KUNST:
Najel Graf (Wiesbaden)

01.07.2020 (Interview: Jannek Ramm)

Die Bilder von Najel Graf erzählen von einer Welt, die irgendwo unterhalb unserer Erfahrung liegt. Gleichsam allegorisch, verspielt und verschlossen und kryptisch. Ein Gespräch darüber, wie diese Welten entstehen, was sie bedeuten könnten und warum es die Bilder eines Künstlers langweilt, was er mit ihnen meint.

 

„Im Prinzip hat jeder schon immer gemalt, als Kind habe ich viel gemalt“, sagt Najel Graf, als ich ihn frage, wie er zur Malerei gekommen ist. Wir sitzen auf seinem Balkon, zwischen Pflanzen. Ich trinke Kaffee, er Tee. Ich hatte gebeten, uns dort zu treffen, wo er malt: Wiesbaden Altbau, ruhig mit Gezwitscher, hell und ziemlich weit oben.

 

„Mein Vater hat früher Trickfilme animiert“, erzählt er weiter, „mit diesen alten Trickfilmkameras, die so groß waren wie ganze Zimmer. Das hat mich immer fasziniert; Figuren Leben einzuhauchen und Bewegung rein zu bringen. Und weil ich diese Möglichkeit dann schon so früh hatte, habe ich angefangen kleine Figuren zu animieren. Darüber kam der Zugang zur Kunst und dazu, ambitioniert ans Malen zu gehen. Damals wollte ich Comiczeichner werden, diesen Gedanken habe ich aber auch schnell wieder fallen gelassen.“

 

Vom Zeichnen zum Malen ist er über die Farbe gekommen, und zur Farbe durch einen Kreuzbandriss. „Früher habe ich hauptsächlich schwarz-weiß gezeichnet und war nie ein großer Freund von Farbe. Aber dann hatte ich diesen Bänderriss und musste das Blut, das aus der Wunde lief, immer mit einem Beutel auffangen. Ich wollte das dann anschließend aber nicht einfach wegwerfen, es war ja ein Teil von mir, den konnte ich ja nicht einfach ins Klo kippen. Und so habe ich mich entschieden, damit zu malen. Das war eigentlich meine erste Farbe.“

 

Figuren stehen auch heute noch im Zentrum seiner Bilder. Figuren in entrückten Situationen, die sich weigern, einfach so aufgelöst zu werden. Oft sind es Tiere. Wenn Menschen auftreten, dann gerne als Totenkopf oder Skelett. „Ich finde das Tier ist ein interessantes Thema, es in eine bedeutendere Rolle zu holen. Gerade male ich zum Beispiel viele Vögel, gar nicht mal aus dem Gedanken, dass der Vogel irgendwie Freiheit verkörpert, sondern mehr aus der Faszination für dieses Tier. Gerade wenn wir mein aktuelles Bild ansehen, sehen wir eine pflegebedürftige Person, die von vier Raben gepflegt wird. Da steckt für mich auch eine gesellschaftliche Frage drin. Was erwarten wir von der Natur? De facto sind wir von ihr abhängig, die meisten verhalten sich aber so, als wären sie es nicht. Aber was würde passieren, wenn sich die Natur um uns kümmern müsste? Wie würde sie uns pflegen? Was passiert, wenn das Diffamierte uns begegnet? Halten wir das eigentlich aus, dem zu begegnen, was wir da auslösen?“

 

Auf einen flüchtigen Blick können diese wundersamen Bildwelten schwer und düster wirken, durch eine gewisse Poesie sind sie aber so zerbrechlich, dass sie doch gar nicht so böse sein können, wie es scheint. "Zerrbilder" könnte man sagen, und darin auch etwas comichaftes wiederfinden. „Ich suche den Moment, wo man als Zuschauer da steht und mit seiner eigenen Vorstellungswelt konfrontiert ist. Ein gutes Bild ist für mich ein Bild, das eine Frage aufwirft, die mich als Zuschauer angeht und nicht den Künstler, der dahinter steht.“, sagt er.

 

Wie das denn in Zeiten des Lockdowns funktioniert, frage ich ihn. So ganz ohne Zuschauer, als Künstler, allein mit den Bildern. „Die Bilder schlummern dann so vor sich hin und wollen betrachtet werden, können sie aber nicht, nur durch mich. Sie sind wahrscheinlich schon gelangweilt von meiner Haltung zu ihnen."

 

Einige seiner Arbeiten findet ihr unter www.najelgraf.de

DAS AUSFÜHRLICHE INTERVIEW ZUM NACHHÖREN