IM INTERVIEW: Mach mal Langsam

01.07.2020 (Interview: Julia Dreja)

Schon seit über vier Jahren gibt es das Kollektiv Mach mal langsam und es setzt sich aus vielen verschiedenen Menschen aus unterschiedlichen Städten zusammen. Mit ihrem Konzept der entspannten und entschleunigenden Partys haben sie eine neue Feierkultur geschaffen, die sie auch über die Grenzen von Mainz und Wiesbaden in die Welt hinaus tragen möchten. Musikalisch bezeichnen kann man die elektronischen Beats mit Folkloreeinflüssen und magischen Klängen als „Bummeltechno“ oder „Schneckno“. Da es dafür aber eigentlich keinen einheitlichen Namen gibt, nennt die Mach mal langsam-Crew selbst ihre Musik „Global Bummelsound“. Um mehr über ihre Philosophie zu erfahren, habe ich mich mit Eddy, Janeck, Luca, Michalis und Tami des insgesamt fünfzehnköpfigen Kollektivs zum Interview im Einerseits-Tonstudio getroffen. 

Die beiden DJs Michalis und Janeck, die auch als DJ Team Oriental Tropical bekannt sind, gehören zu den Mitgliedern der ersten Stunde. Aber erst die Begegnung mit dem Mainzer Musikliebhaber Eddy war „der Funke, um wie eine Rakete mit Mach mal langsam loszuschießen“, wie mir Janeck erklärte. Kurz nach seiner Begegnung mit Eddy riefen die beiden im ehemaligen Wiesbadener Club „Chopan“ ihre erste Party in Leben und wagten sie sich erstmals den Bummeltechno eine ganze Nacht lang zu spielen. Das war auch gleichzeitig die Geburtsstunde des Kollektivs. Eines der neuesten Mitglieder ist der Darmstädter Luca, der die Jungs und Mädels bei Veranstaltungen in Frankfurt kennengelernt hat. Er habe bei den Partys immer so eine „Energie“ verspürt, so dass er Lust bekam mitzumachen und ist deshalb seit Ende letzten Jahres ein Teil des Teams. 

Die Aufgabe von Tami ist es, als Visualisierungsspezialistin (denn die Bezeichnung „Dekofee“ beschreibt ihrer Meinung nach nicht das, was es ist) den Veranstaltungsraum mit Atmosphäre zu füllen. Sie ist außerdem in dem befreundeten Kollektiv Fuchsbau aktiv, ein Verein aus Mainz, der Kultur, Musik, Kunst und Partys in einem alternativen Rahmen organisiert. 

 

Die Musik, die ihr auflegt, wird als „Bummeltechno“ oder „Schneckno“ bezeichnet. Was genau kann man sich darunter vorstellen?


Michalis: Macht mal die Augen zu und stellt euch einen runden, entspannten und wohlklingenden Technobeat im Vierviertel Takt vor. Das ist meistens ein langsames Tempo, in dem dieser Technobeat vor sich hin schreitet, so zwischen 80 und 115 bpm (Anm. d.Red.: Beats per minute). Diesen Beat untermalen wir oft mit den Liedern anderer Künstler. Stellt euch zu diesen Beats ein schönes musikalisches Thema vor wie Urwaldklänge mit lebensbejahenden Melodien von exotischen Instrumenten und Stimmen. Oder, wie es vielleicht aus Science-Fiction-Filmen bekannt ist, ertönt eine phantasievolle, außerirdische Melodie, die an eine Cocktailbar auf dem Mars erinnert. Oder alles zusammen gemischt. Es ist immer exotisch, man möchte mehr hören und wissen, was denn eigentlich dahinter steckt. 

 

Spielt es eine Rolle, dass ihr ursprünglich aus anderen Ländern kommt wie Eddy aus Kolumbien, Janeck aus der Ukraine und Michalis aus Griechenland? Bringt ihr eure musikalischen Einflüsse von dort mit ein?


