AUF EIN WORT / A WORD 

AGNESE REGINALDO

01.04.2020 - von Jannek Ramm      (English text below)

Als ich Anfang des Jahres von London nach Wiesbaden zog, waren meine Freunde und Bekannte sehr irritiert über die Wahl meiner neuen Heimat und fragten mich mehrmals nach dem Grund meiner Entscheidung.

Ich bin von Beruf Kunsthistorikerin und kurz nachdem ich mein Studium in Neapel abgeschlossen habe, bin ich im Jahr 2012 nach London gezogen. Ich spezialisierte mich auf die Kuration und die Öffentlichkeitsarbeit, wobei ich eng mit Künstlern, Wissenschaftlern und anderen Akademikern in Galerien und Museen zusammengearbeitet habe. Mein Fokus lag dabei auf der Kunst und wie sich diese auf das Wohlbefinden der Betrachtenden auswirken kann. Dies hat zum Ziel, eine wirkungsvollere Verbindung zwischen dem Publikum und der zeitgenössischen Kunst herzustellen.

Nach meinem Umzug in die hessische Landeshauptstadt war ich einerseits inspiriert von meiner neuen Heimat, andererseits aber auch skeptisch ihr gegenüber. Um mir ein Bild von der Kultur zu machen, in der ich ab sofort leben werde, und mehr über die hessische Kunstszene zu erfahren, habe ich in den ersten zwei Wochen verschiedene Museen und Galerien in Wiesbaden und Umgebung besucht. Und ich war schnell positiv überrascht, wie viel die Stadt zu bieten hat.

Mein erster Besuch galt dem Wiesbadener Landesmuseum, das in seiner Dauerausstellung die Natur mit moderner und zeitgenössischer Kunst zusammenführt. Die Ausstellung der Artenvielfalt ist auf eine besondere Art und Weise angeordnet: Die Besucher werden eingeladen, sich den nach den Elementen der Natur, wie den nach Farben, Bewegungen, Formen und den nach der Zeit geordneten Inhalten der Ausstellung anzunähern. Auf diese Weise sollen die Kunst und die Natur miteinander ins Gespräch gebracht werden.

In der Nähe des Landesmuseums befindet sich der Nassauische Kunstverein, ein außergewöhnliches Zentrum für zeitgenössische Kunst. Gegründet wurde der Verein im 19. Jahrhundert im Herzogtum Nassau als Gesellschaft der Freunde der Bildenden Künste. Die Organisation bringt die Begegnung zwischen Geschichte und zeitgenössischer Praxis auf den Punkt, zudem mit einem eher internationalen und innovativen Flair. Dies spiegelt sich auch in ihrem Programm „Follow Fluxus - Fluxus und die Folgen“ wider, das die Kunstbewegung der 1960er Jahre, deren Wurzeln unter anderem in Wiesbaden zu finden sind, aufgreift und jungen, aufstrebenden Klangkünstlern einen Ort zum Experimentieren bietet.

Da ich mich leidenschaftlich für Anthropologie und insbesondere für die Darstellung von Frauen im Laufe der Geschichte interessiere, konnte ich mir das Frauenmuseum nicht entgehen lassen. Es ist ein wahrer Schatz in der Stadt, vor allem wenn man bedenkt, dass es weltweit nur wenige Museen gibt, die ausschließlich der Geschichte der Frauen gewidmet sind. Die kleine, aber bedeutsame dauerhafte Sammlung antiker Statuen zusammen mit dem temporären Programm zeitgenössischer Praktiken machen das Frauenmuseum zu einer wertvollen Plattform um etwas über die Themen Geschlecht, Körper und Identität in vergangenen und gegenwärtigen Gesellschaften erfahren und sich mit diesen auseinandersetzen zu können.

Auf der anderen Seite des Rheins, in der Kunsthalle in Mainz, sah ich die Ausstellung „Conversing with Leaves“ (Anm. d. Red.: zu Deutsch so viel wie „sich mit Blättern unterhalten“) des Künstlers Uriel Orlow, die mich sehr zum Nachdenken anregte. Die Ausstellung deckt ein Stück Geschichte auf, das nicht vergessen werden darf, und präsentiert die vielschichtige Geschichte des Kolonialismus aus einem etwas anderen Blickwinkel. Anhand der Ausbreitung und Verwendung von medizinischen Pflanzen zeigt der Künstler, wie die Menschen nach und nach die Welt besiedelt haben. Die Besucher werden durch einen multisensorischen Weg geführt, der mit der Ausbreitung von Heilpflanzen beginnt, gefolgt von den politischen Strategien, welche hinter den verschiedenen Verwendungszwecken der Pflanze stehen und dem zeitgenössischen Verständnis dieser Dynamiken.

Zurück in Wiesbaden besuchte ich das Walhalla-Theater im Exil und war beeindruckt davon, wie der kleine Spielort mit einer zeitgenössischen Aufführung die Tradition des klassischen Spiels und der Oper aufbricht. Ich habe das Stück „Exodus“ gesehen, eine kraftvolle Darstellung des Seins, mit einem kritischen Blick auf die moderne Gesellschaft verknüpft. Die einfallsreiche Low-Budget-Produktion und der intellektuelle Zugang machen das Walhalla zu einem wichtigen Bestandteil der Wiesbadener Kulturlandschaft.

