KUNST:
OLIVER SPORT (Mainz)

01.06.2020 (Interview: Julia Dreja)

Man kann den Mainzer Rapper, Beatmaker und Pop Artisten Oliver Sport möglicherweise in einigen Dingen kritisieren, sei es in der provokanten Darstellung seiner Motive oder in den teilweise anrüchigen Ausdrücken in seinen Songs. Eines wird es mit Sicherheit dabei nie, und das ist langweilig, denn der Künstler liebt die Abwechslung und das Spektakel. Als knallig, bunt, laut - oft provozierend, bisweilen kritisch, aber immer sexy - beschreibt er seine Bilder. Kunst auf seine eigene quirlige Weise, aber in Pop Art Tradition von Warhol, Haring und Lichtenstein. Seit rund zehn Jahren macht Oliver Sport bereits Kunst. In seinen Anfängen kreierte er seine Werke aus grafischen Darstellungen und Figuren ausschließlich in schwarz-weiß. Bei einem Besuch im Supermarkt entdeckte er bunte Textmarker und seitdem ist es knallig. Auf den ersten Blick könnte mancher seine Bilder als etwas plakativ oder oberflächlich interpretieren, aber oft gibt es eine Message, die sich erst auf den zweiten Blick erschließt.

Wie kommst du auf deine Motive? Diese sind sehr unterschiedlich, mal ist es der Hummer mit Boxhandschuhen oder die Handgranate, aber du malst auch Aktbilder und Frauenportraits.

Ich mache mir da keine krassen Vorgaben, denn ich male worauf ich Lust habe. Dabei nehme ich das, was ich sehe: Im Internet, in der echten Welt oder in der Zeitung. Inspiration sind für mich Themen, wie Politik oder Feminismus, aber manchmal ist es auch ganz banal. Wenn ich Lust habe, eine nackte Frau oder einen nackten Mann zu malen, dann tue ich es. Manchmal male ich auch jemanden, den ich gut leiden kann oder ich setze eine kuriose Situation, die ich erlebt habe, um. Die Abwechslung macht mir einfach Spaß und dabei könnte ich wie am Fließband arbeiten. Jetzt gerade in der Corona Zeit habe ich tausende Bilder gemalt und das hört auch gerade noch nicht auf.

Viele Menschen, dazu zähle ich mich auch, versuchen hinter der Kunst einen Sinn oder eine Botschaft zu erkennen. Gibt es auch von dir Botschaften? 

(lacht) Also erstmal vorweg: Die Packung Klopapier hatte wirklich einen gewaltigen Wert, da ich vor kurzem beim Penny kein Klopapier mehr bekommen und mir tatsächlich überlegt habe, das Kunstwerk zu schlachten. Es kam dann doch nicht dazu. Die Klopapierpackung ist ein Accessoire in einem Musikvideo von mir. Ich fand den gewaltigen Hype um die Marke „Supreme“ ziemlich lächerlich. Der Louis Vuitton Gürtel, der normalerweise schon 400 Euro kostet, wird durch die Kooperation mit „Supreme“ für 2000 Euro verkauft. Das ist nur ein schäbiges Logo und deshalb mache ich mich in meinem Video drüber lustig. Gerade im Hip-Hop Bereich ist der Markenfetisch ziemlich krass. Ich bin zwar auch Fan von vielen Marken, da dahinter gute Designer stehen. Aber ich ziehe eben auch gerne Hip-Hop Klischees durch den Kakao und meine es gleichzeitig ernst, denn ich liebe Rap-Musik, mit allem was dazugehört. Anlässlich der Corona-Krise habe ich das Foto nochmal auf Facebook gerepostet, um zu sagen, dass ich meine Notfallpackung habe. Ich habe mir aber noch keinen Hamster gekauft.