Eddy: Der Hintergrund von unserer Musik ist auch immer die Tradition, denn wir integrieren viele alte Folklorestücke aus jeder Ecke der Welt. Das ist Musik, von der viele junge Leute der heutigen Generation keine Ahnung haben und sie vielleicht erst durch moderne Edits kennengelernt haben. Wie Janeck einmal gesagt hat: Wir erzählen Geschichten mit unserer Musik und das ist ihr Motor. Man nennt sie zwar Bummeltechno oder Schneckno, denn die Leute haben immer das Bedürfnis in einer Kategorie zu denken, aber eigentlich ist es eine Mischung von verschiedenen Klängen aus der ganzen Welt. Die Tradition steht fest dahinter!

 

Michalis: Aber auch die Tradition von Techno oder generell der gesamten elektronischen Musik, wie Dub, Sounds von Roland TB 303 und alle diese Acid-Geräusche…


Eddy: In Kolumbien, wo ich herkomme, gibt es eine ähnliche Bewegung die Elektro und Folklore verbindet und heißt „Folkotronic“. Sie hat keine Tempobegrenzungen, während Bummeltechno oder Schneckno dagegen eine Art der Downtempo-Musik ist.


Janeck: Von dem Begriff Downtempo wollen wir uns etwas distanzieren, weil unsere Musik hauptsächlich zum Tanzen und nur zusätzlich zum Chillen gedacht ist. Sie wird elektronisch produziert und es wird tatsächlich viel mit Samples gearbeitet. Unser Musik-Konstrukt hat einen viel respektvolleren Umgang mit dem gesampelten Material, als konventionelle elektronische Musik. Folkloristische Lieder auszuschlachten, wie es bei manchen House- oder Technoproduzenten der Fall war, steht für uns nicht zur Debatte. Die Liebe zum Original spielt eine große Rolle. Unsere Musik ist eine organische Zusammenkunft von treibenden elektronischen Beats und Bässen und der melodischen Füllung. Diese Füllung kann egal welcher Herkunft sein, es geht einfach darum, dass sie zu der elektronischen Beatstruktur passt. Wir stehen dazu, dass wir nicht einfach geile Musik, geile Beats oder geile Bässe machen, sondern dass es ein Gesamtkunstwerk ist.


Luca: Wir wollen die Vielfalt der traditionellen Kulturen widerspiegeln, aber auch eine Verbindung zur modernen Zeit schaffen. Manchmal lassen wir dabei auch Fronten zusammen treffen, wie wenn wir sehr neuartige elektronische Melodien mit beispielsweise Balkan-Musik mischen. Aber dadurch entsteht etwas sehr Interessantes und gleichzeitig auch Entschleunigendes, das eine Geschichte erzählen kann. 

 

Was genau fasziniert euch denn an eurer Musik?


Eddy: Ich habe vor etwa zwölf Jahren mit dem Musikmachen angefangen und ich identifiziere mich total mit unserer Musik. Ich habe eine feste Verbindung zu unserer Musik, mich persönlich fasziniert aber am meisten der kulturelle Hintergrund.


Luca: Ich finde es besonders spannend, dass wir alle aus so verschiedenen musikalischen Ecken kommen. Bevor ich mit dem Bummeltechno angefangen habe, war ich beim Techno. Beim Mach mal langsam–Kollektiv haben wir kaum eine Grenze, was bpm und Musikrichtungen betrifft und vielleicht ist es gerade diese Offenheit, die uns zusammenschweißt. Der Grund, dass wir uns gegenseitig immer wieder inspirieren können, sind die verschiedenen Musikrichtungen und Kulturen. Das macht auch diese Musik aus: die Vielfältigkeit und die Offenheit. Das ständige und stetige Neuschaffen von Musik durch das Mischen verschiedener Musikrichtungen ist unglaublich spannend.


Tami: Vielleicht sollte ich noch als Nicht-Musikerin etwas dazu sagen: Was mich in den Bann von Mach mal langsam gezogen hat, war die Entschleunigung und ich würde fast sagen, dass ich dadurch meinen eigenen Tanzstil gefunden habe. Ich konnte in die Musik fast tranceartig eintauchen und mich fallen lassen. 

