SCHAUSPIEL: KATHARINA SIEBEN

01.05.2020 (Fotos: Puria Safary & Peter Hähnel Interview: Anna Meißner)

Zwischen Bühne des Theaters und Bühne des Lebens, zwischen Rollen- und Selbstbild, zwischen Fiktion und Realität, spielt HUNGER. Autorin und Schauspielerin Katharina Sieben erzählt uns, wie es ist, Szenen auf die Bühne zu bringen, die Parallelen zum eigenen Leben zeigen.

 

Katharina Sieben aus Mainz ist gelernte Musicaldarstellerin, die im Bereich des Schauspiels tätig ist. Sie hat mit ihrer Kollegin, Nathalie Hack, ein Stück geschrieben, „HUNGER“. Dieses zeigt unter anderem Inhalte, die Parallelen zum Leben der beiden Autorinnen aufweisen. Mit uns sprach Katharina über Theater, wenn es nicht mehr nur Show ist, sondern auch lebensnahe Geschichten erzählt.

Der Begriff der Rolle, vom lateinischen ‚rotula‘, Rädchen abgeleitet, ist nicht nur im Theater von Bedeutung. „Das Leben ist wie eine Rolle im Theater. Es kommt nicht darauf an, dass lange, sondern dass gut gespielt wird.“, so Seneca schon im 4. Jahrhundert vor Christus. Die Frage nach der eigenen Identität (lat. identitas: Wesenseinheit) und Wertigkeit, nach den eigenen Rollen, begleiten uns in unseren alltäglichen Entscheidungen. Eine Rolle spielen, das setzt Selbst- und Umweltwahrnehmung, das setzt Reflexion voraus, so auch Anja Grimbichler in ihrer Arbeit “Vom Suchen und Finden der eigenen Rolle”, welche diesem Artikel als Grundlage diente. Der deutsche Soziologe und Philosoph Jürgen Habermas stellt folgende Grundqualifikationen heraus, um ein Rollenhandeln zu ermöglichen: die Sprachkompetenz, um sich verständlich mitteilen zu können, die Empathie, um sich in andere einfühlen zu können, die Frustrationstoleranz, um die Nichtbefriedigung eigener Bedürfnisse zu ertragen, die Rollendistanz, um Abstand nehmen zu können, und die Ambiguitätstoleranz, um Doppeldeutigkeiten und Widersprüchlichkeiten der Rolle wahrnehmen zu können, aber nicht zu bewerten.


Die Ich- und die Rollen-Identität sind eng verbunden, ein*e Schauspieler*in pendelt zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Körperliche und emotionale Einfühlung ist unabdingbar. „Rollenarbeit ist ein Prozess, erst kommen Emotionen dazu, dann Handlungen, bis ein Zusammenspiel des Ganzen entsteht.“ Katharina erinnert sich an ein Prinzip, welches sie mit einer Zwiebel vergleicht: Hinter einer bestimmten Reaktion oder hinter einem bestimmten Gefühl liegt immer ein anderes - unter einer von Hass geprägten Äußerung liegt Wut, darunter Trauer, darunter Verzweiflung, vielleicht durch Selbstdiskrepanz, Exklusion. Um als Schauspielerin eine Rolle authentisch darstellen zu können, soll eine Schicht nach der anderen gelüftet werden, das schafft eine tiefe Auseinandersetzung mit der Rolle. Und damit das überhaupt funktioniert, „müssen diese Schichten auch bei sich selbst abgezogen werden, bis man selbst im Innersten der Zwiebel angekommen ist.“.


Doch ist Distanz zur Rolle überhaupt noch möglich, wenn Erinnerungen seiner selbst auf der Bühne verkörpert werden? „Es ist schwierig, eigene Sachen mit in das Stück zu bringen, sodass man sich noch distanzieren kann von der Rolle, dass man sich nicht zu nackt macht auf der Bühne.“ Denn es bestehen viele Parallelen zwischen Katharinas Leben und ihrem Theaterstück HUNGER, erzählt sie weiter. Allerdings wurde es so geschrieben, dass eben nicht mehr Katharina auf der Bühne steht, sondern eine Rolle. „Dennoch ist das Stück etwas sehr Persönliches und Nahes, das ist das emotionalste Projekt, was ich je gemacht habe. Ich gehe gerade an meine Grenzen.“.


