KULTURORT: Nassauischer Kunstverein (Wiesbaden)

01.06.2020 (Interview: Julia Dreja)

Auf jeden Fall historisch, vielleicht auch ein wenig hochtrabend, klingt der Name des Nassauischen Kunstvereins. Doch dieser Eindruck ändert sich schnell, denn das Zentrum für zeitgenössische Kunst ist keinesfalls langweilig oder verstaubt. Im Interview mit der Direktorin des Vereins Elke Gruhn, erzählt sie uns von der über 170-jährigen Geschichte, von der aktuellen Ausstellung, die sich um das Ei dreht - und was das mit Kunst zu tun hat und was sich sonst noch so in dem Gebäude in der Wilhelmstraße abspielt.

 

Gegründet wurde der Nassauische Kunstverein (NKV) im Jahre 1847 aufgrund des tiefen Bedürfnisses der Bürger nach Kunst, die damals vor allem dem Adel und den Klerikern vorbehalten war. Ziel war es dabei, Bildende Kunst zu fördern, ohne von Politik und Staat abhängig zu sein. Doch in Wiesbaden gab es damals kaum Kunst zum Anschauen, denn weder eine Sammlung von Kunstwerken, noch ein Museum, um sie auszustellen, waren vorhanden. Erst auf die Initiative von Johann Wolfgang von Goethe kam die Veränderung: Es wurden mehrere Sammlungen zusammengetragen und der NKV übernahm die Verwaltung dafür. Nach den turbulenten Zeiten der zwei Weltkriege, einigen Jahren als Untermieter unter dem Dach des um 1900 erbauten Wiesbadener Museums und einer Zeit  der Obdachlosigkeit, konnte der Verein Ende der 1970er Jahre sein heutiges Domizil in der Wilhelmstraße, als ersten richtigen Ausstellungsort beziehen. Mit dem Abschluss des Erbpachtvertrages im Jahr 2007 wurde das Gebäude dem Verein dann für die Dauer von 66 Jahre übertragen: „Das war der erste Moment in der Geschichte des Vereins, seit dem er feste und sichere Räume hatte. Seit 13 Jahren stehen wir nun so richtig auf eigenen Beinen“, so Elke Gruhn, die Direktorin des NKV.

Der Nassauische Kunstverein ist heute zwar nicht mehr ganz unabhängig von der Politik, denn er finanziert sich über die Mitgliedsbeiträge, aber auch zum großen Teil über Fördergelder von Stadt und Land. Inhaltlich unabhängig agiert der Verein dennoch: „Es ist nicht so, dass da jemand in irgendeiner Form eingreift und uns Vorschriften macht oder uns nahelegt, dass wir irgendwelche Dinge tun sollen. Wir sind da glücklicherweise sehr frei.“, erklärt Elke Gruhn.

Die Philosophie eines Satelliten

Der Name des Nassauischen Kunstvereins, so herzoglich oder leicht verstaubt er heutzutage auch klingen mag, ist tatsächlich ein Relikt aus der Zeit des 60-jährigen Herzogtums Nassau. Seit einigen Jahren trägt der Verein die Ergänzung: Zentrum für zeitgenössische Kunst. Eine Namensänderung kam für Elke Gruhn aber nicht in Frage: „Wir haben schon öfter überlegt, ob wir den Namen ändern sollten, damit wir etwas moderner klingen, aber ich mag auch die Tatsache, dass es etwas Verknürzeltes hat.“ Der ursprüngliche Gedanke, allen Menschen Kunst zu vermitteln, sei geblieben, aber auch eine Sinnesöffnung für alle zeitgenössischen Strömungen aus der ganzen Welt werde angestrebt. Wie „ein Satellit“ möchte der Verein seine hauseigene Mischung aus regionalen und internationalen Künstler*innen aller Strömungen der zeitgenössischen Kunst in die Welt tragen.

Kooperationen und Förderungen

Eine wichtige Rolle in der Arbeit des Vereins spielt die Kooperation mit anderen Institutionen, wie dem Staatstheater oder auch dem Filmfestival Exground und die Förderung junger Künstler*innen über das Stipendium “Follow Fluxus – Fluxus und die Folgen”. Um die Ideen der Kunstbewegung Fluxus lebendig zu halten, werden internationale junge Künstler*innen mit einem Betrag von 10.000 Euro gefördert, die in ihren Werken die Idee der Kunstströmung aus den 1960er Jahren aufgreifen. Nach einem dreimonatigen Arbeitsaufenthalt des Stipendiaten, folgt die einjährige Ausstellung der Werke. Aktuell ist die Arbeit des in New York lebenden Künstlers Jace Clayton zu sehen. Er hat sich mit dem „Weißen Rauschen“ beschäftigt, das Zivilisationsgeräusch, was fast überall als leichtes Rauschen und Brummen wahrzunehmen ist.

