KUNST:
MANUEL GERULLIS (Wiesbaden)

01.09.2020 (Interview: Anna Meißner)

Manuel Gerullis ist Graffitikünstler der ersten Stunde. Auf dem ehemaligen Schlachthofgelände in Wiesbaden organisiert er 1997 erstmals das Wall-Street-Meeting, seit 2002, mit einigen Veränderungen und neuem Veranstaltungsort am Brückenkopf in Mainz-Kastel, unter dem Namen Meeting Of Styles bekannt. Das Graffiti-Festival erlangt nicht nur internationale Bekanntheit, sondern findet inzwischen an vielen verschiedenen Standorten weltweit statt, unter anderem von Manuel Gerullis koordiniert und realisiert. Viele weitere kulturelle Initiativen und Orte stehen mit ihm in Verbindung, so gründete er, um nur eines von vielen zu nennen, 2010 den Veranstaltungsort Kontext in Wiesbaden. Wir sprachen mit dem vielfach in der lokalen Kultur verankerten Künstler und Ideengeber verschiedener Projekte über die Wünsche und Herausforderungen der Graffiti-Artists und -Szene in Wiesbaden und Mainz.

 

Wie kann die lokale Graffiti-Szene beschrieben werden und innerhalb der Diskussion um legale und illegale Kunst kategorisiert werden?

Die Graffiti-Szene im Rhein-Main-Gebiet ist vielschichtig und vielseitig. Es gibt Leute, die malen nur zum Spaß oder kommerziell und zum Spaß. Es gibt Leute, die malen nur in der Tag- oder nur in der Nachtschicht, oder aber jederzeit. Es gibt Ambitionen seitens der Kommunen legale Sprühflächen zur Verfügung zu stellen, um illegale Graffiti-Kunst zu minimieren. Aber es ist natürlich eine Illusion zu sagen, wir stellen legale Sprühflächen zur Verfügung und deshalb wird nicht mehr illegal gesprüht. Ein Vergleich bietet der Fußball: Ein Großteil der Leute zelebriert Fußball und dann gibt es auch Hooligans, die ihren Verein auf eine, sagen wir, besonders krasse Art und Weise feiern. So ähnlich ist es in der Graffiti-Szene.

Insgesamt lebt urbane Kunst vom anarchistischen, freiheitlichen Argument, insbesondere die Street-Art, die sich von umgebender Architektur inspiriert. Es wird dann spannend, wenn ein Rohr zu einer Nase oder zum Saxofon von Lisa Simpson umfunktioniert wird, wenn falsche Schatten auf den Boden gemalt werden, die den Wahrnehmenden irritieren. Das ist ein erheblicher Teil dieser Kultur und des urbanen Raums. Eine Stadt muss lebendig sein, sie darf nicht ausschließlich von Leuchtreklame und Werbeplakaten geprägt werden. Kunst gehört in die Stadt! Das ist meine Vision, Stadt als musealen Raum zu begreifen, wo es eine Vielfalt von Farben, Formen und Strukturen zu entdecken und zu sehen gibt.

 

Werden separiert aufgestellte Wände zur legalen Besprühung, wie sie am Schlachthofgelände in Wiesbaden entstanden sind, dennoch der Kunstform gerecht?

Ich finde alles gut, was unserer Kunst- und Kulturform Raum gibt! Natürlich finde ich gut, dass am Schlachthof neue Graffiti-Wände aufgestellt wurden. Bis das umgesetzt wurde, sind ungefähr 20 Jahre vergangen: Das war Teil des Kulturparkkonzeptes, welches wir damals erarbeitet haben. Ich tue mich schwer damit, und das passiert oft in der Graffiti-Szene, in legale und illegale Kunst zu unterscheiden. Dadurch werden Konflikte propagiert, ganz nach dem Motto: Nur illegales Graffiti ist richtiges Graffiti! Ich denke nicht in diesen Kategorien. Ich denke in den Kategorien: Style oder kein Style, gute Technik oder keine gute Technik, originell oder nicht originell, gefällt oder gefällt nicht.

Es gibt wunderbare illegale Graffitis! Ich möchte das gar nicht gegeneinander ausspielen. Ich habe Respekt vor jeglicher Art von Kunst und Kultur und wenn jemand etwas macht, dann ist es für mich schon Grund genug, es zu respektieren und Anerkennung dafür zu haben. Viele Menschen, grundsätzlich und generell, reden nur über den Zustand der Welt und sind nicht bereit oder in der Lage, ein bisschen weiter zu gehen und einen Beitrag zu leisten.

Graffiti ist außerdem eine sehr soziale Sache, die unseren urbanen Raum erweitert und bereichert. Das sind zwischenmenschlich Banden, die zwischen Artists entstehen, voller Vertrauen anderen Menschen gegenüber. Gespräche entstehen, Informationen werden ausgetauscht. Insofern denke ich nicht in Widersprüchen, in Kategorien. Es ist gut, wenn Leute kreativ sind und das gilt es zu unterstützen und zu fordern.

 

Wie wird diese Kategorisierung in legale und illegale Kunst innerhalb politischer Strukturen gesehen und welche Veränderungen, deiner Meinung nach, gab es in den letzten Jahren innerhalb der Stadtpolitik in Bezug zur Graffiti-Kunst?