HUNGER thematisiert bildreich und poetisch menschliche Beziehungen und Ängste. Das Stück stellt die Fragen: Sind wir selbst für unsere Taten verantwortlich oder sind diese nur Folge anderer, außerweltlicher Einflüsse? Wie nimmt ein Mensch seine Umwelt in sich auf? Sehr intime Inhalte, von denen sich die Autorin nach und nach wieder distanzieren muss. Wenn eigene Erfahrungen zu Inhalten eines Bühnenstückes werden, folgt eine intensive Auseinandersetzung mit sich selbst. Dies geschah zur Genüge während der Entstehung von HUNGER: „Das ist wie eine Therapie, es ist Konfrontation und Konfrontation ist nicht immer schön.“. Es hat jedoch auch Vorteile, eine Rolle einzunehmen, bei der nicht nachgedacht werden muss, in die sich wenig eingefühlt werden muss, erklärt Katharina. Empathie zu seiner eigenen Person zu haben, ist einfacher, als Empathie für Rollen zu entwickeln, die für sich selbst absurd erscheinen, die schwer vorstellbar sind, die Morde begehen. „Es ist schön eine Rolle zu haben, in der man sich fallen lassen kann.


Doch: Zwischen Rollen- und Selbstbild, zwischen Fiktion und Realität, stoßen viele Schauspielende an ihre körperlichen und emotionalen Grenzen, nicht ausschließlich abhängig davon, wie lebensnah oder -fern, wie real oder fiktiv eine Rolle ist. „Der Beruf zieht oft Menschen an, die sehr sensibel sind. Es gibt einige, die auch nach dem ersten Ausbildungsjahr merken, es ist zu viel, die die Ausbildung abbrechen. Es ist ein Beruf, der viel an Reflexion und Stärke fordert.“ Es fallen Sätze wie „Man muss geklärt sein mit sich und seinem Leben, sonst verliert man sich in der Rolle.“ oder „Es ist bereichernd, aber hart.“. „Man muss immer im Gespräch mit sich selbst sein und man muss sich Hilfe holen, wenn man sie braucht. In einer Therapie, bei Lehrenden oder Kollegen und Kolleginnen.“. Und Gesundheit, das Gut-Gehen, ist im Theater, wie auch sonst überall im Leben wichtig. Denn wie schreibt es schon Shakespeare in Hamlet: „Die ganze Welt ist eine Bühne.”

Das Stück HUNGER wurde am 29.02.2020 in der Kulturschiene in Mainz uraufgeführt, weitere Termine werden bekannt gegeben, den Trailer findet ihr hier auf Youtube.

Außerdem wird Katharina Sieben erneut im Ein- Personen-Stück Black Birds zu sehen sein, hier der Trailer.
 

 

Steckbrief

Name:
Katharina Sieben

Aktueller Wohnort:
Mainz

Kunstform:
Schauspielerin, Autorin, Musicaldarstellerin

Aktuelle Projekte:
HUNGER (gemeinsam mit Nathalie Hack), Black Birds (Text und Regie: Marc Ermisch)

Inspiration:
Pina Bausch: Sie entwickelte in den 70er Jahren das Tanztheater in Wuppertal und wurde damit zu einer Kultfigur der internationalen Theaterszene.

 

Ausgehtipp:
Weinbar Onkel Oskar im Traubenglück, Mainz

Fun Fact:
Ich liebe und lese häufig Kinderbücher, „Der putzmuntere Papa“ ist meine Buchempfehlung!

Das komplette Interview zum nachhören und der Trailer zu HUNGER