Was für eine Rolle spielt denn die Dekoration und die Gestaltung der Veranstaltung dabei?


Tami: Für mich spielt sie eine große Rolle. Auch wenn es vielleicht nicht das Erste ist was man bewusst wahrnimmt, macht es unterbewusst sehr viel aus, wie der Raum aussieht, in den man kommt.


Michalis: Es trägt zum Wohlbefinden bei.


Tami: Genau. Auch bei Partys, wo alle Spaß haben wollen, finde ich es sehr wichtig, sich um den Raum zu kümmern, in dem man Spaß haben will.

Habt ihr ein Beispiel von einer Dekoration für mich?


Michalis: Bananen!


Tami: (lacht) Das ist sehr unterschiedlich und kommt auch auf die Räumlichkeit an: Wo gehen wir hin? Was ist das für eine Party? Was erwarten wir, was da passiert und wie können wir das auch haptisch in den Raum bringen, nicht nur mit Klängen, sondern auch mit der Gestaltung.


Michalis: Bei unserer ersten Veranstaltung im Haus Mainusch in Mainz habe ich einfach zwei große Kisten Bananen gekauft und die haben wir überall aufgehängt.


Janeck: 24 Kilo!


Tami: (lacht) Echte Bananen!


Janeck: (lacht) Wir geben zu, es waren keine Fairtrade Bananen. Und tatsächlich, es gab auch Exotismus-Vorwürfe. Aber ich möchte das Thema nicht weiter vertiefen.


Luca: Eine Besonderheit, die wir bei unseren Veranstaltungen haben und die auch mit der

Entschleunigung und Gemeinschaft zu tun hat, ist, dass unser Publikum sehr achtsam ist. Wenn da Bananen als Deko verwendet werden, dann achten die Leute auch drauf, dass sie gegessen werden.


Michalis: Bei dieser Veranstaltung saß ich auch zwischendurch an der Seite, als ein Mädchen, das ich nicht kannte, zu mir kam und mich gefragt hat, ob sie meine bereits angebissene Banane zu Ende aufessen darf.


Tami: Da ist auch wieder der Respekt! Nicht nur in der Musik, sondern auch bei unseren Partygästen.


Luca: Als Deko nehmen wir oft, was wir gerade finden, vielleicht auch erst auf dem Weg zu der Veranstaltung. Da bleiben wir auch mal kurz vor knapp irgendwo im Wald stehen und nehmen etwas Grünzeug mit, das uns gefällt. 

Ihr seid auch mit anderer Musik als DJs unterwegs. Wie erlebt ihr euer Publikum bei den Mach mal langsam-Partys? Sind die Menschen anders gelaunt?


Jannek: Die Achtsamkeit ist wahrscheinlich der Punkt, der Mach mal langsam ausmacht. Es gibt kaum Veranstaltungen, wo so viel Wert auf respektvollen Umgang miteinander gelegt wird wie bei uns. Dazu habe ich eine kurze Anekdote: Tami war im Urlaub und ein paar unserer Fans haben sich als Dekovertretung angeboten und einige Teppiche mit sehr interessanten Motiven mitgebracht. Einer der Teppiche war dann leider nach der Veranstaltung verschwunden. Daraufhin habe ich einen Facebook-Aufruf gestartet und geschrieben, dass ein wichtiger Teppich weggekommen ist und dass er spätesten bei der nächsten Veranstaltung wieder auftauchen sollte. Eine junge Dame hat sich danach gemeldet und gemeint, dass sie auf dem Teppich nach Hause geflogen sei, aber der Teppich natürlich wieder zurück kommen wird.


Eddy: Das ist diese neue Art zu feiern, die in den letzten Jahren in Deutschland groß geworden ist und die ich auch aus keinem anderen Land kenne. Durch diesen neuen Trend können wir den Leuten zeigen, dass es möglich ist auch ohne Alkohol und Drogen feiern zu gehen. Bei manchen unserer Veranstaltung kommen auch Familien mit Kindern und das finde ich eine schöne Sache. 

