SCHAUSPIEL: LLEWELLYN REICHMAN

01.03.2020 (Fotos: Simon Hegenberg, Interview: Jannek Ramm)

WHY NOT SERIOUS?

Llewellyn Reichman ist in Bewegung. Irgendwo zwischen Berlin, Wiesbaden und dem Rest der Welt. Zwischen Performance und Vorabendserie, Institutionen und Integrität, Angst und Euphorie. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, wo sie gerade steht.


Du warst von 2016 bis Ende letzten Jahres Ensemblemitglied im Schauspielhaus in Wiesbaden.
Wie hast du diese Zeit empfunden?


Ich habe sie sehr genossen. Es ist ein sehr offenes und ehrliches Ensemble. Tolle Leute, mit denen man sich immer intensiv darüber unterhalten konnte, was man da gerade probt oder was man erreichen will. Das Haus an sich... gut. Ich habe ja im vergangenen Jahr gekündigt, weil ich auch neugierig bin mich nochmal anders zu entfalten. Und klar gibt es auch Machenschaften, die einem über die Jahre hinweg mehr auffallen und stören.


Magst du sagen, was genau?

Naja, ich denke es ist immer die Frage, inwieweit man in einer Institution seine Kunst verorten möchte. Und ich glaube da hat jede Institution, egal welche, einfach eine Grenze. Da muss man immer für sich selbst einschätzen, wie weit man mitgehen möchte. Ob man zum Beispiel eine Marke dieser Institution sein möchte, oder ob man sich ganz anders definiert. Und im Zweifel muss man sich dann auch irgendwann von einer Institution lösen. Ich kann mir vorstellen, dass du in deinen eigenen Performances auch  mehr Einfluss auf die künstlerische Gestaltung hast als in einem professionalisierten Apparat, der bei jedem Stück ähnlich oder gleich funktioniert. Ja definitiv. Ein Theater muss die Abende ja auch so gestalten, dass immer Publikum kommt. Von daher war es für mich auch von der Expression her so, dass die Abende immer sehr ähnlich geblieben sind, auch, wie sie sich anfühlen. Wie erlebst du das bei deinen eigenen Arbeiten?


Wie fühlt es sich an mit etwas so Persönlichem rauszukommen?

Das ist ein neues Gefühl, das ich für mich gerade schätzen lerne. Eine Art von Angst und Euphorie. Sich auch gegenüber einer Idee so komplett zu opfern. Im Theater weißt du immer: Jetzt kommt der und der Text. Das Spiel ist dann ganz anders aufgestellt. Bei den Performances, die ich mache, gibt es bestimmte Kernpunkte, zu denen ich immer wieder komme. Der Rest ist aber frei und improvisiert. Dadurch wird es viel unmittelbarer und es entsteht eine Gratwanderung, die ich sehr spannend finde.


Wie kommst du auf die Themen oder Motive deiner Performances?

Ich habe immer das Gefühl, dass es wie eine Reise ist. Man unternimmt Dinge oder trifft Leute und dann liegt das Thema eines Morgens einfach auf dem Küchentisch und ich habe Lust darauf, genau das anzugehen.


Welche Themen sind das bei dir?

Die Performance „Fool“ zum Beispiel ist meine Neugierde über den Charakter des Narren. Auch als Frau in dieser Schauspiellandschaft einen Charakter zu spielen, der nicht so stark weiblich oder männlich konnotiert ist, sondern eher etwas Wesenhaftes hat. Und ich fand es spannend mich zu fragen, was denn ein Narr heutzutage eigentlich ist, auch in seiner Eigenschaft als Widersacher. Ich habe das dann ein bisschen mit Whistleblowern verglichen. Die sind sozial schwer einzuordnen, aber wollen doch sehr stark Einfluss nehmen.


Ein Narr hat also gar nicht unbedingt was Komisches? Ich hätte da eher an Satire oder Kabarett gedacht.

Doch das hat es auch. Manchmal geht es in eine bitterböse Richtung. Der Narr spricht ja auch Sachen aus, die man nicht hören möchte oder widerlegt Dinge, die man nicht widerlegt haben möchte. Das kann in einem Witz sein, aber auch durch Sarkasmus oder Ironie. Neben Klatschen ist Lachen eine Publikumsreaktion, die man unmittelbar mitkriegt.


Sind dir solche Rückmeldungen wichtig? Oder ist es auch okay, wenn du gar nicht erfährst, was deine Performance auslöst?

