KULTURORT: VOGELTRÄNKE

01.03.2020 (Fotos: Johanna Kuby, Interview: Jannek Ramm)

Seit vergangenem Sommer gibt es in Wiesbaden die VOGELTRÄNKE. Einen Kulturkiosk im Kulturpark. Zwischen Punkrock, Bier und Bauwagenromantik geht es nun am 04.04.2020 in die zweite Saison. Wir haben uns von Leo und Lukas erklären lassen, was das Ganze mit Bayern, Metalcore, Demokratie und früher zu tun hat.


Wenn man sich in Wiesbaden so umsieht, findet man an fast jeder Ecke einen Kiosk. Zumindest im Stadtkern.
Was macht das mit dem Leben in einer Stadt?


Lukas: Als ich vor neun Jahren nach Wiesbaden gezogen bin, ist mir gleich aufgefallen, dass es viele Kioske gibt. Aus meiner Heimatstadt kannte ich das so nicht. Für mich waren das erste Anlaufstellen um verschiedene Leute kennen zu lernen. Kioske sind Orte, wo sich die Großmutter am Sonntag nochmal einen Kaffee kauft, aber auch der Flaschensammler sein Pfand abgeben kann. Da treffen sehr viele Milieugruppen aufeinander. Ich halte Kioske daher für wichtige soziale Treffpunkte, in jeder Stadt.
Leo: Für mich machen Kioske auch die Sommerkultur in Wiesbaden aus. Gerade, wenn man abends von Park zu Park schlendert, ist unterwegs garantiert der ein oder andere Kiosk angesiedelt. Wenn man dagegen in Bayern unterwegs ist, kriegt man ab abends um acht auf der Straße nichts mehr zu trinken. Da muss man dann vorplanen, um später im Park noch ein kühles Bier trinken zu können. Das gibt es in Wiesbaden zum Glück nicht.


Nun habt ihr im vergangenen Frühling einen eigenen Kiosk eröffnet. Wie kam das?

Leo: Das kam eigentlich darüber, dass die Kreativfabrik, wo ich seit vielen Jahren aktiv bin, vor ungefähr zweieinhalb Jahren einen Bauwagen geschenkt bekommen hat. Zu der Zeit stand unser 15-jähriges Jubiläum vor der Tür und wir haben uns entschieden ein kleines Festival zu machen. Da wurde der Bauwagen dann direkt als Kassenhäusschen verwendet. Danach stand er aber erstmal ganz lange ungenutzt bei uns auf einem Parkplatz rum, bis wir irgendwann rund um den Wagen einen Abend veranstaltet haben, an dem es einfach hieß: Es gibt Bier für günstig Geld, aus der Pulle, es gibt eine Feuertonne und wir machen eine „Bring your own Tape“-Party. Das hat richtig Spaß gemacht und kam super an. Also konnte ich mir das öfter vorstellen und so ging das ins Plenum der Krea. Dann wurde lange rumdiskutiert und schließlich entschieden, "yo, wir machen eine Kulturkiosk."
Lukas: Daraufhin kam Leo auf mich zu und fragte, ob ich Bock habe mit zu machen. Das war im Sommer 2018. Da saß ich gerade an meiner Masterarbeit über die kollektive Nutzung von öffentlichen Freiräumen. Das hat natürlich ganz schön gepasst, also war ich dabei. Als es dann Anfang 2019 losging, waren außer Leo und mir noch etwa zehn, zwölf andere Leute eingestiegen, von denen viele auch heute noch dabei sind.
Leo: Das war eine echt spannende Zeit. Man hat gemerkt, dass es da einen besonderen Drive gab, weil die Leute gemerkt haben, dass sie da selbst was verwirklichen können, worauf wie sie eben Bock haben und aktiv mitentscheiden können: Wie sieht mein Späti mit Kultur auf so einem Gelände wie dem Kulturpark aus?



Und wie sieht er aus?

Lukas: Wenn man einfach nur vorbeiläuft, wird man vor allem erstmal einen Parkplatz wahrnehmen, auf dem ein bunter Bauwagen steht.
Leo: Eigentlich ist er schwarz.
Lukas: Naja, schwarz mit Regenbogenfarben. Egal. Die Atmosphäre entsteht erst durch die Menschen, die kommen und die Veranstaltungen, die dort geboten werden. Es spielt uns natürlich in die Karten, dass der Kulturpark und der Schlachthof da unten ansässig sind. Die Atmosphäre ändert sich natürlich auch dadurch, ob da jetzt Gentleman im Schlachthof auftritt oder...
Leo: ...eine Metalcore Band spielt.
Lukas: Ja. Oder Madonna. Da werden wir jeweils ein anderes Publikum vor der Tür haben. Wir haben aber sowieso verschiedene Leute da unten. Da gibt es die Boule-Spieler, die zu uns kommen, die Punks, die da unten rumhängen, aber auch Leute, die nach der Arbeit auf ein Feierabendbierchen kommen. Oder wenn ein Spiel bei Wehen Wiesbaden ist, kommen Fans, die einfach zufällig dort landen, ohne den Ort zu kennen, während ein eingesessenes Publikum immer vor Ort ist und sie herzlich aufnimmt. Das ist schon eine Begegnungsstätte, wo sich Menschen austauschen, die so im Alltag nicht miteinander geredet hätten. Und es ist immer eine sehr friedliche Atmosphäre vor Ort, die Kommunikation zulässt.