Wenn ich durch die historischen Kulissen Wiesbadens wandere, denke ich daran, wie man die Erinnerungen an die Vergangenheit mit aktuellen Diskursen verbinden könnte. Ich überquere Straßen, in denen neue Museen ihren Grundstein legen (https://www.museum-reinhard-ernst.de/en/construction/), und hoffe auf eine glänzende Zukunft von Kunst und Kultur in der Stadt. Ich wünschte, die Politik und Wissenschaft würden zusammen mit kulturellen Institutionen das Konzept der "Gesunden Städte" wieder aufgreifen und anerkennen, dass Kunst ein wertvolles Element zur Verbesserung der Gesundheit der Menschen ist. Seiner Kreativität und dem Selbstausdruck Luft zu geben ist nicht nur für die psychische Gesundheit des Einzelnen von wesentlicher Bedeutung, sondern auch für die Festigung der Gemeinschaften, denn es hilft dabei sich zu verbinden und bessere Beziehungen aufzubauen.

Ich würde mir wünschen, dass alle Kunstorganisationen ihre Ziele und Ausrichtung überdenken und öffnen würden, um ihre wertvollen Ressourcen für jüngere Generationen und Menschen mit unterschiedlichem kulturellem und bildungspolitischem Hintergrund besser zugänglicher zu machen. Es sollte mehr Gewicht der Schaffung eines international vielfältigen Sammlungs- und Ausstellungsprogramms liegen auf die Bereitstellung erschwinglicherer Räume für Künstler, um ihre Praktiken zu entwickeln, und auf die Zusammenarbeit zwischen weniger etablierten und bekannten Organisationen. Es wäre schön, wenn Museen und Galerien ihre Räume für den kulturellen Dialog nutzen und mit Workshops und Angeboten, die nicht nur pädagogisch wertvoll sind, zu einer stärkeren Verbindung mit der Kunst beitragen würden.

Agnese Reginaldo

When I moved from London to Wiesbaden at the beginning of January this year, people seemed puzzled about my choice, always asking why?

I am an Italian art historian who graduated in Naples, soon after moving to London, where I have been living since 2012. I specialise in curation and public engagement, working in collaboration with artists, scientists and other academics in gallery and museum settings. I focus my work on the intersection between art and well-being, aiming to create a more effective connection between the audience and contemporary art.

As soon as I moved to the Hessian capital, I felt both inspired and sceptical about my new start. I spent the first two weeks visiting museums and galleries to get a clearer idea about its culture but also to learn more about the Hessian art scene. I was soon positively surprised by how much the city has to offer.

My first visit was to the Landes Museum, which in its beautiful permanent collection brings together the natural world with modern and contemporary art. Its display of species is arranged in a rather peculiar way, with visitors invited to look at the content grouped by elements found in the natural world: colours, motion, shapes, and time, bringing art and nature in conversation.

Not far from the Landes Museum is the Nassauischer Kunstverein, an extraordinary centre for contemporary art. Founded in the nineteenth century in the Duchy of Nassau, as a Society of Friends of the Fine Arts, this organization encapsulates the perfect encounter between history and contemporary practices with a rather international and innovative flair. It is evident in their programme Follow Fluxus - After Fluxus, which revisits the 1960s art movement, whose roots can be traced to Wiesbaden amongst other international destinations, currently providing young, emerging sound artists with a place for experimentation.

As I am passionate about anthropology and, particularly, the representation of women throughout history, I could not miss the Frauen Museum. It is a real treasure in town, especially considering that there are only a few museums dedicated to women’s history in the world. The small but significant permanent collection of antique statues together with the temporary programme of contemporary practices make the Frauen Museum a valuable platform to learn and reflect on the issues of gender, body and identity in past and present societies.

On the other side of the river Rhine, at the Kunsthalle in Mainz, I saw a thought-provoking exhibition titled Conversing with Leaves by artist Uriel Orlow. Uncovering a piece of history that should not be forgotten, the show presents the multi-layered history of colonialism by tracing the migration and appropriation of plants, which become unexpected witnesses with their own narratives. Visitors are guided through a multisensory path that begins with the migration of medical plants, leading to the political strategies of appropriation and the contemporary understanding of these dynamics.

Back in Wiesbaden, the Walhalla Theatre breaks the tradition of classical play and opera by introducing contemporary performances into its programme. I saw Exodus, a powerful representation of being intertwined with a critical view of modern society. The venue’s financial and intellectual accessibility makes it a precious element of the rich cultural landscape of Wiesbaden.

I am looking forward to the changes that will be brought about by the redevelopment of The Kunsthaus in Schulberg, a historical organisation currently undergoing refurbishment to create more room for emerging artists and hosting public events.

As I walk through beautiful buildings, I think of the ways these reminders of the past could give breath to contemporary discourses. I cross streets where new museums are placing their foundations (https://www.museum-reinhard-ernst.de/en/construction/), filling me with the hope for a bright future of art and culture in the city. I wish, academics together with cultural institutions would revisit the concept of ‘Healthy Cities’ acknowledging that art is a precious element to improve people’s health. Giving breath to creativity and self expression is essential not only for  the individual's mental health but also to help communities to connect and build better relationships.

I would like to see in the strategy of these organisations a move towards greater inclusivity to make their valuable resources more accessible to younger generations and people from different cultural and educational backgrounds. There should be greater emphasis on creating internationally diverse collections and exhibitions programmes, providing more affordable spaces for artists to develop their practices and on building more bridges between less established and well-known organisations. It would be nice to see museums and galleries used as spaces for cultural dialogue through the implementation of workshops and activities that are not only educational but also help to establish a more powerful connection with art.



 

Agnese Reginaldo                                                      Wiesbaden, February 2020