KUNST:
MICHAEL ZIEM (Mainz)

01.08.2020 (Interview: Anna Meißner)

Egal ob zuhause oder unterwegs: Der Mitnehmer ist ein Stuhl, der in einen Rucksack passt, nur zweieinhalb Kilo wiegt und innerhalb von Sekunden zusammengebaut werden kann. Ein Immer-Dabei-Stuhl, sagt sein Erfinder, der Gestalter Michael Ziem aus Mainz-Mombach im Interview.

 

Als Michael Ziem das Studio betritt, fragt er zunächst, wo er seinen Rucksack ablegen kann. Kein besonders großer Rucksack, dennoch befinden sich drei Stühle darin. Die Stühle werden selbst auf- und abgebaut. Ein Foto der Stühle spiegele gar nicht richtig wieder, was das Besondere an ihnen ist, so ihr Ideengeber. Und innerhalb von wenigen Sekunden liegen drei leere Baumwolltaschen auf dem Boden (in jedem befanden sich fünf Holzteile, um je eine Sitzgelegenheit zusammenzustecken) und drei Stühle stehen vor uns, die natürlich, einer nach dem anderen, ausprobiert und besetzt werden: ein einfacher Stuhl, fest auf dem Boden stehend und mit Lehne, ein Schaukelstuhl, mit Kufen statt Beinen, zum Hin- und Herwippen geeignet und ein Hocker-Tisch, so bezeichnet, da er als Hocker, aber auch als Tisch Verwendung finden kann. Der Mitnehmer nennt sich die Stuhlfamilie, die uns Michael nicht nur zeigt, anfassen und ausprobieren lässt, sondern deren Entwicklungsprozess, Gestaltung und Funktionsweise er uns auch genauer erklärt.

 

Ein idealer Sitz für viele Lebenslagen

„Ich finde es großartig, wenn man einen Produktnamen hört, und sich sofort etwas darunter vorstellen kann.“ Der Mitnehmer ist ein Stuhl zum Mitnehmen, ein Immer-Dabei-Stuhl. „Das ist jedoch eine Einschränkung, die nicht unbedingt notwendig ist.“, sagt Michael. Der Stuhl ist nicht nur unter freiem Himmel von Nutzen, sondern auch in den eigenen vier Wänden. „Der Stuhl kann auch im Schrank in Einzelteilen liegen und wenn Gäste kommen, dann wird er herausgeholt und zusammengesteckt.“ Ein idealer Sitz also für viele Lebenslagen: wenn die Wohnung mal wieder zu klein und nur noch im Abstellschrank Platz zur Möbel-Aufbewahrung ist. Oder, ganz im Gegenteil, wenn zuhause viel zu viel Platz ist, aufgebaut als Sitz- oder Ablagefläche. Oder außerhalb jeglicher Räume, wenn die Abstandsregeln der Covid-19-Pandemie beachtet werden müssen und der Stuhl in sicherer Entfernung zu deinen Bekannten, die es sich auf der Parkbank gemütlich gemacht haben, auf dem Rasen platziert wird.

 

Eine Idee nimmt Gestalt an

Insgesamt vier Jahre hat es gedauert, bis der Stuhl in seiner heutigen Form existierte. „Ich bin schon seit vielen Jahren ein großer Fan von Open-Air-Veranstaltungen und da war das Problem, dass eine passende Sitzgelegenheit gefehlt hat“. So ist euch Michael vielleicht schon einmal im Günthersburgpark in Frankfurt oder bei der jährlichen Veranstaltungsreihe Mainz lebt auf seinen Plätzen begegnet, auf seinem Stuhl sitzend oder ihn auf dem Rücken tragend. Der gelernte Einzelhandelskaufmann befasst sich seit vielen Jahren mit dem Thema Gestaltung. Fasziniert hat ihn die Bauhaus-Idee, aber auch der Gedanke des Minimalismus. „Meine Bezeichnung für mich selbst habe ich als Gestalter gefunden“, der sich vom Design-Begriff laut Michael abgrenzt. „Heutzutage gibt es ganz viele Dinge in Supermärkten, die als Design bezeichnet werden, sodass dieser Designbegriff austauschbar geworden ist und nicht mehr aussagt, was es eigentlich ist.“

Ein Stuhl mit Besonderheiten

Der in Sekunden, ganz ohne Werkzeug, zusammengesteckte Stuhl besteht aus fünf Einzelteilen, die aus dem Material Birke-Multiplex bestehen. Besonders wichtig ist es Michael, in der Region zu produzieren: Die Einzelteile werden nicht weiter als in einhundert Kilometer Entfernung von Mainz hergestellt. Die Sitzfläche ist etwa 45 Zentimeter hoch, angepasst an eine gewöhnliche Esstischhöhe, um den Stuhl an (fast) alle Tische anbinden zu können. Zudem ist die Rückenlehne federnd, und damit bequemer und rückenfreundlicher. Nur zweieinhalb Kilogramm wiegt der Stuhl, trägt aber ein Körpergewicht von bis zu einhundert Kilogramm.

Und wichtig ist auch: Die Oberfläche ist unbehandelt. „Mit der Oberflächenbehandlung ist das ja so eine Sache. Es gibt Leute, die schwören auf Lackierungen. Andere sagen, ich möchte den Stuhl nur ölen, oder nur bemalen, oder ölen und wachsen. Andere wollen ihn vorher vielleicht noch beizen, also den Farbton wechseln.“, sagt Michael weiter. So könne jeder seinen Stuhl individuell gestalten, eine große Bereicherung, findet sein Erfinder.

 

Ein Gestalter hat Ideen

Und wie geht es in Zukunft mit dem Gestalter und Mitnehmer weiter? Die Stühle werden weiterentwickelt („vielleicht entsteht irgendwann ein steckbarer Sessel oder ein Couchbett“), aber auch mehrere neue Gebrauchsgegenstände sollen entstehen, so beispielsweise verschiedene Tische in verschiedenen Höhen und Formen. Auch ein Regalsystem ist in Planung, welches durch die Mitnehmer-Technik, das Zusammenstecken einzelner Holzteile, wiedererkennbar sein wird. Im September soll es genauer vorgestellt werden.

 

Weitere Informationen über Michael Ziem und den Mitnehmer erhaltet ihr unter www.dermitnehmer.de, für alles Wissenswerte in Kürze schaut euch dieses Video an:

DAS AUSFÜHRLICHE INTERVIEW ZUM NACHHÖREN