KULTURORT: KULTURBÄCKEREI (Mainz)

01.05.2020 (Interview: Jannek Ramm)

Seit den 1990er Jahren haben verschiedene Akteure immer wieder versucht das Gelände rund um die alte Komissbrotbäckerei in der Mainzer Neustadt zu einem Kulturzentrum zu machen. Wie das nun endlich Wirklichkeit werden soll und was hochpreisiges Wohnen, die Situation Geflüchteter 2015 und die Bundeswehr damit zu tun haben, erzählten uns Joachim Schulte und Jürgen Waldmann von der Innitiative für ein Soziokulturelles Zentrum in der Mainzer Neustadt e.V.

 

Sie möchten aus der alten Komissbrotbäckerei ein Soziokulturelles Zentrum machen, wie kam es dazu?

 

Waldmann: Ich bin seit vielen Jahren als freischaffender Künstler in Mainz unterwegs, im Bereich Performance und Installation, und über diesen Weg bin ich vor ein paar Jahren auch zur Kulturbäckerei gekommen. Etwa 2015.

 

Schulte: Ich bin Bewohner der Neustadt und kenne das Projekt und die verschiedenen Phasen schon ziemlich lange. Es hat da immer schon Wellenbewegungen gegeben, weil schon so viel und so oft versucht wurde aus diesem Ort ein kulturelles Zentrum zu machen. Es ist jedoch immer daran gescheitert, dass der ehemaliger Besitzer, die Bundeswehr, das nicht frei gegeben hat. 2015 war die Zeit dann reif und wir haben gesagt, wir machen alles nochmal neu. In diesem Zuge wurde die Idee eines Soziokulturellen Zentrums entwickelt. 

 

Waldmann: Seit 2017 ist aus der Initiative dann ein Verein geworden, das heißt wir haben uns auch anders aufgestellt und professionalisiert.

 

Schulte: Der Übergang war eigentlich 2015. Die Bundeswehr hat dieses Gelände damals kaum noch genutzt, aber trotzdem nicht freigegeben. Aufgrund der Situation der Geflüchteten in dieser Zeit brauchte man aber sehr schnell viele Unterkünfte. Da ist die Landesregierung dann an den Bund herangetreten und hat gefragt, ob man nicht dort welche einrichten könnte. Dem wurde zugestimmt. Allerdings mit der Voraussetzung, dass die Bundeswehr dort auszieht, was sie auch taten. Da die Zahlen der Geflüchteten aber auch schnell wieder runter gingen, stand das Gelände schnell wieder leer und so entstand die Debatte, ob die Stadt Mainz nicht ihr Vorkaufsrecht in Anspruch nehmen sollte. Nach langen Verhandlungen kaufte schließlich die stadtnahe Gesellschaft Wohnbau Mainz.

 

Wie sähe eine zukünftige Nutzung der Räumlichkeiten denn aus, wenn es nach Ihnen ginge? 

 

Waldmann: Das Konzept sieht vor, dass wir auf der einen einen Seite ein Kunst- und Kulturzentrum sein wollen, auf der anderen Seite aber auch ein Stadtteilzentrum. Also nicht zu sagen, wir machen nur Veranstaltungen oder es gibt nur ein Begegnungszentrum, sondern es ist der Versuch das beides in der Soziokultur zu verbinden. In Mainz gibt es außerdem die Misère mangelnder Räumlichkeiten, Arbeitsräume, Veranstaltungsräume, Proberäume. In diesem Bereich können wir auch agieren und für die freie Szene Räume zu Verfügung stellen.

 

Was ist das für ein Stadtteil, in dem sie sich dort bewegen?

 

Schulte: Die nördliche Neustadt ist traditionell ein Industriestandort, erfährt aber gerade eine große Wandlung. Zumindest was den Zollhafen anbelangt, ist die Industrie aufgegeben worden. Dort findet stattdessen gerade eine Wohnbebauung statt, die bis zu 2500 neue Menschen beherbergen wird. Das ist eigentlich ein ganz neuer Stadtteil der da aufgezogen wird, einschließlich Arbeitsplätzen usw. Die andere Seite der nördlichen Neustadt ist, wie häufig bei Wohngebieten, die an Industrie grenzen, in den 50er Jahren entstanden und liegt nicht im hochpreisigen Segment. Unter den Menschen, die hier leben ist der Hartz 4 Anteil deutlich höher als in anderen Stadtteilen von Mainz. In diesem Quartier wird also eine große Bewegung stattfinden wird, auch im Sozialen, da die Bebauung am Zollhafen natürlich sehr hochpreisig ist. Die Kulturbäckerei, so wie wir es uns vorstellen, mit dem Begegnungscharakter, liegt dabei genau in der Mitte. 

