektive Meinung, aber da kannst du ja Leute mit quälen, mit diesem Sound! Und dahinter ist ganz klar eine politische Aussage und darin nehme ich es sehr ernst! Die politische Aussage von Auto-Tune ist Verweigerung. Das ist eine ganz klare Sache. Ich erzähl dir gar nicht mehr, was ich denke. Denn ehrlich gesagt, ich weiß es gar nicht. Wie soll man das auch wissen, in einer Welt, die sich globalisiert abspielt und die komplex wird und in Ermangelung an Möglichkeiten, die ich als einzelner Mensch habe… ja. Da kommen wir jetzt vom Steinchen aufs Stöckchen, oder wie heißt das?

Ja, ich glaube, das ist die Redewendung. (Anm. d. Red.: Nein! Es heißt vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen!) Aber zur Frage zurück: Welche Veränderungen wird oder könnte es geben?

Jetzt hört auch eine Welt, eine Zeit auf. Ich glaube, dass wir als Kunstschaffende nun essenzieller und direkter kommunizieren dürfen. Wir werden uns mit diesem Thema stark beschäftigen dürfen. Es gibt eine Zeit davor und es wird eine Zeit danach geben und, was soll ich machen, ich definiere mich über einen großen Prozentsatz über die Kunst und deswegen wird das auch einen starken Einfluss darauf haben. Ich frage mich in den letzten Tagen immer wieder: Wird darauf eine Romantik folgen, wird darauf eine Kälte folgen? Aus dem oder innerhalb des Zweiten Weltkrieg ist der Expressionismus entstanden. Ich möchte diese Situation jetzt auf keinen Fall mit dem Zweiten Weltkrieg vergleichen. Aber wir müssen davon ausgehen, dass das gesellschaftlich sehr viele Folgen haben wird. Der Expressionismus war eine düstere Situation. Aber ich hoffe, dass wir uns in einer neuen Zeit befinden werden und wir selbst davon überrascht werden, dass es etwas Neues geben wird. Und vielleicht können wir uns, ganz romantisch gesagt, darin umarmen. 

 

Außerdem sprach Simon mit uns über seine aktuellen Projekte, das Rhein-Main-Gebiet und erklärte, warum es bald inspirierende Orgien geben könnte. Hier könnt ihr das Interview noch einmal in voller Länge hören. 

 

Steckbrief

Name:
Simon Hegenberg

 

Kunstformen:
Fotografie, Video, Plastik, Sound, Malerei

Wohnort:
Wiesbaden

Aktuelle Projekte:
-Videokunst und Projektion am Düsseldorfer Schauspielhaus (Uraufführung: Gott von Ferdinand von Schirach)

- Katalogprojekte

- Fastfood - oder der Junge, der nach den Wölfen rief (eine Märchenerzählung)

-The Infinity Depth (Bildband über Plastiken von 2018-2020)

-Filmprojekt im Rahmen der JVA Holzstraße (Thema: Bekämpfung von Extremismus) gemeinsam mit Peter Ederer (Illustrator) und Niklas Kleber (Composer/Musikproduzent)

-Musik und Performance, MEDEA PLASTIK, gemeinsam mit Llewellyn Reichman

Inspirationen:

Chris Cunningham, Pierre Huyghe, Albert Oehlen, Martin Kippenberger, Christoph Schlingensief, Maria Lassnig, Isa Genzken, Lars von Trier

 

Wiesbaden und Mainz sind für mich:

Das Rhein-Main-Gebiet: Eines der interessantesten Ballungsgebiete Deutschlands.
(Warum? Hört euch das Interview an!)

Fun Fact:

Simon kannte uns schon vor diesem Gespräch, da er Llewellyn Reichman im Rahmen des Interviews fotografierte. (Das Interview von und mit Llewellyn Reichman findet ihr hier.)

Das komplette Interview mit Simon gleich hier auf der Seite hören!