KUNST:
KIRA JACOBI (Wiesbaden)

01.08.2020 (Interview: Carolin Auer)

Verträumt, melancholisch und echt – diese Gefühle werden bei der Betrachtung von Kira Jacobis Kunstwerken in mir ausgelöst. Ich sehe kein Bild an, ich schaue in eine Seele. Wie die Wiesbadener Künstlerin ihren Weg von der Leinwand zum iPad gefunden hat, erzählt sie uns im Interview.

Die Arbeit der Wiesbadener Kommunikationsdesignerin Kira Jacobi besteht aus drei Säulen - Design, Fotografie und Illustration. Auf Instagram sieht man neben ihren Designarbeiten aber auch ihre digitalen Kunstwerke, die mehr Gemälden gleichen als einer Illustration und auf den ersten Blick kaum von Acryl- oder Ölmalerei zu unterscheiden sind.

 

Die ausdrucksstarken Portraits von Kira Jacobi rufen in mir starke Emotionen hervor: Ich sehe kein Bild an, sondern schaue in eine Seele, die tief blicken lässt und dabei einen Hauch Melancholie ausstrahlt. Dass es meist diese Stimmung ist, die in Kira Jacobis Bildern Ausdruck findet, ist eine intuitive Entscheidung. „Ich mag diesen Ausdruck einfach. Ich bin ein sensibler Mensch und ich glaube, Augen sind wahnsinnig ausdrucksstark und mitunter das, was ich am liebsten male. Wenn jemand einen starken Blick hat, der mich fesselt, will ich ihn malen.“ Einen strahlenden Mund mit Zähnen könne sie einfach nicht gut malen, scherzt Kira.

Vom Bleistift zum iPad

 

„Meine Eltern hatten es, glaube ich, leicht mit mir als Kind“, erzählt Kira. „Sie haben mir einen Stift und ein Blatt in die Hand gegeben und dann war ich ruhig. Viele Stunden lang.” Zuerst hat sie lange mit dem Bleistift geübt, bis sie bemerkt hat, dass ihren Bildern Farbe fehlte und sie begann zu malen. Mit 14 Jahren besuchte sie mit ihrer Mutter eine Ausstellung von Johannes Bender[1]  und war fasziniert von seinen Acrylgemälden. „Meine Mutter ist ein sehr direkter Mensch und hat die Gelegenheit beim Schopf ergriffen“, erinnert sich Kira. So erzählte Kiras Mutter dem Künstler, dass ihre Tochter auch gerne male und „daraus entstand eine jahrelange Freundschaft. Er wurde mein Mallehrer für 10 Jahre.“

 

Auch wenn Kira jetzt den Sprung ins Digitale gewagt hat, spielt die Acrylmalerei weiterhin eine zentrale Rolle in ihrem Leben. So wird sie immer wieder nach dem Pinsel greifen, weil ihr dieses Medium so vertraut ist und adaptiert das Gefühl einer Leinwand auch in den digitalen Medien. „Ich liebe einfach Struktur und Untermalung. Ich glaube, das ist auch eine Stilfrage. Ich beginne erstmal mit einer groben und bunten Untermalung und trage dann Ebene für Ebene auf - so wie auf einer Leinwand kann es ja auch in Photoshop funktionieren. Wichtig ist mir dabei, ein Gefühl von Struktur zu erhalten - auch wenn es jetzt digital ist - und wenn da noch eine Farbe und Textur durchscheint.“

 

Das unendliche Farbspektrum

 

Kira Jacobi sieht auch Nachteile in der digitalen Kunst. Ihr fehle die Haptik und die kleinen Details, wie zum Beispiel ein Krümel. Sie spricht von dem Moment im Museum, wo man ganz nah an das Gemälde herantritt und den Pinselstrich und den Farbauftrag erkennt. „Das geht in der digitalen Kunst verloren.“

 

Durch die vielfältigen Möglichkeiten ist die digitale Kunst für Kira Jacobi trotzdem nicht mehr wegzudenken. Der schnelle Prozess ohne lästige Trocknungszeiten, wie platzsparend und kostengünstig digitale Kunst ist und das große Farbspektrum, sind nur einige Argumente: „Wenn ich so viel produzieren würde, wie ich das aktuell im digitalen Bereich mache, dann wüsste ich nicht wohin mit all den Bildern“. Außerdem sei das digitale Arbeiten sehr kundenfreundlich, da man schnell und flexibel auf Wünsche reagieren könne. Der Traum vom eigenen Atelier bleibt jedoch bestehen. „Ich liebe Texturen und ich liebe Material und mir die Finger schmutzig zu machen.”