 

Kann man schon einen Zeitraum abstecken, wann es damit losgehen könnte?

 

Waldmann: Das Gelände befindet sich noch im Umbau. Das Ganze ist also ein langer Prozess. Man spricht davon, dass das Gebäude im Spätherbst 2023, oder Anfang 2024 übergeben werden kann. Das ist noch ein bisschen hin.

 

Wie gestaltet sich diese Umbauphase? Sie haben den Verein angesprochen, packt da jetzt jede*r mit an?

 

Waldman: Es gibt im Moment 40 Mitglieder ungefähr, davon sind etwa 15 aktiv, wie das immer so ist. Aber es gibt eben diese Gruppe, die sich in verschiedenen AGs engagiert und einen aktiven Vorstand, der das Ganze voran bringt. 

 

Schulte: Im Sommer 2019 hat die Schlüsselübergabe stattgefunden und wir haben dort in den Räumen schon kleinere Veranstaltungen machen können. Dabei haben wir jedoch nicht nur künstlerische Veranstaltungen gemacht, sondern auch Beteiligungs-Workshops, also den Stadtteil mit eingebunden und die Menschen, die dort leben aufgefordert ihre Bedarfe anzumelden. Auch die Künstler*innen waren eingeladen und wir haben sie gefragt, was fehlt euch eigentlich? Was braucht ihr? Was würde eine Hilfe sein? Die Ergebnisse fließen nicht nur in unser Konzept ein, sondern auch in die architektonische Gestaltung, auch da sind wir in engem Gespräch mit der Wohnbau Mainz. 

 

Welche konkreten Bedürfnisse haben die  Menschen in diesen sogenannten Kommferenzen geäußert?

 

Waldman: Im Detail kann man das auf unserer Homepage nachlesen. Kurz gesagt haben wir gemerkt, dass wir mit unserer Konzeption schon ganz richtig lagen. Da geht es darum Räume zur Verfügung zu stellen, auch Infrastruktur zu haben, aber auch um Kurse, die angeboten werden sollen. All das wird gewünscht und findet sich in unseren Konzepten wieder.

 

Schulte: Für die Künstler*innen war es in erster Linie das Raumproblem, bzw. nicht die Räume sind das Problem, sondern die bezahlbaren Räume. Man kann natürlich irgendwo in Mainz einen Raum finden, wo man 600, 800, 1000 Euro im Monat bezahlt, aber das ist ja nicht die Lebenssituation der meisten. Etwas Bezahlbares zur Verfügung zu stellen, das ist die große Herausforderung. Von den Anwohner*innen sind außerdem auch ganz praktische Dinge gewünscht worden. So etwas wie eine Holzwerkstatt oder eine Fahrradwerkstatt. Was das dann im Detail wird, hängt natürlich extrem vom Geld ab. Zum einen für die Materialien, zum anderen arbeiten wir aber auch alle ehrenamtlich in dem Themenfeld. Dabei haben wir auch festgestellt, dass man so ein großes Projekt nicht über die Ehrenamtlichkeit aufziehen kann. Auch da sind wir in Gesprächen mit der Politik, die bisher sehr positiv reagiert hat. Es gibt dort einen fraktionsübergreifend Konsens, dass es diesen Ort als soziokulturelles Zentrum an dieser Stelle geben soll und dieser auch institutionell gefördert wird. Das ist das Versprechen, das im Koalitionsvertrag festgehalten ist. 

 

Sind vor 2023 Veranstaltungen geplant, trotz des Umbaus, so wie in 2019?


Waldmann: Es gibt Veranstaltungen von denen wir aber im Moment nicht sagen können, ob sie wirklich durchgeführt werden können. Im Oktober planen wir mit dem KuZ eine performance-artige Veranstaltung, wir gehen davon aus, dass sich die Situation bis dahin normalisiert hat. Es wird gegen Ende des Jahres auch wieder eine Kommferenz geben. Auch da gehen wir davon aus, dass wir's machen können. Vielleicht sind über den Sommer auch kleinere Veranstaltungen auf öffentlichen Plätzen mit den Menschen vor Ort realisierbar. Das müssen wir sehen, eigentlich war angedacht ab Mai mit den ersten Ideen wieder zu starten.

 

Wegen Corona? 

 

Waldmann: Ja. Es ist gerade einfach ein Abwarten. Auch bei den Planungen für Veranstaltungen sind wir natürlich sehr zurückhaltend. Um mit den Leuten vor Ort zu arbeiten, müssen die natürlich auch zusammen kommen können. Aber wird sind da guter Dinge und haben unsere Eröffnung ja nun auch nicht für morgen geplant.

Das Ganze Interview zum nachhören findet ihr hier:
Ergebnis Kommferenz