KUNST:
ERIKA MUSTERMANN (Wiesbaden)

31.07.2020 (Interview: Jannek Ramm)

Goldene Kamera wieder aufgetaucht!

 

Die Wiesbadener Street Art Szene hat eine neue Farbe: Gold. Die Installationen der anonymen Künstlerin Erika Mustermann waren plötzlich einfach da, im öffentlichen Raum. Das "Mahnmal für eine goldene Freiheit" im Wellritztalpark wurde jedoch seitens der Stadt schnell wieder abgebaut und war seitdem verschollen. Jetzt ist es im Kulturpark wieder aufgetaucht. Wir haben mit Erika Mustermann über ihre Kunst gesprochen, oder besser: geschrieben - ganz anonym, versteht sich.

 

Erika Mustermann, wer ist Erika Mustermann?


Über meine Identität kann ich dir leider nicht viel sagen, gleichzeitig kennt mich dennoch jeder. Ich bin gut vernetzt und arbeite mit verschiedenen Wiesbadener Künstler*innen mit unterschiedlichsten Schwerpunkten zusammen. Meine goldenen Adern ziehen sich durch ganz Wiesbaden. 

 

Was macht Erika Mustermann?

 
Bis jetzt gab es zwei konkrete Installationen, die sich mit dem Bedürfnis der Menschen zu gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen.
Gerade in der Coronakrise stehen viele Fragen noch mehr im Mittelpunkt. Es geht hier keineswegs um Protest, denn "Kunst im öffentlichen Raum" hat die Aufgabe Öffentlichkeit zu diskutieren, indem sie an spezifischen Orten künstlerische Anstöße zur Auseinandersetzung gibt und damit Stadtnutzer*innen zum Mitdenken bei Fragen der Stadtentwicklung mobilisieren soll. Dies scheint in etlichen Fällen unter Ausschluss der Bürger zu passieren, wie man auch am Beispiel der Überwachungskameras am Schlachthof aktuell sehen konnte.

 

Die erste Installation war das goldene Kreuz am Sedanplatz, das als Grab für die Wiesbadener Kulturlandschaft verstanden werden kann. Ändert es etwas an der Aussage der Installation, dass dort kurze Zeit später der Kiezgarten eröffnet hat?
 

Die Frage ist hier: Wird die Kultur begraben oder graben wir einen neuen kulturellen Schatz aus? Wie geht es jetzt mit Kultur und Kunst weiter?
Wie gestalten wir unsere Gesellschaft und speziell unsere Stadt Wiesbaden. Wie kann Kultur helfen in Krisenzeiten die Menschen wieder zusammenzubringen bzw. dass der Mensch durch äußere Impulse an eine wacher werdende, goldene Metamorphose denken oder auch glauben kann, für sich und seine Mitmenschen.
Das dann kurze Zeit später ein Kiezgarten entstanden ist, war glücklicher Zufall und freut mich daher umso mehr. Es bringt die Menschen zum Austausch wieder zusammen und sorgt für eine kulturelle Belebung. "Kultur und Kunst sind unverzichtbar in der Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen des Menschseins, auch und gerade in Zeiten, in denen Gewissheiten brüchig werden und gesellschaftliche Fundamente sich als fragil erweisen.", schrieb die Kulturpolitikerin Monika Grütters.

 

Ist die zweite Installation, ein goldener Kameramast im Wellritztalpark, eine Reaktion auf die Überwachung des Kulturparks gewesen?

 

Das "Mahnmal für eine goldene Freiheit" ist als Projekt schon lange vor der Diskussion um die am Schlachthof installierten Kameras im Entstehen gewesen. Es musste dann aber genau dann installiert werden, da es mit dem aktuellen Thema korrelierte.

 

Warum ausgerechnet im Wellritztalpark?


Das Wellritztal, ist ein sehr schönes und neu entstandenes Refugium, an dem Menschen sich eine stille Auszeit genehmigen können. Sei es zum Spazierengehen oder als Aufenthaltsort. Genau deshalb war dieser Ort so spannend für diese Installation. Ein Ort, an dem bitte in Zukunft nie eine Kamera stehe sollte. So hat sie, leider nur für eine Woche, golden strahlend viele Besucher staunend zu Gesprächen über das Thema der Überwachung bewegt und für viel Gesprächsbedarf gesorgt, bevor sie höchstwahrscheinlich von städtischer Seite bei Tag deinstalliert wurde. Erika ist immer mitten unter uns und hat Spaß dabei.

 

Was ist das Problematische an Videoüberwachung? 


Was macht es mit den Menschen in einer freien Gesellschaft, wenn sie an öffentlichen Orten einer Beobachtung ausgesetzt sind, die Bewegungsprofile etc. aufzeichnet? Darüber wird leider nicht wirklich öffentlich diskutiert. Auch sollten Menschen an Orten der kulturellen Vielfalt nicht einer Beobachtung ausgesetzt sein. Das hemmt nicht nur den Entwicklungsprozess, sondern stellt auch diverse Grundrechte in Frage. Diese Stigmatisierung durch öffentliche, flächendeckende Videoüberwachung stellt einen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Bürger*innen dar und kann unsere Werte nachhaltig beschädigen.
Ein großes Problem tut sich aber auch dahingehend auf, dass Befürworter die flächendeckende Überwachung und die damit einhergehenden Probleme zunehmend verharmlosen. Nimmt man alle Kontrollmechanismen zusammen, die es gibt, sieht es für unser scheinbar demokratisch freies Land dann doch nicht mehr so gut aus. Die Frage ist hier, wo geht die Reise hin, wenn es kein zurück mehr gibt? Das Thema der Überwachung ist natürlich inhaltlich viel breiter und tiefer, als ich das hier erläutern möchte.

Bitte seht es mir nach.
 

Hat Erika Mustermann eine konkrete Forderung? 

 

Nein. Dafür ist dieses Projekt nicht gemacht. Wie schon erwähnt geht es um den Sinn von Kunst im öffentlichen Raum. Themen ins Licht zu rücken. Was »Erika Mustermann« für die Gesellschaft so wichtig macht, ist die Vorgehensweise alltägliche Situationen frei von bestehenden Konventionen neu zu bewerten und so einen gedanklichen Raum zu schaffen, der unerwartete Sichtweisen auf scheinbar Bekanntes ermöglicht. Dabei geht es nicht darum, sich der inhaltlichen Argumentation der jeweiligen Protagonist*innen anzuschließen oder sie zu verwerfen, sondern um die Perspektive, sich anhand der gegebenen Beispiele selbst einen neuen Interpretationsrahmen zu schaffen. Als Resultat entsteht, nicht nur für die Handelnden selbst, ein neuer gedanklicher Raum für potentielle oder konkrete Veränderungen.

 

Was ist in Zukunft noch von Erika Mustermann zu erwarten?
 

Weitere Projekte sind 2020 selbstverständlich möglich. Keep your eyes open!

 

Nachdem wir dieses Interview geführt haben, ist noch eine dritte Arbeit von Erika Mustermann aufgetaucht: Ein goldener Storch auf dem Bücherschrank im Wiesbadener Westend.