 

Auf die Frage, ob Kira vielleicht lieber freie Kunst studiert hätte, reagiert sie sehr gefestigt: „Ich bereue das Designstudium kein bisschen“ und „es war mit eine der besten Zeiten meines Lebens bisher.“ Das Studium habe ihr Halt gegeben, neben der freien Kunst auch angewandte Kunst zu machen, die sie für andere Dinge nutzen kann.

 

Inspiration gibt es überall

 

Fast täglich setzt sich Kira Jacobi abends hin, lässt dabei im Hintergrund Filme als Geräuschkulisse laufen und malt stundenlang auf ihrem iPad. Ein Bild dauert im Durchschnitt rund neun Stunden und dazu kommt dann noch die Vorarbeit der Inspirationssuche. „Inspiration finde ich überall.“ - in Musik, Innenschau, Orten und Menschen - dem sei keine Grenzen gesetzt.

 

Sie habe lange Zeit Spaß daran gehabt, Charaktere aus dem Nichts zu kreieren, lässt sie uns an ihrem Prozess teilhaben. Nach Gesichtern Ausschau halten, die sie anziehen: „Dafür schaue ich mir einfach wahnsinnig viele Fotografien und Illustrationen an und dann trifft die Entscheidung eigentlich mein Bauch.“

 

„Jetzt gerade bin ich dabei, eine Serie zu malen, die sich mit Filmszenen beschäftigt. Das ist eine weitere Leidenschaft von mir, ich bin Cineastin. Ich liebe vor allem Szenen, die ästhetisch sind und einen Moment widerspiegeln“, erklärt sie mir ihr aktuelles Projekt.

 

 

Der zweite Blick

 

Die Entscheidung, wann ein Bild wirklich fertig ist, ist für jede*n Künstler*in ein individueller Prozess: „Im ersten Moment bin ich fertig und dann habe ich immer so einen Rausch und denke ‚das sieht super aus‘. Erst will ich das dann zeigen und dann kommt der Zweifel und ich lasse es liegen und schaue es mir irgendwann nochmal an und bekomme dadurch nochmal einen anderen Blick. Wenn mein zweiter Blick dann sagt, ja das ist immer noch gut, dann zeige ich es erst.“

 

Vor allem in Bezug auf die Proportionen sei mindestens ein weiterer Blick mit genug Abstand nötig, um ein Gefühl dafür zu bekommen: „Oft ist es ein Trick, gerade im digitalen Bereich, dass man das Motiv spiegelt. Man bekommt nochmal einen ungewohnten Blick, sieht das Bild nochmal neu. Genau diesen Blick versuchen sich Künstler oft zu erhalten, um zum Beispiel zu überprüfen, ob die Proportionen noch stimmig sind.“

 

Brotjob mit Herz

 

Mit den Proportionen ist es bei ihrem anderen Job nochmal eine ganz andere Dimension. In einem Team bemalt Kira, mit vorgegebenen Motiven, Hausfassaden und ziert Hotels, Wohnkomplexe oder aktuell auch eine Tierfutterfabrik. Hier arbeite sie pragmatischer, mit einem klaren Raster und der Arbeitsprozess entspräche eher dem des „Malen nach Zahlen"-Prinzips.

„Das ist auch ein großer Traum, dass ich das mal mit meinen eigenen Entwürfen machen kann“, schwärmt Kira von den riesigen Motiven, die erst mit einer gewissen Distanz ihre volle Wirkung erzielen.

 

Um auf dem Laufendem mit Kiras Kunst zu sein, folgt ihr bei Instagram, wo ihr sie auch gerne für Fragen und Aufträge anschreiben könnt: https://www.instagram.com/kira_jacobi/.

 

Einen weiteren Eindruck von Kira Jacobi könnt ihr auch in dem Interview in voller Länge zum Nachhören finden, wo sie mir noch von ihrem Arbeitskollegen, dem Roboter, erzählt und wie sie sich ihre Leidenschaft für die Kunst erhalten hat.

DAS AUSFÜHRLICHE INTERVIEW ZUM NACHHÖREN