AUF EIN WORT

Erste Hilfe -  über Finanzprogramme für Kunstschaffende in der Corona-Krise (Line Krom)

01.08.2020

Die bildende Künstlerin Line Krom setzt sich ästhetisch-forschend mit den ökonomischen Bedingungen des Kunst-Machens auseinander und vergleicht in ihrem Gastbeitrag die Corona-Künstler*innen-Unterstützung in Hessen und Rheinland-Pfalz.

In einer Krise gilt schnelles Handeln, ein Schuss aus der Hüfte bedeutet aber auch, dass man auf etablierte Formate zurückgreift. Für die meisten bildenden Künstlerinnen und Künstler kam die Corona-Soforthilfe nicht in Frage, denn ihre Betriebskosten sind in der Regel zu niedrig, um überhaupt förderrelevant zu sein. Ein Unternehmer*innenlohn war in den meisten Phasen der Soforthilfe-Programme nicht vorgesehen. Die Bundesregierung verwies Kunstschaffende in der Corona-Krise auf die Grundsicherung. Das Mittel der Wahl, denn aus finanzpolitischer Sicht enthält es etablierte Kontrollinstrumente, die das soziale Netz vor vermeintlichem Missbrauch schützen sollen. Das Problem der Kunstschaffenden besteht darin, dass die Grundsicherung zwar die Lebenskosten deckt, nicht aber berufsbedingte Kosten wie Ateliermiete, Versicherungen, laufende Kosten für den eigenen PKW. Die Regierungen der einzelnen Bundesländer haben das Problem erkannt und versuchen, diese Lücke mit Corona-Künstler*innenförderprogrammen zu schließen.

 

Hessen und Rheinland-Pfalz im Vergleich

Das Budget für die Kulturförderung in „Hessen kulturell neu eröffnen“ ist mit 50 Millionen Euro wesentlich größer als das Pendant in Rheinland-Pfalz, dessen Umfang mit 15,5 Millionen Euro beziffert ist. Markus Nöhl, Pressesprecher des rheinland-pfälzischen Kultusministeriums, erklärte mir, dass die unterschiedlichen Volumina nur schwerlich miteinander zu vergleichen seien, da sie auf unterschiedliche Bedürfnisse und Strukturen reagierten. Man habe es hier mit unterschiedlichen Kulturlandschaften zu tun, so könne Hessen mit mehreren Metropolen aufwarten, Rheinland-Pfalz hingegen sei eher ländlich strukturiert.

Beide Bundesländer haben ein Arbeitsstipendium im Umfang von 2000 Euro pro Künstler*in auf den Weg gebracht. In Hessen heißt es „Übergang meistern“ und in Rheinland-Pfalz ist es unter „Künstlerisches Schaffen sichtbar machen“ zu finden.

Kreative mit Erstwohnsitz in dem jeweiligen Bundesland können sich darum bewerben und ein Projekt in knapp 300 Wörtern beschreiben. Die Auswahl der Projekte ist nicht juriert, sprich, es handelt sich um ein stark vereinfachtes Bewerbungsverfahren, bei dem es nicht um Exzellenzförderung geht, sondern auf das sich jeder Kunstschaffende bewerben kann.

 

Problem Künstlersozialkasse

Das größte Hindernis beim Hessischen Arbeitsstipendium stellt die Mitgliedschaft in der Künstlersozialkasse (KSK) dar. Die KSK ist eigentlich eine sinnvolle Errungenschaft, denn hier wird der Arbeitgeberanteil zur Krankenkasse und Sozialversicherung sowohl von den Auftraggebern aus der Wirtschaft als auch vom Bund finanziert, so dass die Versicherungskosten im Vergleich zu anderen freien Berufen moderat ausfallen. Doch leider orientiert sich die Mitgliedschaft in der KSK nicht an den gegenwärtigen Lebens- und Arbeitsbedingungen der meisten Kunstschaffenden. Man muss davon ausgehen, dass gerade mal fünf Prozent aller Kunstschaffenden in Deutschland Mitglied in der KSK sind. Kunstpädagog*innen und Schauspieler*innen sind beispielsweise nicht zugelassen, Theaterpädagog*innen und DJs hingegen schon. Das Problem ist schon lange bekannt, doch leider ist keine Umstrukturierung in Sicht. Sowohl die Hessische Kulturstiftung als auch Angela Dorn, die hessische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, bedauern dieses Ausschlusskriterium. Aus dem regelmäßigen Kontakt mit Kunstschaffenden sei ihnen diese Problematik bekannt.