Ich bin mittlerweile seit über 25 Jahren mit dieser Kunstform und -projekten befasst. Anfangs gab es erhebliche Widerstände. Als ich Anfang der 90er Jahre erste legale Graffiti-Projekte gemacht habe, hörten wir unter anderem Sprüche wie: „Bei Adolf hätten sie euch die Hände abgehackt!“, von älteren Passierenden. Es gibt immer wieder Menschen, die in ihrer Entwicklung stehen geblieben sind, die 80 Jahre alt sind und trotzdem den Geist ihrer Zeit in sich tragen, als sie sozialisiert wurden. Aber das sind glücklicherweise absolute Ausnahmen! Doch auch politisch gesehen gab es, gerade am Anfang der Wall-Street-Meetings am Schachthof, erheblichen Gegenwind. Es erschienen Zeitungsartikel mit Titeln wie „Horden von Sprayern in der Stadt“ oder „Keine Steuergelder für Graffiti-Schmierereien“.

Aber das hat sich inzwischen geändert. Eine neue Generation ist in der Politik vertreten, die anders denken und empfinden, die auch das Positive und das Wunderbare in der Kultur sehen. Man muss sich nur einmal den Brückenkopf in Mainz-Kastel ansehen! Das war früher ein monumentales Bauwerk aus grauem Beton. Heute ist es eine riesige Galerie, die internationale Bekanntheit erlangt hat und Menschen aus der ganzen Welt anzieht. Das ist in den Köpfen angekommen, auch innerhalb der Politik. 2017 haben wir den Kulturpreis der Landeshauptstadt [Wiesbaden] bekommen, auch das ein Resultat des Generationswechsels innerhalb der Stadt. 

 

Welche Haltungen entgegen der Graffiti-Kunstform gibt es aktuell in der Region noch? Welche Argumente und Befürchtungen werden dabei konkret geäußert?

Es gibt Ängste und Befürchtungen, die sich auf Veränderungen das Stadtbild betreffend, beziehen, Aussagen wie: „Horden von Sprayern könnten zu viel Farbe in einen Stadtteil einbringen!“. Ich habe zum Beispiel versucht, von der Kasteler Storage Station der US Army, nahe der Boelckestraße, eine Mauer zu gewinnen. Es hat fünf Jahre lang gedauert, bis wir die richtigen Ansprechpartner*innen hatten, bis aufgeschlossene Geister hinter dem Schreibtisch saßen und wir die Genehmigung hatten zu malen, bis es positiv empfunden wurde, eine Wand, die den Ortsteil zerschneidet und die einfach tot dasteht, bunt zu gestalten. Wir haben letztendlich die Genehmigung bekommen. Dann kamen aber vereinzelte Befürchtungen auf, wie: „Kastel wird zu bunt!“ Subbotschaft für mich ist daraus: „Es ist alles so schön beige und so schön grau.“ Es ist auch Ausdruck einer Geisteshaltung. Wenn ich gegen Farben bin, dann mag ich es uni, einheitlich. Was ist der überwiegende Farbton in unseren Städten? Es ist beige - sandbeige, grau - zementgrau, betongrau. Aber diese Befürchtungen sind marginal! Wir erfahren große Beliebtheit in den Stadtteilen Kastel und Kostheim. Von der Stadt Wiesbaden wird das Meeting Of Styles wirklich anerkannt.

Das einzige, was immer noch ein Knackpunkt ist, ist der Konflikt, der zwischen Moderne und Tradition konstruiert wird.  Zum Beispiel in Kastel am Brückenkopf, wo sich auch schon der Denkmalschutz aus Mainz eingeschaltet hat. Wir bekommen dort eine neue Hauptwand. Es gibt aktuelle Baumaßnahmen, ein Freizeitpark mit Skate-Area, Kinderspielplatz, Kletterwand wird entstehen, mit einer großen Mauer als Stützwand in der Eleonorenstraße. Sie ist 150 Meter lang, eine so große Wand, direkt an der Galerie, muss natürlich bemalt werden. Dazu gab es folgende Befürchtungen aus Mainz: „Wenn dort eine große neue Graffiti-Wand entsteht, so bunt bemalt, dann zieht das die Aufmerksamkeit der Architekturliebhaber von der wunderbaren Architektur der Theodor-Heuss-Brücke ab.“ Es ist eine schöne Brücke, die vor dem Krieg wunderbar war, mit vielen Skulpturen! Aber da wird genau dieser Gegensatz konstruiert, zwischen Moderne und Tradition. Ich wurde dann gefragt, wie ich diese Kritik und Befürchtung einordne. Ich denke, Menschen sehen das, was sie sehen wollen. Wenn ich an Architektur interessiert bin, habe ich ein Auge für Architektur. Aber auch Graffiti und Street-Art haben mit Architektur zu tun, wenn Künstler*innen Wände bemalen, an denen Efeu wächst und das Efeu zu den Haaren einer Figur wird. Es entsteht eine Symbiose aus Architektur und Wandmalerei. Diese vermeintlichen Gegensätze können versöhnt werden. Das Gute der Tradition kann bewahrt und mit der Moderne vereint werden. Es muss nicht immer alles im Gegensatz stehen! Aber auch hierbei findet allmählich ein Wandel statt.

 

Was wünscht du dir für die regionale Graffiti-Szene?

Mehr Bescheidenheit! Es gibt viele neue Leute, die in das Game kommen, und ein bisschen so tun, als hätten sie die Kunstform erfunden. Ich wünsche mir ein bisschen mehr Demut und Anerkennung der Graffit-Kunst. Nicht immer in Gegensätzen denken, sondern Kreativität honorieren!

 

 

Konkrete Informationen über das Meeting Of Styles Festival, welches in diesem September unter besonderen Bedingungen stattfinden wird, findet ihr hier.