Das Schöne an einer Performance ist, dass ich immer sehr nah am Publikum bin. Zumindest so wie ich das bisher gemacht habe. So bekommt man ganz verschiedene Reaktionen mit. Auch wenn es jemandem unangenehm ist, jemanden verunsichert oder Leute auf ihren Plätzen hin und her rutschen. Ich finde das aber alles sehr spannend. Es muss auch ein Miteinander-Erleben sein, solange ich dabei nicht rausfliege und die Kontrolle über meine Performance verliere.


Du hast gerade die zweite Staffel der ARD-Vorabendserie „In aller Freundschaft – Die Krankenschwestern“ abgedreht. Darin spielst du Louisa, eine der Hauptfiguren. Das klingt von außen nach dem krassen Gegenteil zu deinen selbstständigen Arbeiten. Ist das ein Widerspruch oder auch ein Reiz?

Es ist das totale Kontrastprogramm. Kurz bevor ich diese Serie gedreht habe, war ich mit einer Performance in New York und Südafrika und habe mich zum ersten Mal auch als selbstständige Künstlerin präsentiert. Und dann komme ich zurück nach Deutschland und bin plötzlich an diesem Set und drehe diese Serie. Das war wirklich sehr absurd. Es ist halt eine brutale Maschinerie, da ist nicht viel mit Impro oder mal gucken was entsteht. Es hat aber auch einen Reiz, man nimmt sich selbst ganz anders wahr. Und auch dort gab es viele Begegnungen, die mich bereichert haben. Gerade in Deutschland würde man so eine Arbeit ganz klar auf die Unterhaltungsseite stellen, Performancekunst hingegen wird eher als etwas sehr Ernsthaftes wahrgenommen.


 

Hast du bei Aufführungen in anderen Kulturkreisen feststellen können, dass so eine Unterscheidung weniger Bedeutung haben kann?

Das kann ich so pauschal nicht sagen, dafür bin ich auch zu wenig gereist. In Südafrika hatte ich aber schon das Gefühl, dass es irgendwie spielerischer und leichter ist. Da war eher eine große Neugier ohne eine Erwartung da. Mir hat eine afrikanische Künstlerin erzählt, dass sie es umgekehrt auch so empfunden hat, als sie in Deutschland war. Die Erwartungen an ihre Arbeit waren hier enorm hoch. Das ist aber auch spannend, weil sie in ihrer Performance dann mit genau diesen Erwartungen gespielt hat. Es ist aber auch der Markt hier in Deutschland, der Performance in so eine intellektuelle Ernsthaftigkeit schiebt. Was absurd ist, weil man mit Performance ja kaum Geld verdient. Beim Film ist es so, dass du ein paar Drehtage hast und so viel verdienst, wie in einem Monat am Theater. Und da sind wir dann eben in der Unterhaltungsschiene, da wird man besser durchgefüttert.


Heißt das, man muss immer einen Mix angehen, wenn man vom Schauspiel leben möchte?

Ich kann da keine richtige Logik erkennen in diesem System. Es gibt so viele Wege. Es geht aber auch um Glück. Entweder dein Gesicht ist fünf Jahre lang spannend oder wie du auf der Bühne sprichst oder dein Körper passt in jedes Stück, das zu irgendwelchen Festivals eingeladen wird oder eben nicht. Dann muss man sich irgendwie durchschlagen.


Wie ist das als Schauspielerin? Ich habe den Eindruck, dass es im klassischen Theater, aber auch im Film viele Rollen für junge Frauen bis ungefähr 30 gibt. Aber dann ist erstmal eine Lücke bis man wieder „die Mutter“ oder „die Großmutter“ spielen kann.

Ich glaube das hat wieder viel mit der Institution zu tun, zum Beispiel mit dem Theater, inwieweit da ein Intendant oder ein Schauspieldirektor oder Dramaturgen Rollen an Land holen, die für Frauen sind, die zum Beispiel 40 sind. Da habe ich aber das Gefühl, dass sich gerade wahnsinnig viel ändert. Viele Häuser brüsten sich damit, dass jetzt plötzlich ganz viele Rollen für Frauen ab 40 da sind. Kein Mann, der in einer künstlerischen Position ist, möchte sich gerade einfangen, dass er keine Frauen besetzt, deswegen tun sie's alle.


Wir haben außerdem mit Llewellyn über Authentizität und Schauspiel gesprochen. Wie es sich anfühlt, wenn die Social-Media-Bühne in die Privatsphäre eindringt und was das mit dem Beruf der Schauspielerin macht, könnt ihr hier unten im ungekürzten Interview nachhören.

Das komplette Interview zum nachhören!