Was versteht ihr als Kulturkiosk denn unter Kultur?

Lukas:
Es ist ein Raum, der von jedem genutzt werden kann, so wie er es möchte, ohne dem anderen zu schaden. Das ist ja schon was Vielfältiges, was sich da unten vereint, als eigene Subkultur. Kulturell passiert aber auch Folgendes: Es kommen immer wieder Leute aus den Proberäumen, die in der Kreativfabrik und im Schlachthof angeboten werden. Manchmal bringen die auch ihre Instrumente mit und musizieren dann einfach bei uns. Meines Wissens haben sich durch die Vogeltränke zwei Bands gegründet. Auch über die Open Stage, die wir dort veranstaltet haben. Daran merkt man auch, dass es ein Ort ist, den man gebraucht hat in Wiesbaden.



Dieser Ort trägt den eher ungewöhnlichen Namen „Vogeltränke“. Warum dieser Name?

Lukas: Ursprünglich sollte der Kiosk ja „bis späti“ heißen.
Leo: Ja. Wir haben am Anfang mit einem Sticker mit der Aufschrift: „bis späti“ geworben. Und plötzlich gab es wirklich Leute, die angefangen haben, sich mit diesem Spruch zu verabschieden. Das war ein wunderschöner Moment.
Lukas: Und das hat sich auch durchgesetzt.
Leo: Auf jeden Fall. Wenn man da unten tschüss sagt, dann sagt man „bis späti“, auch wenn das Ding jetzt ganz anders heißt.


Aber warum heißt es jetzt „Vogeltränke“?

Leo:
Naja wir haben festgestellt, dass wir mit unseren Öffnungszeiten gar kein richtiger Späti sind. Also haben wir rumgesponnen, wie wir den Laden nennen. Und am Ende sind wir darüber gestolpert, dass wir doch irgendwie alles Vögel sind. Und dass wir auch gerne Bierchen trinken und uns einen Ort dafür schaffen. Und wo trinken die Vögel? An der Tränke.


Wie haben denn die anderen Akteure rund um den Kulturpark die Vogeltränke aufgenommen? Zum Beispiel der Schlachthof oder das 60/40, die ja schon länger dort Gastronomien betreiben und Kultur im Freien anbieten. Wurde das nicht auch als Konkurrenz wahrgenommen?

Leo: Ich sag mal ja und nein. Es gab sicherlich Bedenkenträger, die mit uns den Dialog gesucht haben. Vor allem mit dem 60/40 hatten wir ein sehr nettes Gespräch, in dem wir aber festgestellt haben, dass die uns nicht als Konkurrent sehen. Und wir sie auch nicht. Ins 60/40 geht jetzt nicht unbedingt jemand, der eine Feuertonne haben will und ein lauwarmes Bier, weil unsere Kühlung mal wieder versagt. Ins 60/40 geht man eher, um auch einen Happen zu essen oder eine Weißweinschorle aus einem gescheiten Glas zu bekommen und nicht das Punkrock-Export für den Nice-Preis. Auch mit dem Schlachthof gab es solche Gespräche, die aber freundlich beigelegt wurden. Mit der Kreativfabrik haben wir tatsächlich Absprachen treffen müssen, einfach weil wir dort direkt vor dem Eingang stehen und vor allem bei Partys deren Gäste bei uns hängen geblieben sind. Aber auch das funktioniert mittlerweile ziemlich gut.
Lukas: Wir wollen einfach einen Ort schaffen für jedermann und jederfrau und keine Konkurrenz sein für irgendwen und uns auch zu keiner Seite hin abgrenzen. Außer gegen Rechts, da grenzen wir uns ab. Ganz klar. Nach einer Winterpause startet die Vogeltränke nun am 04.04.2020 in die zweite Saison.


Wie blickt ihr so in die Zukunft?

Leo: Ich sehe in der Zukunft der Vogeltränke weiterhin einen Freiraum, der von den Vögeln, für die Vögel ist. Man muss Leuten einfach einen Raum bieten, an dem sie so sein können wie sie sind. Wo sie rumblödeln können, rumsitzen können, lachen können. Das ist so ein urbanes Ding. Und das ist es auch, was wir von einigen alten Hasen vom Schlachthof gesagt bekommen haben: "Ey Leute, ihr holt damit auch ein bisschen zurück, was der Schlachthof früher war."
Lukas: Ich sehe es auch als Schutzraum, wo Kultur geschützt wird. Eigentlich muss es mehr solche Orte geben, die kulturelle Veranstaltungen und soziale Interaktion ermöglichen, Parkraum oder Brachen beschlagnahmen, und auch die Kreativfabrik dahinter schützen. Damit die Gruppe größer und größer wird und Menschen die Stadt mitgestalten. Denn wir leben alle hier und wir sind gern hier. Das können wir auch zeigen. Wir haben nicht nur alle vier Jahre das Recht unseren Mund auf zu machen, sondern eigentlich jeden Tag!