Ein Text von Jannek Ramm

Exilantenstadl

Was machen wir heute? Vielleicht zu einer Performance im Walhalla im Exil? Oder auf ein Kulturpalast im Exil Konzert? Heute ist auch Austauschbar im Exil und ein Sabot im Exil Konzert. Selbst wenn es nie eine Pandemie gegeben hätte, wären das legitime Überlegungen für die Wiesbadener Abendplanung im Spätsommer 2020. Wer hätte das gedacht? Der Trend geht ins Exil, raus aus der Innenstadt, ran an den Rand.

 

Was nicht passt, wird passend gemacht...

 

Das passt natürlich irgendwie zu Sub- und Soziokultur; „Am Rande der Gesellschaft seit 1984“, wirbt das Café Klatsch auf einem T-Shirt. Aber welcher Rand ist da gemeint? Ist ein mäßig besuchtes Screamo-Trash-Dark-Wave-Post-Noisecore Konzert in mäßig belüfteten Tropfsteinkellern in der Innenstadt wirklich sowas wie ein weitläufiger Designer-Möbel-Outlet-Discounter-Store hinter noch weitläufigeren Parkflächen auf der Äppelallee? Ist die erste Lesung einer aufstrebenden Autorin wirklich vergleichbar mit dem ersten Akkuschrauber eines Erstsemesters? Der Kit zwischen Menschen wie der Kit zwischen Fenster und Rahmen? Soulplatten wie Sperrholzplatten?

 

Böse Zungen behaupten, das ganze Elend habe mit dem Schlachthof begonnen. Der ziehe angeblich wie durch einen Strohhalm im Cocktail der Subkulturen alles Potenzial aus der Innenstadt ab; hier mal ein Metallkonzert, dort eine Hip-Hop Party, hier mal bisschen Reggae, da mal bisschen Screamo-Trash-Dark-Wave-Post-Noisecore. Zack. Alle abgeholt, keiner mehr im Kiez. Ganz so simpel ist das freilich nicht. Dass in einem aktuellen Sensor-Artikel über die ehemalige Partymeile Nerostraße Wörter wie „Bike-Loft“, „Kreativ-Büro“ und „Pop-up-Terrasse“ fallen, „Glasbruch“ und „Sperrstunde“ hingegen nicht, liegt wohl kaum am fernen Schlachthof, sondern eher an der Aufwertung der Gegend hin zu gehobenerem Wohnen.

 

Dass es in der Räucherkammer Punkkonzerte gab, lange bevor das Sabot geöffnet hat, ist außerdem nicht zu leugnen. Dass keine leerstehende Industriefläche in der Wiesbadener Innenstadt zu einem Kulturzentrum gemacht wurde, sondern am Rand, ist überdies eher auf den Mangel an leerstehenden Industrieflächen in der Wiesbadener Innenstadt zurückzuführen, als auf finsteren Kommerz.

 

Rettungsnetze...

 

Viele Exilanten schauen sich nun rund um den Kulturpark, die Kreativfabrik, das Kontext und den Schlachthof um, das ist unterm Strich eher Segen, als Fluch. So prekär ein Exil auch ist, eine Schließung ohne Ausweichmöglichkeiten, wie es auch nicht wenige Kulturorte erlitten haben, wäre schlimmer. Um das zu vermeiden, hilft auch Vernetzung.

 

Die meisten angesprochenen Kulturstätten haben sich erst zu Beginn des Jahres zum AKS (Alternative Kulturstätte Wiesbaden) zusammengeschlossen. Dies geschah im wissen darüber und auch weil das Sabot schließen würde und der Kulturpalast für mindestens eineinhalb Jahre kein Kulturprogramm in den gewohnten Räumlichkeiten anbieten wird, sprich zwei von fünf Gründungsmitglieder das Jahr 2021 nicht erreichen werden. Ganz unabhängig von - und Wochen vor dieser Pandemie, deren Folgen für die verbliebene Kulturlandschaft noch abzuwarten sind.