Der Pop Art Künstler Allen Jones aus den 60er/70er Jahren hat unter anderem Möbel aus Schaufensterpuppen angefertigt, die in provokanten Posen und gekleidet in Lack und Leder zu sehen sind. Heute sind seine Objekte zwar Klassiker und werden für horrende Preise verkauft, aber es gab auch Anschläge auf seine Ausstellungen, dabei wurde ihm Sexismus vorgeworfen. Hast du schon Situationen erlebt, in denen deine Kunst nicht richtig interpretiert oder deine Provokation falsch aufgefasst wurde?

Mit Kunst kann man eigentlich nicht mehr wirklich provozieren. Mit Corona-Maßnahmen kann man mehr provozieren als mit Kunst. Aber ich habe erlebt, dass Frauen das Plakative oder auch Sexistische nicht wirklich angesprochen hat und sie schnell das Interesse verloren haben. Ich habe mich mit vielen Leuten unterhalten und ich habe den Eindruck, dass die Mehrzahl der Frauen meine Kunst versteht. Aber ich habe auch Kritik bekommen. Klar. Ich durchlebe auch einen Entwicklungsprozess. Ich hatte mal eine Ausstellung, bei der ich nur Bilder mit Frauen in Pin Up-Posen präsentiert habe, auf Deutsch gesagt nur Muschis und Titten. Danach habe ich mir aber gesagt, dass es das nicht sein kann, denn es ist nicht die ganze Erzählung. Seitdem versuche ich etwas zu vereinen, was eigentlich gar nicht vereinbar ist: dass es einen männlichen Blickwinkel auf den weiblichen Körper gibt, der den Sexismus und die ganzen Probleme, mit denen sich Frauen rumschlagen, produziert. Gleichzeitig versuche ich den weiblichen Blickwinkel reinzubringen, dazu habe ich beispielsweise die Bilder von der Frau, die vor dem Klo sitzt und sich den Finger in den Hals steckt oder von der Frau, die auf der Waage sitzt und heult, gemalt.  

Es ist schwer, das unter einen Hut zu bekommen, aber gleichzeitig finde ich es auch spannend. Ich habe noch keine Lösung für dieses Dilemma gefunden, denn ich will keiner von diesen Männern sein, die feministische Inhalte vorantreiben, aber gleichzeitig leugnen, dass sie eine männliche Sexualität haben und Frauen eben manchmal so sehen. Ich denke, es ist ein Prozess. Ich bin noch nicht am Ende der Weisheit, aber ich denke, es ist ein guter Ansatz, weil er für Gesprächsstoff sorgt. Ich habe mich vor zwei Jahren noch als Feminist bezeichnet, das tue ich nun nicht mehr, da ich durch die #MeToo Bewegung erst gelernt habe, was ich immer noch falsch mache. Und das kostet Arbeit. Aber auch Frauen könnten selbstbewusster artikulieren, denn ich würde es feiern, wenn eine Frau mal in einer Ausstellung auf mich zukommen würde und mir sagen würde, was sie an meinen Bildern scheiße findet.

Würdest du sagen, dass du politische Kunst machst und politische Aussagen in deinen Werken stecken?

Ja schon! Mein recht aktuelles Bild mit dem Facebook-Logo ist politisch. Ich habe sogar schon Angela Merkel portraitiert und drunter geschrieben: „My President is a girl“, weil in den USA, als Obama Präsident wurde, alle geschrieben haben: „My President is black“. Das war im gleichen Maße historisch. Ich habe auch ein Portrait von Karl-Theodor zu Guttenberg gemalt, als er damals aufgeflogen ist wegen seines gefälschten Doktortitels und noch so ein paar Schurken. Für die Bilder habe ich Teflon-Lacke benutzt, nach dem Motto: Das sind die Teflon-Leute, an denen bleibt nichts kleben.

Was denkst du über Künstler, die nicht politisch sind?

