LETZTE SABOTAGE

23.03.2020 (Foto: Kulturkneipe Sabot, Text: Jannek Ramm)

Die Kulturkneipe Sabot hätte zum Ende des Monats eh schließen müssen. Durch die Veranstaltungsverbote während der Corona-Pandemie wurde das Ende des Punkerkellers nun vorzeitig besiegelt. Sang und klanglos. Wir haben darüber nachgedacht, ob das nicht auch Vorteile hat. Ein Nachruf.

Letzte Sabotage 


Ein Sabot ist ein Holzschuh.

Es gab eine Zeit, da konnte das Verb saboter mit Holzschuhen trampeln oder treten bedeuten. Oder auch derb auftreten oder sich unschicklich verhalten. Bis französische Arbeiter*innen während der industriellen Revolution Holzschuhe in die Dreschmaschinen warfen, um gegen Mechanisierung von Arbeit zu protestieren oder eine Verkürzung ihrer Arbeitszeit zu erzwingen. Oder beides. Sabot nannte sich später aber auch eine Kulturkneipe mitten im Wiesbadener Westend, wo ebenfalls getrampelt und durchaus derb aufgetreten wurde. Etwa von Menschen, die auch nichts weiter gegen Verkürzung von Arbeitszeit einzuwenden hatten, solange es nicht um DIY-Kulturarbeit ging oder versoffene Bar-Abende. Und wo sich mitunter auch unschicklich verhalten wurde. Mit Vorsatz sogar.

Doch diesen Ort ereilte nun etwas, was in einem seriösen Nachruf nicht unerwähnt bleiben sollte: Der Tod. Nach einer Kündigung seitens der Vermieterin war eine Schließung zum April ohnehin nicht mehr abzuwenden. Doch vor einigen Tagen tropfte es dann auch durch meine, von Stillstand-Newstickern reizüberflutete, geistige Kellerdecke: Das Sabot, dieser Holzschuh in der Dreschmaschine Wiesbadener Kulturlandschaft, wird nie wieder seine ramponierte Schwermetalltür öffnen. Ein Ort, der längst am Rande der Wahrscheinlichkeit bestand, ist damit plötzlich vollständig entrückt. So gänzlich ohne rituellen Abschied, ohne innerlichen Vollstorno, ist er in diesen wirren Viruszeiten dabei mehr verschollen als wirklich versunken, mehr verschwunden als verendet. Doch vielleicht kann diese Ungewissheit einem tödlichen Prozess ein wenig Vorschub leisten: Dem Gedenken.

Sicher wird das Kellergeschehen eines Tages über das Fernweh der Anekdoten und die kleineren und größeren Übertreibungen in's Reich der „früher war alles besser“- Erzählung übertreten. Das Gefühl eines fehlenden Abschieds könnte nun aber auch helfen, das zu bedauern, was wirklich fehlt: Denn das ist nicht der Ort. Gerade in diesen Tagen ist es lebendige, laute, schmutzige Subkultur im Herzen einer Stadt, der es genau an diesen Eigenschaften fehlt.


Da ich nun aber ohnehin den Pfad der seriösen Nachrufschreiberei verlassen habe, muss ich wohl auch das mit dem Tod wieder ein wenig einschränken. Es sind ja nicht die Orte, die leben oder sterben, es sind die Ideen, die dort gelebt werden. Oder woanders. Und so gesehen meint das Wort Sabot dann doch weniger den maroden Keller, als den Holzschuh - wenn auch von Zeit zu Zeit als Schutzmantel des Fußes in der Tür städtischer Kulturpolitik. In diesem Sinne stirbt die Hoffnung stets zuletzt und über die möchte ich nun wirklich ungern einen seriösen Nachruf schreiben müssen. 

Wer das Sabot in dieser Zeit unterstützen möchte, kann das hier tun:

https://www.betterplace.me/sabot-soli-kampagne?fbclid=IwAR2Wu4x3uULZoLAlJLE1yY8Sgpj1NkiK7z5ygGXH68J9eNQRSwk2WJpe-ro