KUNST:
ESTHER KLIPPEL (Mainz)

01.06.2020 (Interview: Anna Meißner)

Die Kunstbotschafterin Esther Klippel aus Mainz ist Gründerin und Verfasserin des Blogs Gestatten – Kunst!. In welcher Form der Blog kunsthistorische Themen aufgreift, warum die Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte wichtig ist und welche Aufgaben eine Kunstbotschafterin eigentlich hat,  erklärte uns Esther im Gespräch.

Wann bist du das letzte Mal rückwärtsgelaufen, hast eine Geschichte erfunden, Mensch ärgere Dich nicht gespielt, dir ein Kind ausgeliehen, über dein Lieblingstier nachgedacht oder mit Blumen gesprochen? So viele Vergnügungen! 66, um genau zu sein, alle sorgfältig aufgelistet zu lesen auf der Facebookseite des Blogs der Mainzerin Esther Klippel - Gestatten – Kunst!. Glücklicherweise Vergnügungen, die ganz mit sich allein in der Corona-Zeit erlebt werden können. Und alle, das ist wohl das Wichtigste, mit einem Kunstwerk verbildlicht. Vergnügung, das ist nur ein Thema von unendlich vielen, welches in der Kunstgeschichte immer wieder auftaucht. Aber ganz von vorn: 

Gestatten: Die Kunstbotschafterin

Esther ist Kunsthistorikerin und wenn sie das erwähnt („beim Small-Talk, da kommt man in Deutschland immer schnell auf das Berufliche“), dann stellt sich nach dem großen Ah! Und Oh! die Frage: „Was macht man eigentlich genau damit? Die andere Aussage ist: Ich finde das total spannend, aber ich kenn mich ja so wenig aus!“

„Kunst im Sinne von Bildern geht immer unter, obwohl wir in einer so bildlastigen Welt leben.“ Durch ihren Blog soll sich dieses „Ich hab‘ keine Ahnung von Kunst“ in ein „Jetzt, wo ich etwas über Kunstwerke weiß, finde ich sie doch faszinierend und sie gefallen mir!“ wandeln - allerdings nicht auf die „Das-ist-die-Renaissance-und-es-gibt-folgende-Vertreter-und-Merkmale“-Art („Das kann ich mir auch bei Wikipedia durchlesen oder in alten Kunst-Lexika!“), sondern dadurch, dass künstlerische Inhalte der verschiedensten Bereiche thematisiert werden. Die Lesenden sollen dazu gebracht werden, selbst hinzuschauen, denn „man kann sich auch ganz viele eigene Gedanken zu Kunstwerken und Themen machen“

Im Grunde sehen alle die gleichen Bilder, doch manchmal kann es hilfreich sein, etwas aufgezeigt zu bekommen. „Das ist wie bei Vogelstimmen: Solange ich nicht weiß, dass es eine Amsel ist, die da singt, werde ich sie nicht hören. Und manchmal braucht es jemanden, der da eine Tür öffnet.“ Kunstbotschafterin nennt sich Esther. „Der Begriff trifft es gut, weil es mir um die Kommunikation zwischen dem Kunstwerk und dem Betrachter geht, und ich sehe meine Rolle da als „Medium, als Zwischenglied.“

Gestatten-Kunst!

Und warum das Format eines Blogs wählen, aus all den verschiedenen Optionen der digitalen Welt? „Mir war es wichtig, mehr über Kunst zu schreiben, weil ich das gerne tue. Und erst dachte ich so: Ich und Bloggerin, das geht ja Richtung Instagram-Girl, das bin überhaupt nicht ich!“ Nach einem Seminar, rund um das Thema Blog, dann der Aufschluss: „Das ist genau das Format, das ich brauche: Kurze, knackige Beiträge, und ich kann mich profilieren als die, die Kunst auf unterhaltsame Art und Weise vermittelt. Ich hab‘ gesehen, dass es in der Form auch noch nichts gibt, und dann habe ich ziemlich schnell Blut geleckt.“ In der Anfangszeit, im Jahr 2018, wurde etwa jede zweite Woche etwas veröffentlicht, inzwischen erscheint circa alle zwei Monate ein neuer Beitrag, adressiert an alle Menschen, die „Interesse daran haben, oder zumindest die Lust, sich mit Kunst auseinanderzusetzen.“

Die Identität und Kultur-Rettungs-Schilder oder Warum Kunstgeschichte wichtig ist

„Wenn wir uns unserer Selbst sicher sein wollen und auch herausfinden wollen, wie es weitergeht, dann ist es wichtig zu wissen, woher wir kommen“. Wurzeln, diesen Begriff setzt Esther in keine Wertung; weder gibt es die „besten Wurzeln“, noch die „einzigen, aus denen wir unsere Identität speisen“. Aber sie sind wichtig, sie erzählen viel über uns, den Menschen, und sein Verhalten.