Was denkt ihr denn über die Wiesbadener und Mainzer Kulturszene und welche Änderungswünsche hättet ihr?


Eddy: In den letzten Jahren ist die Szene in Mainz sehr viel schlechter geworden, denn es wurden systematisch sehr viele Clubs zu gemacht.


Tami: Es ist ziemlich schwierig, überhaupt etwas zu starten, auch durch die ganze Gentrifizierung. Das Fuchsbau-Kollektiv hatte beispielsweise erst so ein kleines Outdoor-Festivalgelände, aber durfte dort nichts bauen und später dann auch gar nicht mehr da sein. Nachdem wir dann über ein Jahr lang aktiv gesucht haben, ist das alte Postlager entstanden und wir konnten uns dort integrieren. Aber hätten wir das nicht gefunden, dann wären wir immer noch heimatlos. Und ich glaube, das geht vielen so. Die Planke Nord und das 50Grad haben dicht gemacht, das Peng sucht im Augenblick wieder einen neuen Ort und das Haus Mainusch soll auch weg. Und es macht auch nichts Neues mehr auf. Es ist wirklich hart, etwas zu finden, wo man überhaupt eine Party feiern darf.


Janeck: In Wiesbaden sind wir mit der Krea schon relativ gut versorgt, aber es kann doch nicht sein, dass wir in der Stadt nur eine Location bespielen können.


Luca: In Darmstadt hat die Musikbewegung auf jeden Fall Anschluss gefunden, aber die Stadt ist auch einen kleinen Schritt auf uns zugegangen und fragt uns manchmal nach gemeinsamen Projekten. Vielleicht gerade, weil die Musik Jung und Alt anspricht.


Tami: In Mainz bekommt man vielleicht mal etwas zur Zwischennutzung, aber da ist dann schon im Vorfeld klar, dass das wird nächstes Jahr abgerissen, weil Luxuswohnungen für Studenten gebaut werden oder so. Auch das Postlager ist vielleicht nur zwei bis drei Jahre sicher, denn früher oder später müssen wir wieder raus, weil das Gebäude abgerissen werden soll. Aber eigentlich wäre es ja auch schön, mal einen Ort zu schaffen, der da bleibt, weiter wächst und sich verändern kann. Und man nicht immer wieder einen neuen Ort aufploppen lassen muss, der mal kurz da ist für Kunst und Kultur, weil eigentlich da ja gar kein Platz ist.


Janeck: Falls in Wiesbaden jemand eine geeignete Immobilie hat und derjenige das Gefühl bekommt, er könne uns vertrauen, dann kann er sich gerne melden. Wir gehen auch sehr behutsam mit solchen Objekten um. Ich habe gelesen, dass in Wiesbaden das Prinzip herrscht, man sollte Räume eher leer stehen lassen, als sie zu nutzen. Das sollte man lieber umwandeln!  Wir wollen tendenziell schon tagsüber mit unseren Veranstaltungen beginnen, denn es sollen auch Familien und Kinder zu unseren Events kommen können. Es wäre falsch, unser Kollektiv nur als Partyveranstalter und als einen Haufen DJs mit visuellem und dekorativem Schnick-Schnack zu sehen. Wir sind eine kulturelle Institution und auch wenn wir noch kein eingetragener Verein sind, leisten wir mit unserer Musik inter- und multikulturelle Arbeit, denn wir schaffen ganz neue Räume. Ob es diese physisch gibt oder nicht, ist dabei nicht so wichtig. Aber wir sind bereit und ich hoffe auf das Beste! 

Zugunsten von Verständlichkeit und besserer Lesbarkeit wurde das Interview stark gekürzt. Die ungeschnittene Version ist zum Nachhören auf unserem Youtube-Kanal zu finden.

Mehr Infos und Musik des Mach mal langsam Kollektivs findet ihr auf:
Soundcloud: https://soundcloud.com/machmallangsam 

Facebook: https://www.facebook.com/machmalangsam/

Instagram: https://www.instagram.com/mach_mal_langsam_

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