KUNST:
PROJEKTRAUMKUNST (Wiesbaden)
Angela Cremer & Ingrid Heuser

01.12.2020 (Interview: Patrick Gerner)

Wir befinden uns im projektraumKUNST in der Saalgasse 16, Wiesbaden und vor mir sitzen Angela Cremer und Ingrid Heuser, welche derzeit hier eine Ausstellung der besonderen Art organisieren. Außerdem stellen aus:
Antje Dienstbir, Ann Besier und Benjamin Semm.

Wir sprechen mit den beiden, was passiert hier eigentlich? Angela, du machst seit 30 Jahren Kunst, das hier ist dein Ausstellungsraum und Atelier, kannst du uns etwas zu diesem Raum erzählen?

Angela: Genau, wir sind hier in der Saalgasse in Wiesbaden und ich bekam vor ungefähr zwei Monaten diesen Raum von einem sehr, sehr netten Vermieter angeboten. Ich musste damals ziemlich zügig und kurzfristig aus meinem Atelier raus, zu dieser Zeit war der Kunstmarkt auf Abstand des NKV (wir berichteten) und dort habe ich für mein Gesuch ein Schild aufgestellt. Daraufhin hat sich über einen kleinen Umweg dann der Vermieter bei mir gemeldet, ob ich nicht Lust hätte mich in der Saalgasse einzurichten. Ich dachte mir natürlich „Oh, wow! Das ist ein super Ort, aber was kostet sowas in Wiesbaden?“. Ich hab mich natürlich zurückgemeldet, schließlich wäre die Saalgasse ein Traum und der erste Preis war auch so hoch, dass ich mir dachte „Danke für das nette Angebot, vielen Dank, aber nein Danke.“. Woraufhin der Vermieter tatsächlich schrieb: „Was können sie sich denn leisten?“.
Das war so nett und ich wollte natürlich nicht unverschämt sein, also hatte ich mir überlegt wie ich das Projekt mit anderen Künstler*innen zu arbeiten mit diesem Raum verbinden kann, so dass wir gemeinsam arbeiten und ausstellen können.

Das klingt jetzt erst mal sehr traumhaft in einer Zeit in der es für alle doch auch mal eher Alptraumartig zugehen kann, gerade auch noch, wenn man so wie du schnellstmöglich aus dem eigenen Atelier raus muss und ein neues finden muss, aber offensichtlich bist du dir mit dem Vermieter einig geworden und du konntest deine Idee vom gemeinsamen, künstlerischen Arbeiten wahr machen. Wir sitzen inmitten der Ausstellung „Quartal“, kannst du das ein wenig näher erklären?

Angela: Ja, gerne! Ich hatte mein Konzept innerhalb weniger Stunden grob zusammen, daraufhin bin ich zum Mindestabstands-Kunstmarkt geradelt und als erstes habe ich dort die Künstlerin Ingrid Häuser getroffen und ihr auch gleich davon erzählt und sie sagte ganz spontan, „Ja, da bin ich dabei!“. Diese kleine Erfolgsgeschichte sponn sich dann weiter und die Idee traf  auch bei den anderen Künstler*innen auf Begeisterung. Nach ein paar wenigen Tagen hatte ich dann die verbleibenden Künstler*innen zusammen. Das Konzept haben wir in der Gruppe dann noch weiter ausgetüftelt und verfeinert. Das spannende ist nämlich, dass wir eine dynamische Ausstellung haben. Es ist nicht so wie wir es gewöhnt sind mit einer zweimonatigen Ausstellung, einer Vernissage, man plaudert, trinkt seinen Riesling und dann ist rum. Ich schätze natürlich das Wiesbadener Galerie-System und auch das Museum ist großartig, aber ich glaube es fehlt in Wiesbaden ein Ort an den man gerne geht um über Kunst zu sprechen und Künstler zu treffen und damit dynamischen Austausch zu schaffen.

Deswegen stellen wir fünf Künstler*innen viermal unsere Ausstellung innerhalb dieser 3 Monate um. Damit haben die Besucher  viermal einen Grund vorbeizuschauen und die Künstler auch kennen zu lernen.

 Wie funktioniert das mit dem reinkommen und kennenlernen zu Zeiten Coronas?

Angela: Wir halten uns natürlich an die Corona-Auflagen, von daher dürfen wir auch Menschen in die Galerie hineinlassen und wir als Künstler*innen teilen uns die Aufsicht, heißt: Wir wechseln uns ab und man kann so gut wie immer eine*n von uns kennen lernen.

Ihr wirkt von außen sehr jung, erfrischend und einladend, darüber hinaus habt ihr euch für die Auktion bis 04.12.20 ein ganz besonderes Konzept überlegt.

Angela: Wir mussten natürlich von dem Veranstaltungskonzept einer Auktion wegkommen, wir können hier ja zurzeit keine 30 Leute reinlassen. Also haben wir mit der letzten Galerie-Umstellung nur noch Werke gehängt, die für die Auktion gedacht sind. Jetzt kann man sich die Bilder anschauen und seine Gebote per Mail, im Laden oder von vor dem Laden abgeben. Da man die meisten Werke von außen betrachten kann, haben wir draußen an der Eingangstür Gebotskarten, die man ausfüllen und unter der Tür durchschieben kann!

Wie ein kleiner Liebesbrief also!

Angela: Genau! Das Herz frohlockt auch, wenn dann tatsächlich mal was innen unter der Tür gefunden wird.