Ein Lichtblick

Einige Bundesländer haben es glücklicherweise geschafft, die KSK Mitgliedschaft als K.O.-Kriterium auszuschließen: Das rheinland-pfälzische Arbeitsstipendium gehört seit dem 15. Juli dazu. Hier ist man dem Wunsch der Interessenverbände, insbesondere dem Bundesverband Bildender Künstler Rheinland-Pfalz (BBK), gefolgt. Die Kriterien der ökonomischen Verwertbarkeit wurden aufgehoben, als Nachweise gelten nun eine künstlerische Ausbildung oder der Nachweis einer qualifizierten künstlerischen Praxis. 

 

In Rheinland-Pfalz macht das Arbeitsstipendium mit 7,5 Millionen Euro die Hälfte des gesamten Budgets für das Programm „Im Fokus. 6 Punkte für die Kultur“ aus. In Hessen wird das Budget der Arbeitsstipendien nicht angegeben. Das Ziel ist es jedoch, so viele Kunst- und Kulturschaffende wie möglich zu erreichen, wie mir Maike Erdmann, Pressesprecherin der Hessischen Kulturstiftung, versicherte. Das lässt hoffen, dass jedes Mitglied der KSK in Hessen in den Genuss einer solchen Förderung kommen kann, sofern die übrigen Stipendienkriterien erfüllt werden. Das sind wunderbare Nachrichten! Es bedeutet, dass möglichst viele Kreative erreicht werden sollen. Nicht nur bildende Künstler*innen können die Arbeitsstipendien in Anspruch nehmen, sondern auch Journalist*innen, Grafiker*innen und Kleinstunternehmer*innen aus den Creative Industries. Gelungen finde ich, dass eine andere Staatsbürgerschaft als die Deutsche kein Ausschlusskriterium darstellt. Entscheidend ist der gemeldete Wohnsitz. Auf die Arbeitsstipendien kann man sich in beiden Bundesländern noch bis zum 15. September bewerben.

Weitere Künstler*innenförderungen

In Hessen wartet man mit einer zweiten Phase der Künstler*innenförderung auf das Projektstipendium „Hessen innovativ neu eröffnen“, das sich auf einen Umfang von insgesamt 9,5 Millionen Euro beläuft. Für das Projektstipendium können sich neben Einzelkünstler*innen auch Künstlergruppen und Startups bewerben. Die Bewerbungen werden von einer Fachjury ausgewertet. Der Bewerbungszeitraum ist aktuell zwischen dem 10. und 23. August angegeben, Kriterien für die Vergabe sind noch in Arbeit. Fest steht, dass man nicht Mitglied in der KSK sein muss, um sich zu bewerben.

 

Auch in Rheinland-Pfalz gibt es noch ein zweites Programm, auf das sich Kunstschaffende bewerben können, allerdings nur in Ausnahmefällen. Dieses Stipendium ist eher ein Impulsgeber für neue Formate und fokussiert „Neue Medien in der Kultur“. Die Förderhöhe ist flexibel und wird dem Projekt in einer Höhe von 1000 bis 10000 Euro angepasst. Die Eigenbeteiligung beläuft sich auf zehn Prozent der Antragssumme.

 

Natürlich sind mit 2000 Euro aus der Künstler*innenförderung aus unternehmerischer Sicht keine großen Sprünge zu machen, diesen Betrag haben viele Arbeitnehmende in Deutschland monatlich auf ihrem Konto. Betrachten wir uns aber die Zahlen aus einer Umfrage des Bundesverbands Bildender Künstler von 2018, so wird das durchschnittliche Jahreseinkommen einer/eines bildenden Künstler*in mit 8 400 Euro angegeben - mit den 2000 Euro sind also bereits knapp ein Viertel des Jahreseinkommens einer/eines Künstler*in erreicht. Die öffentliche Hand kann hier mit geringen Fördersummen, wie dem Corona-Arbeitsstipendium, viel erreichen.

