IM INTERVIEW: SHAKERS / KONGLOMERAT

01.05.2020 (Bild: Thomas Pirot, Interview: Jannek Ramm)

Als Shakers haben sie gerade ihre erste LP “I need you to know” draußen, doch Julius und Chrisse sind auch Teil des Konglomerat Kollektivs, einem Zusammenschluss vieler Künstler*innen aus Mainz und Wiesbaden, die sich für mehr Subkultur organisieren. Ein Gespräch über DIY Konzerte, Post-Hardcore, was das eigentlich ist, und natürlich, das gute alte Geld...

 

Bevor wir über das neue Shakers Album sprechen, erzählt doch mal ein bisschen über das Konglomerat Kollektiv. Was ist das und wie hängt das mit eurer Musik zusammen?

Chrisse: Das Konglomerat Kollektiv ist aus einer Konzertgruppe heraus entstanden, das war im Prinzip eine Gruppe von Freund*innen, die Bock hatten DIY Konzerte zu machen. Viele hatten das in ihren Heimatorten schon gemacht, sei es Hannover, Mainz oder dem Rheingau, wo Julius und ich herkommen. Musikalisch war das dabei immer im weitesten Sinne der Punk-Hardcore-Bereich. Angefangen hat alles hier in Mainz, im Haus Mainusch, später dann auch im Sabot in Wiesbaden oder in der Kreativfabrik. Darüber hinaus hat es sich dann irgendwann ergeben, dass drei der Bands, die in diesem Kollektiv unterwegs sind, relativ zeitgleich Alben aufgenommen haben. Da dachten wir, es macht doch Sinn, wenn wir die dann auch selbst rausbringen, haben das also in diesem Kollektiv zusammengeführt. Wobei wir auch gerne noch mit anderen Labels zusammenarbeiten. Neben den angesprochenen Bands, “La Petite Mort”, “Cool Living” und “Shakers”, sind aber auch Illustrator*innen, Grafiker*innen, Leute die Videos machen und Leute die alles Mögliche machen drin, aber auch Leute, die keinen klassischen künstlerischen Output haben und einfach Lust haben DIY und Subkultur zu supporten.

Wie viele Leute sind das insgesamt?

 

Chrisse: Ich überschlag mal kurz. Ich komme jetzt auf elf, es müssten aber insgesamt ne Schippe mehr sein.

 

Julius: Ich glaube knapp 20.

 

Chrisse: 20, OK. Es wächst auch stetig. Wir versuchen möglichst viele dabei zu haben. Bei der Größe ist es zwar nicht immer einfach demokratische Entscheidungen zu treffen oder vor allem dabei schnell zu sein, aber die Schwierigkeiten, die das mit sich bringen, sind wesentlich kleiner als der Spaß.

 

Habt ihr damit Einnahmen? Oder ist das ausschließlich Hobby?

 

Chrisse. (lacht) Im Gegenteil. Wir als Bands kennen das aus diesem DIY Kontext aber nicht anders. Ich weiß nicht wie viele Touren Julius und ich seit wir uns kennen zusammen gespielt haben. Der Normalfall ist schon, dass du draufbutterst. So eine Tour ist dann eher der Urlaub im Jahr. Ein bisschen was refinanziert sich darüber Merch oder Platten zu verkaufen, aber bei den Shows kann es natürlich auch passieren, dass man vor fünf Leuten spielt. Da buttern dann auch die Veranstalter drauf, die das ja auch DIY machen. Mit dem Kollektiv ist es jetzt allerdings ein bisschen einfacher, weil wir gesagt haben, dass jede*r so viel Kohle reinpackt, wie man kann. Es gibt keinen monatlichen Beitrag oder so etwas. Für die Pressung unseres ersten Release haben diejenigen von uns, die es zu dem Zeitpunkt entbehren konnten, Geld in einen Topf geworfen. Jetzt wo die Platte draußen ist, kommt auch wieder ein bisschen was rein, aber in der Stilrichtung, in der wir das machen, legt man in der Regel drauf. Man muss da also schon Bock drauf haben.

Wegen Corona und Co. konntet ihr die Release-Tour eures neuen Shakers Albums „I need you to know“ nicht spielen und musstet auch auf die Aufmerksamkeit verzichten, die so eine Tour mit sich bringt, mal abgesehen vom Spaß. Hilft es euch dabei Teil dieses Kollektivs zu sein, also auch mehr Leute zu erreichen?

 

Julius: In dieser ganzen Szene funktioniert es ja eh so, dass man irgendwie da rein rutscht und Leute kennenlernt. Wir sind ja keine Geschäftspartner*innen von den Leuten, die für uns Konzerte veranstalten oder den Labels, die unsere Platte mit finanziert haben, man ist da immer eher befreundet. Auch unter den Bands gibt es da auch immer die Connections: Wie habt ihr das gemacht, dass ihr da und da gespielt habt? Habt ihr da einen Kontakt? Dieser Zusammenschluss passiert sowieso, wir haben dem jetzt nur einen Namen gegeben.