Aber auch ohne ein Stipendium werden Werke verschiedenster Künstler*innen ausgestellt. Was ein/e Nachwuchskünstler*in dabei mitbringen muss, ist aber nicht so einfach anhand einer Checkliste abzuarbeiten: „Wenn ich jetzt sage, es muss spannend, innovativ, interessant und neu sein, dann sind das wahrscheinlich Schlagworte, mit denen niemand etwas anfangen kann.“, so Elke Gruhn. Aber sie sieht sich regelmäßig in den internationalen Kunstakademien unter folgenden Gesichtspunkten um: „Was tut sich in der zeitgenössischen Kunst? Was ist spannend, was ist neu? Was sind die Tendenzen und wie entwickelt es sich?“

Die Ausstellung über das Ei

Auch die aktuelle Ausstellung über das Ei ist eine Präsentation der Werke von verschiedenen Künstlern aus der ganzen Welt. „Die frühesten Arbeiten sind, nach dem Brunnenkresse-Ei  von Fabergé, aus dem Jahr 1962 und wir gehen in die absolute Jetzt-Zeit mit einem Werk aus 2019.“ Die Idee zu der Ausstellung hat einen ganz besonderen Hintergrund, denn Elke Gruhn wurde vor einigen Jahren von einem Wiesbadener Forscher angesprochen, der herausgefunden hat, dass der weltberühmte Juwelier Peter Carl Fabergé auf seiner Flucht in Folge der Oktoberrevolution im Jahr 1920 Station in Wiesbaden machte. Bekannt wurde der Juwelier vor allem für seine kaiserlichen Prunkeier, die er aus kostbaren Materialien anfertigte. Doch nicht die Werke von Fabergé stehen im Mittelpunkt der Ausstellung, sondern das Ei in seiner vielfältigen Form und eine Parallele zum heutigen Zeitgeschehen: „Das Thema Flucht und Neuanfang fand ich dabei sehr spannend, aber auch gleichzeitig das schlichte und unglaublich umfangreiche Symbol des Eies.“

Eine weitere Faszination an dem Thema ist für Elke Gruhn die Tatsache, dass „das Ei ganz unterschiedliche Künstler*innen jeder Generation auf ganz unterschiedliche Art und Weise immer wieder berührt“. So auch im Kunstwerk von He Xiangyu, dessen Arbeit einen vergoldeten Eierkarton in der Größe von 30 x 30 Zentimetern aus massivem Gold darstellt. Darin befindet sich ein einzelnes Hühnerei, mit dem er auf die Ein-Kind-Politik in China anspielt. Er gehört zu einer Generation, die davon betroffen ist, keine Geschwister zu haben. „Er beschäftigt sich ganz stark mit den gesellschaftlich-sozialen Phänomenen: Was ist das für eine Generation, die nur aus Einzelkindern besteht?“  Eine Arbeit, die unbeabsichtigt von dem Künstler, sehr gut zu der momentanen Situation passt, ist das Werk „Apocalypsoid“ von Julius von Bismarck: „Das ist sozusagen ein gesprengtes Ei und in dieser Arbeit geht es um den Neuanfang, nachdem alles Bestehende gesprengt wurde. Das finde ich wirklich brandaktuell.“

Aufgrund der Corona-Pandemie hat auch der Nassauische Kunstverein veränderte Öffnungszeiten: Die aktuellen Ausstellungen wurden bis zum 28. Juni verlängert und können von Donnerstag bis Sonntag zwischen 11-18 Uhr besucht werden. 

Mehr über den NKV gibt es unter:
https://www.kunstverein-wiesbaden.de/home.html

und auf den Social Media Plattformen
Facebook: https://www.facebook.com/kunstvereinwiesbaden/
Instagram: https://www.instagram.com/kunstverein.wiesbaden/

DAS AUSFÜHRLICHE INTERVIEW ZUM NACHHÖREN