 

So erbaulich dieses kleine Netz auch ist, hinter den Einzelfällen steht eine bedenkliche Entwicklung, die weit mehr betrifft, als Sub- und Soziokultur und die nun, durch Lockdown und Coronavirus plötzlich sichtbar wird. Die Verdrängung von niedrigschwelliger Kultur folgt der Verdrängung von Menschen. Es lässt doch aufhorchen, dass nach den Krawallen in Stuttgart von „der Partyszene“ die Rede war. Ähnliches gilt für die jüngsten Ereignisse in Frankfurt und ließ sich, in kleinerem Maße, auch im Wiesbadener Kulturpark und in der Wagemannstraße beobachten.

Aufhorchen deshalb, weil davon auszugehen ist, dass diese Menschen ihre Freude an nächtlichen Eskapaden nicht durch die Pandemie entdeckt haben. Diese Leute waren auch vorher schon da, nur eben noch weiter am Rand, als es der Kulturpark schon ist.

 

Paletten und Paläste…

 

Auch sie sind gewissermaßen Exilanten, die durch den Lockdown ihre kulturellen Orte verloren haben, zumindest temporär, und nun lieber in die Innenstädte ziehen, als auf leeren Parkplätzen vor irgendwelchen geschlossenen Großraumdiskos zu feiern. Nicht, dass das Verhalten einiger dieser Gruppen zu entschuldigen wäre. Die Welten, die hier aufeinandertreffen, sind jedoch Resultate einer langjährigen Entwicklung, die gleichsam auch im Zusammenhang mit dem Sterben Sub- und Soziokultureller Orte in der Wiesbadener Innenstadt steht.

 

Der Unterschied zwischen den Europalace-Party-People und den Europaletten-Möbel-People ist lediglich eine Frage des Stadiums. Durch ökonomische Faktoren, die zu häufig auch Bildungsfaktoren bedingen, verläuft die Verdrängung an die Ränder hier schneller, dort langsamer. Die Soziokultur mit ihrer Kiezromantik und dem studentischen Mittelschichteinschlag ist nicht ganz so leicht zu vertreiben, wie der Großraumdissenpöbel, einen qualitativen Unterschied in der Tendenz gibt es aber nicht. Über die mangelnde Einsicht vieler Kiezbewohner darüber, dass sie mit denen, deren Stammbäume relevanter sind als ihre, im selben Boot Richtung Peripherie sitzen, spricht ein jüngst im Rheingauviertel aufgetauchter "Kiez Life Matters"- Sticker Bände.

 

Glasbruch aufsammeln...

 

Die Diskussionen um systemrelevante Berufe war schon vor einigen Monaten etwas pathetisch, wenngleich natürlich im Zuge der Pandemie einige Menschen einen beeindruckenden Beitrag für unser Zusammenleben geleistet haben. Dass man aber mittelfristig auf Kultur, und sei es auch nur vermeintlich blöde Massenclubkultur, verzichten kann, ohne gravierende Missstände sichtbar werden zu lassen, ist ein Irrtum. Es lohnt sich daher auch die sozialen Leistungen der Kulturangebote des Schlachthofs, der AKS Mitglieder und selbst der Europalaces dieser Welt in den Folgen ihrer Abwesenheit zu erkennen. Kultur ist eben kein Tierfuttergigant.

 

Deshalb kann die Verdichtung von niedrigschwelliger Kultur am Rande der Stadt auch keine Lösung sein. Nicht nur, weil die Folgen der Pandemie für die Anrainer des Kulturparks noch längst nicht abzusehen sind, auch die Zukunft dieser Exilheimaten ist erschreckend ungeklärt und die Reise geht im Zweifel noch weiter aus der Innenstadt hinaus, gerade weil die Stadt sich langsam aber sicher in Richtung Mainzer Straße ausbreitet.

 

Doch auch die sogenannte "Partyszene", die sich diese Räume und Teile der Innenstadt erobert, wird nach dem Ende des Club-Lockdowns genau so wenig verschwinden, wie sie aus dem Nichts gekommen ist. Niemand kann in die Zukunft schauen und wenn die Lage der Kulturlandschaft eines ist, dann ungewiss. Die Folgen dieser Ungewissheit, dieser gedehnten Gegenwart, zeigt aber auch immer deutlicher die Misstände und Fehlentwicklungen der Vergangenheit. Für alle.