 

Chrisse: Ja, wir haben das in eine Form gegossen, worauf diese Szene eh basiert. Als einzelne Bands haben wir natürlich auch unsere eigenen Kanäle, über die wir unsere Anliegen kommunizieren, aber die Idee hinter dem Konglomerat ist es auch das Ganze ein wenig zu kollektivieren, als zentrale Anlaufstelle.

 

Ihr bezeichnet eure Musik selbst als Post-Hardcore. Was macht meint dieses „Post“ dabei eigentlich genau?

 

Julius: Man kann sich dem Ganzen ja immer vom Sound her nähern oder musikhistorisch. Vom Sound her ist es für Außenstehende, meine Eltern zum Beispiel, erstmal nur Geschrei. Bei Shakers jetzt mit etwas mehr Melodie, aber rein vom Denken her kommen wir alle aus der Hardcore Szene. Bands, die uns dazu gebracht haben Musik zu machen, waren alles Harcore Bands aus den Nullerjahren. Sowas wie “Modern Life is War” oder “Have Heart” (die späteren), die auch aus dieser Hardcore Richtung kommen.  Die haben das Ganze allerdings mit Rockelementen und mehr Melodie verbunden und auch eine andere Dynamik aufgewiesen als nur dieses Uffta-Ufftta-Geprügel. Vor allem haben sie es textlich weiterentwickelt und nicht die ganze Zeit nur über den „Struggle auf der Street“ und „wir sind harte Männer“ gesungen haben, sondern auch mal über Gefühle oder sowas. Die Genrebezeichnung „Post“ Hardcore ist natürlich noch etwas älter und hat so in den 90ern mit “Fugazi” angefangen. Auch wenn wir vom Sound her mit “Fugazi” nichts zu tun haben, ist dieser Spirit, dieses DIY Ding für uns unheimlich wichtig und hat uns dementsprechend beeinflusst.

 

Hat sich diese Richtung für euch ergeben, als ihr zusammen gespielt habt, oder habt ihr euch schon mit dem Plan zusammengetan, genau diese Musik zu machen?

Julius: Das Songwriting kommt bei uns immer aus dem Moment heraus, habe ich das Gefühl. Klar, wir haben alle Bands, die wir cool finden und natürlich orientiert man sich auch daran. Jede*r von uns weiß, was da so der gemeinsame Nenner ist. So ist dann unser Sound entstanden. 

 

Chrisse: Alle Leute in dieser Band haben auch vorher schon in verschiedenen Konstellationen in Bands Musik gemacht. Früher hat man mehr rausgehört, dass wir die Mucke machen wollen, die wir auch hören. Den gemeinsamen Nenner hört man jetzt natürlich immer noch raus, aber in den letzten zwei, drei Jahren hat sich noch mal was getan. Es ist jetzt nicht mehr so wie noch als Teenie: Wir machen Hardcore, deswegen muss jetzt hier ein Breakdown kommen, sondern wir versuchen mehr zu experimentieren und weniger nach Schema-F zu schreiben. Das führt natürlich auch dazu, dass das Songwriting wesentlich länger dauert. Kurz vor den Aufnahmen zum neuen Album haben wir zum Beispiel noch an einem Song gefeilt, den wir vorher gar nicht live gespielt hatten.

 

Als Konglomerat, aber auch als Shakers verbindet ihr auch Mainz und Wiesbaden, was fällt euch zu diesen Städten ein? Und was fehlt hier vielleicht auch?

 

Julius: Hast du was für Mainz?

 

Chrisse: Ja, also erstmal als Einordnung: Ich bin als Studi nach Mainz gezogen, wie gesagt aus dem Rheingau, also mir war das jetzt nicht völlig fremd. Ich mag es sehr gern hier, vielleicht auch weil ich vom Dorf bin und Mainz jetzt nicht so riesengroß ist. Ich mag es ganz gerne, dass es hier noch einen ländlichen Flair hat. Was Subkultur betrifft, könnte hier vielleicht aber auch noch ein bisschen mehr gehen. Selbst dem Haus Mainusch wird es leider auch nicht leicht gemacht, die haben immer wieder zu kämpfen, um überhaupt weiter zu existieren. Also wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir mehr Rückzugsräume für die Subkultur wünschen und weniger Marktfrühstück.

 

Julius: Ich glaube Wiesbaden hat die gleichen Probleme wie Mainz. Klar, es gibt ein paar Orte, an denen ich mich wohlfühle, aber Wiesbaden ist schon sehr spießig und die meisten Leute ziehen weg, wenn sie alt genug sind, um weg zu ziehen. Ich studiere hier in Wiesbaden und habe nicht das Gefühl, dass es einen Studierenden-Flair gibt. Wir haben öfter mal auf dem Campus in Hannover im Stumpf gespielt oder in Landau im Fatal. So was gibt es hier, soweit ich weiß, gar nicht. Aber studentische Subkultur wäre doch cool, auch ohne dass man Abi hat.

Im ungekürzten Podcast haben wir unter anderem noch über die besten und beschissensten Shakers Konzerte gesprochen, die diese Welt bisher gesehen hat. Online findet ihr die Shakers und das Konglomerat Kollektiv unter: 

konglomeratkollektiv.bandcamp.com  oder  konglomeratkollektiv.limitedrun.com