„Die Bildende Kunst“, so erklärt sie, „ist ein unglaublich einfacher Zugang zu der Geschichte und unseren kulturellen Wurzeln. Wir sprechen ja viel über Identität, Heimat, Bewahrung von Werten, und da frag ich mich manchmal: Die Leute, die irgendwelche Schilder hochhalten, wo drauf steht, wir müssen unsere Kultur retten, sie wird von anderen weggenommen und zerstört - wie würden sie denn christliche oder abendländische Kultur definieren?“.

Der Heilige, der seine Hände auf den Kopf genagelt bekommt

Am 15. April 2019 brannte die Kathedrale Notre-Dame in Paris, viele Menschen waren entsetzt. „Es tut weh, diese schrecklichen Bilder […] zu sehen, Notre-Dame ist ein Symbol Frankreichs und unserer europäischen Kultur.“, ließ Angela Merkel twittern. „Das zeigt, dass das, was tradiert ist, viel mehr in uns ist, und viel mehr mit uns macht, als wir wahrhaben wollen als aufgeklärte, moderne Menschen.“, so Esther. 

Eine lange Tradition christlicher Kultur: Das ist die tiefe, dicke und runde Wurzel, die die Kunst uns zeigt. Bis ins 15. Jahrhundert hinein lag es (fast ausschließlich) in der Aufgabe der Kunst, christliche Motive darzustellen. Darauf stößt die Kunstgeschichte immer wieder, und auch Esther auf ihrem Blog. Allerdings soll keiner denken, sie sei eine „verkappte Theologin oder eine christliche Glaubenslehrerin“, sondern es führt kein kunsthistorischer Weg an der Religion vorbei. „Es muss auch niemand ein Marienbild toll finden, oder ein Bild, wo ein Heiliger seine Hände auf den Kopf genagelt bekommt. Da muss keiner sagen: Oh, damit identifiziere ich mich! Wir haben uns desäkularisiert und das ist auch gut so. Aber das sind alles Sachen, die irgendwie noch in uns stecken.“ 

Die Macht, die mit dir sein möge oder Die Psychologie der Bilder

Themen des Blogs sind also durchaus mit christlichem Hintergrund versehen (ein Beispiel ist der Beitrag: „Gestatten – Drei Heilige Könige, ungefähr“), doch längst nicht ausschließlich: Museale Albträume; Langeweile; erotische Darstellungen, die keine sind; Six-Packs; Wolken; die Farbe Rot; die oben erwähnten Vergnügungen und vieles Weitere ist inzwischen auf Gestatten - Kunst! zu finden und zu lesen (zudem ein paar Top 10 Listen, wie die der ungewöhnlichsten Museen oder der Schritte zum Kunstexperten).

Ein in der Kunstgeschichte wiederkehrendes Motiv ist die Darstellung von Macht („Gestatten – Möge die Macht mit mir sein“). „Es gibt bestimmte Bilder, wo ich weiß, dass sie mich einfach umgehauen haben.“ So das Bild „Die Übergabe von Breda“ von Diego Velázquez. „Würde ich es im Schulbuch sehen, würde ich sagen: Okay – es ist ein historisches Bild, ein bisschen militärisch, gut. Ich habe es aber mal im Original gesehen, das hängt im Prado [in Madrid], da fand ich es sensationell: Wie du mit einem Blick sofort verstehst, wer die Verlierer und wer die Gewinner sind, wie [dieses Machtverhältnis] transportiert wird!“ Es scheint nicht von Wichtigkeit zu sein, wer das Bild gemalt hat, wann es entstanden ist oder welche Personen genau dargestellt werden. „Das hat einfach eine Psychologie, die man sofort versteht.

An solchen Themen wie diesen, kann etwas aufgezeigt werden, sei es eine Bild-Entwicklung, eine Psychologie oder eine Wahrnehmung. Auch gerade jetzt ist es hilfreich zu lesen, „um aus einer trögen Welt auszubrechen und wieder vergnügt zu sein.“ Bis Ende Mai erschien täglich eine Vergnügung auf der Facebook-Seite von Gestatten – Kunst! (nachzulesen auch in gesammelter Form auf ihrem Blog) – mit Kunstwerken versehen, zum Nachmachen animierend.

Esther hat außerdem den Gastbeitrag in unserer Juni-Ausgabe verfasst. Ihr Gedanke: Jede*r kann Kunst verstehen, ganz subjektiv, ohne historisches Hintergrundwissen zu haben, ohne sich auskennen zu müssen. Warum trotzdem eine Scheu vor den „alten Schinken“ im Museum besteht, erklärt sie euch auf ihrem Blog Gestatten – Kunst! (gestatten-kunst.de) oder in ihrem Beitrag „Kunst, ach so schwer...“.

Steckbrief:
Esther Klippel

Wohnort:
Mainz
 

Aktueller Blog:
Gestatten-Kunst! (gestatten-kunst.de)
 

Entstehungsjahr:
Januar 2018
 

Inspirationen:
Ernst Gombrich: Die Geschichte der Kunst

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