Ich finde es völlig okay, das zu malen, worauf man Bock hat. Nicht jeder Mensch muss politisch sein, es wäre aber wünschenswert, dass es Leute gibt, die es sind. Klar könnten viel mehr Künstler Politisches machen, gerade im Hip-Hop-Bereich. Da gibt es viel zu wenige Künstler, die einen Standpunkt vertreten. Aber gleichzeitig machen auch Leute das Maul auf, die es besser nicht aufmachen sollten, da sie beispielsweise Verschwörungstheorien pushen. Da wäre es besser, wenn jemand keine politische Message in seiner Arbeit hat, als wenn er Müll rüberbringt.

Bei deiner Musik spielst du auch mit gängigen Klischees, also dicken Autos und schönen Frauen. Das ist auf den ersten Blick vielleicht missverständlich, aber was steckt dahinter?

Eigentlich ist es wie bei der Kunst: Da kommen zwei Sachen zusammen, die vielleicht nicht wirklich vereinbar sind. Ich habe schon mehrmals nach Konzerten gemerkt, dass es die Leute zwar toll fanden, aber nicht genau wussten, ob ich es ernst meine oder nicht. Ich ziehe viele Klischees durch den Kakao, weil ich das nicht alles ernst nehmen kann. Ich bin aber auch ein Typ, der auf diese ganzen Dinge steht. Es schlagen zwei Herzen in meiner Brust und ich versuche beides ehrlich rüberzubringen. Ich bin emotional und temperamentvoll, aber auch jemand, der über diese ganzen Sachen nachdenkt. Da ich noch keine Lösung gefunden habe, beides zu vereinbaren, präsentiere ich beides. Im Nachhinein habe ich gedacht, dass es das Beste ist, was passieren kann, wenn Leute deswegen über Musik nachdenken und reden, weil es nicht eindeutig ist. An den Reaktionen der Leute nach einem Auftritt habe ich schon manchmal gemerkt, dass es für manchen too much war, da ich teilweise Kraftausdrücke oder sexuell direkte Sprache benutze. Das ist vielleicht nicht so ganz genehm wie meine Bilder. Aber solange ich mit gutem Gewissen dahinterstehen kann, ist es in Ordnung. Dabei bin ich da selbst mein härtester Kritiker. Ich musste auch erst lernen, mit Selbstbewusstsein zu performen. Am Anfang habe ich auch gedacht: Oh Gott! Was habe ich da gerade gesagt? (lacht) Das kommt zwar so aus mir raus, aber da gehört auch schon etwas dazu.

Mehr von Oliver´s Kunst gibt es hier:
Facebook: https://www.facebook.com/oliver.sport 
Instagram: https://www.instagram.com/oliversportart/?hl=de
und die Musik hier: https://soundcloud.com/oliversport

Steckbrief:
Oliver Sport

Wohnort:
Mainz
 

Seit wann beschäftigst du dich mit Kunst?:
Aktiv als Künstler ungefähr seit 10 Jahren.

Hast du Vorbilder? Wer inspiriert dich und Warum?
Wenn man Pop Art macht, dann kommt man nicht um Warhol, Haring rum. Keith Haring hat mich vor allem mit seinen Ausstellungen beeindruckt und inspiriert, denn er hat seine Bilder immer sehr eng zusammen gehängt. Es war wie das Setting einer Party, es kamen verrückte Leute, die getanzt haben. Das habe ich auch in meinen Ausstellungen umgesetzt.

Mainz ist für mich:
Heimat und kulturell schwierig. Die Stadt ist leider unglaublich verschuldet, aber es ist eine tolle Stadt, in die Leute wieder zurückkehren, nachdem sie in Berlin waren.

Hast du einen Lieblingsort in Wiesbaden oder Mainz?

Wenn wieder Normalität einkehrt natürlich das Peng und Substanz der Stadt. Es gibt viele schöne Stellen.

Was ist dein Fun Fact?

Ich kann nicht malen. Meine Kreativität liegt darin, dass ich eine ganze Palette an Maßnahmen, Wegen und Strategien gefunden habe, um mit diesem Problem umzugehen. Naja irgendwie kann ich dann doch malen, aber ich habe es nie professionell gelernt.

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