 

Mehr Hilfen erwünscht

Deutschland ist im Unterschied zu einigen anderen Ländern kein Land, in dem direkte finanzielle Künstler*innenförderung im Zentrum der öffentlichen Kulturförderung steht. In der Regel werden Institutionen und Einrichtungen gefördert, über diese, so hofft man, dann indirekt Künstler*innen. Nur knapp sei an dieser Stelle erwähnt, dass es in Deutschland immer noch keine Verpflichtung für eine Ausstellungsvergütung für Künstler*innen gibt, obwohl seit 50 Jahren darum gerungen wird. Eben deswegen haben die von den Bundesländern entwickelten Arbeitsstipendien mehr Beachtung verdient, denn sie weisen in eine richtige Richtung. Dabei wird die künstlerische Arbeit unterstützt und nicht nur Institutionen, die künstlerische Ergebnisse präsentieren. Auch die künstlerische Arbeit, das Forschen und Experimentieren, muss unterstützt werden, sonst haben wir Ausstellungsräume, aber keine lebendige Szene, die diesen Leben einhaucht und damit ästhetischen und gesellschaftlichen Diskurs gestaltet.

 

Rheinland-Pfalz ist es durch die Überarbeitung der Vergabekriterien für das Arbeitsstipendium gelungen, die Profitorientierung künstlerischer Arbeit als Ausschlusskriterium an die künstlerische Arbeitsrealität anzupassen. Auch hier ein weiterer Schritt in die richtige Richtung zur Unterstützung von Kunstschaffenden.

Der Wunsch und die Forderung nach nachhaltiger und unkomplizierter Unterstützung der freien Künstler*innen bleibt bestehen, denn die Programme sind nur einmalig abrufbar. Eine Erweiterung ist derzeit nicht in Sicht, ebenso wenig ein struktureller Wandel.

 

Fazit: In der akuten Krise hat die Regierung schnell gehandelt. Länger bestehende, strukturelle Probleme wurden zwar nicht angegangen, aber mit ihren stark vereinfachten Zugängen, die an eine große Breite von Kunstschaffenden adressiert ist, weisen die Arbeitsstipendien einen Schritt in die Richtung einer Reformierung der Künstler*innenförderung. Also Leute, ran an den Speck! Bewerbt euch! So signalisiert ihr, dass die entwickelten Stipendien gebraucht werden.

 

 

Kurzbio

Line Krom ist bildende Künstlerin, die sich ästhetisch-forschend mit den ökonomischen Bedingungen des Kunst-Machens auseinandersetzt.

 

Krom studierte am Wimbledon College of Arts in London, an der Universität der Künste in Berlin und an der Goethe-Universität Frankfurt Bildende Kunst und Kulturwissenschaften.

Als Residenzkünstlerin war sie eingeladen an das Centre for Contemporary Art Kitakyushu in Japan und an das Center for Drawing in London, jüngst an das Art Hub Copenhagen.

Krom zeigte Arbeiten in zahlreichen nationalen und internationalen Einzel- und Gruppenausstellungen, unter anderem der L.A. Art Book Fair, Los Angeles, dem BronxArtSpace in New York und dem Jerwood Space in London.

Erst kürzlich war sie mit Einzelausstellungen im Frauen Museum Wiesbaden (2020), dem Neuen Kunstverein Gießen (2019), im Nachtspeicher 23 in Hamburg (2019) und der Regionalgalerie Südhessen im Regierungspräsidium in Darmstadt (2017) vertreten.

 

Parallel zu ihrer künstlerischen Tätigkeit verfolgt Krom eine kuratorische Praxis, die Projektplanung und Ausführung (Ausstellungen, Veranstaltungen, Publikationen), Forschung und Textproduktion und Kunstvermittlung umfasst. Zuletzt arbeitete sie als kuratorische Assistentin der Enter Art Fair in Kopenhagen (2019).

 

Gegenwärtig unterrichtet sie am Institut für Kulturanthropologie der Goethe-Universität Frankfurt "Wie wird Kultur gemacht? Kultureinrichtungen und Kulturförderung auf den Zahn gefühlt". Am Institut für Kunstpädagogik der Goethe-Universität hatte sie mehrere Lehraufträge mit dem Schwerpunkt “Außerschulische Kunstvermittlung: Mediation von Sammlungen und Ausstellungen in Theorie und Praxis“. Ihr Interesse gilt der inklusiven Kulturinstitution mit dem Fokus auf Dekonstruktion von Hierarchien in Kunsteinrichtungen, um Schnittstellen zwischen Kunst und Sozialer Arbeit zu entwickeln.