Klare Empfehlung meinerseits also, macht euch auf den Weg in die Saalgasse und schiebt einen kleinen Liebesbrief unter der Tür durch! Aber ich habe natürlich auch noch Fragen: Wie kamst du denn auf die Künstler die hier mit dir ausstellen?

Angela: Da war zum einen der BBK (Berufsverband bildender Künstler) und zum anderen durch den Mindestabstand Kunstmarkt des NKV. Da konnte ich dann live schauen, was begeistert mich, hinter welcher Kunst könnte ich auch in meiner Galerie stehen.

Damit hast du natürlich auch ein Projekt geschaffen, welches hilft in dieser schwierigen Zeit gemeinsam künstlerisch zu arbeiten. Bevor wir über Ingrid sprechen, vielleicht noch eine kurze Beschreibung deiner eigenen Kunst?
 

Angela: Ich ordne mich sehr ungern in den Bereich Malerei ein, da ich viel mit dem Material arbeite, ich bohre, schmiere, hämmere, schraube, stelle hervor und fühle mich dadurch dem Handwerk sehr nahe. Die meisten wollen auch meine Bilder am liebsten anfassen.

Darf man das denn?

Angela: Das kommt immer ganz drauf an, ich finde es gar nicht schlimm, wenn man meine Bilder anfasst, aber ich empfehle immer erst mal mit den Augen das Bild zu berühren, weil dann die Faszination viel länger anhält.

Vielen Dank dir Angela! Das ist eine sehr schöne und einleuchtende Beschreibung. Liebe Ingrid, du bist hier heute als eine der Künstleri*innen aus dieser Quartalsausstellung. Du hast viel Zeit deines künstlerischen Schaffens in Süd-Ostasien verbracht, darüber sogar ein Buch geschrieben, hat dich das stark in deiner Kunst geprägt?

Ingrid: In gewisser Weiße ja, aber auf weniger im Sinne von Techniken oder was man dem asiatischen zuschreibt. Was mich aber beeindruckt und geprägt hat ist das Leben und die Gesellschaft, welche sich doch stark von unserer Art zu Leben und unserer Gesellschaft unterscheidet. Sich dort, in dieser Gesellschaft über längere Zeit bewegen zu dürfen, war sehr fruchtbar. Am künstlerisch prägendsten für mich war allerdings Magdalena Abakanowicz, die das erste mal das Textil in die Skulptur mit hinein gebracht hat. Das war für viele Künstler ein echtes „Aha“-Erlebnis.

Du sagtest bereits die Worte „Textil“ und „Skulptur“, ich konnte auch schon sehen, dass du zwei-, sowie dreidimensional arbeitest. Du legst dich da nicht wirklich fest, oder?

Ingrid: Material ist für mich immer ein Ausdrucksträger, wenn ich also von einer Skulptur spreche, dann hat diese eine Oberfläche, beim Menschen wäre es die Haut und die Haut ist immer ein Trenner und ein Öffner. Nach außen hin Schutz, doch von außen kommen die Eindrücke und Empfindungen in den Menschen. In diesem Zusammenhang verwende ich Materialien, diese sind nie vorbestimmt, ich finde sie, wenn ich sie sehe. Wenn ich ein Gefühl vermittelt bekomme und weiß, es drückt etwas für mich aus, dann versuche ich den Ausdruck mit dieser „Haut“ umzusetzen. Das kann dann eine Skulptur werden oder zweidimensional, aber es bleibt der Ausdrucksträger der als entscheidendes Element die Kommunikation zum Betrachter herstellt.

Wenn man jetzt von Häuten und damit vielleicht auch Berührung spricht, ist es dann bei dir eine Berührung ohne anfassen?

Ingrid: Tjaein (lacht), dass zweidimensionale welches hinter Glas ist, würde ich gerne öfter aus dem Glas heraus holen um das Material besser zu präsentieren, allerdings sind die Materialien oft so fein, fast ein Hauch, dass viele Berührungen es doch schwierig machen würden die Werke zu erhalten.

Ist es für dich ein großer Zugewinn, hier trotz Corona und doch Corona-konform, mit anderen Künstlern auszustellen und künstlerisch zu arbeiten?

Ingrid: Auf jeden Fall, gerade jetzt, auch wenn natürlich weniger Leute kommen, aber wir sind nur der Anfang! Es folgen noch mehr „Quartale“ im nächsten Jahr und es hat so viel Freude gemacht dieses Projekt mit zu beginnen und zu sagen „Wir machen was!“.

Kanntest du die anderen Künstler*innen bereits?

Ingrid: Zum Teil, es war aber ein komplett neues arbeiten für mich und es hat mich regelrecht umgehauen, wie toll das gemeinsame arbeiten funktioniert, wie ähnlich oder bereichernd verschiedene Blickwinkel sein können.

Zum Glück bin ich nicht der einzige, der bei Anbetracht des Raumes in schwärmen verfällt. (lacht)
 

Weiterführende Informationen zum Projektraum findet ihr auch auf der Internetseite von Angela Cremer: http://www.angelacremer.de/und-was-gibts-neues/

Wenn ihr mehr über Ingrid Heuser erfahren wollt, könnt ihr auch auf ihrer Internetseite vorbeischauen: http://www.ingrid-heuser.de/

DAS AUSFÜHRLICHE INTERVIEW AB MORGEN  ZUM NACHHÖREN