KUNST:
Zwei Fragen an Elke Gruhn, Direktorin des Nassauischen Kunstvereins Wiesbaden

01.06.2020 (Interview: Julia Dreja)

Was denken Sie persönlich über die Wiesbadener Kunstszene? Was ist positiv, was gefällt Ihnen gar nicht und was müsste man verändern?

Ich finde, dass in Wiesbaden, für eine Landeshauptstadt wenig Kunst sichtbar ist. Im Vergleich dazu gibt es in anderen Städten, wie Düsseldorf oder München, viel mehr große Sammlungen, Museen und Privatmuseen oder international operierende Galerien. Ich denke, dass die Kunstinteressierten der Stadt sich eher nach Frankfurt orientieren. Aber ich freue mich wahnsinnig auf den baldigen Zuwachs, denn das Reinhard Ernst Museum ist ja im Bau, aber auch das Wiesbadener Museum ist eine sehr gute Adresse. Dennoch habe ich das anders kennengelernt, denn ich komme ursprünglich aus Köln und dort gibt es ein ganz anderes Bewusstsein der Menschen für Kunst, denn sie gehört zum Lebensrhythmus dazu. Ich habe da ein wenig den Kunstunterricht im Verdacht, denn dass die Kunst nicht so populär ist, hat natürlich auch etwas mit der Bildungskonzeption zu tun. Ich habe selbst einen 16-jährigen Sohn und in seiner Schule gibt es nur entweder Kunst oder Musik, also im Wechsel. Dadurch wird es schwierig, junge Leute an das Thema heran zu führen und ein Bewusstsein zu schaffen. Ich glaube, die Wahrnehmung und das Heranführen sind zwei Themen, die hier in der Stadt mehr vorangetrieben werden könnten. Generell finde ich, dass wir mehr Räume für Kunst bräuchten, wo mehr anfangen kann, denn die Kunst ist ja nicht gleich museumsreif. Man muss jungen Künstler*innen auch erst mal die Chance geben sich zu zeigen und Feedback zu bekommen.

Im Einerseits-Magazin sind viele unbekannte Nachwuchskünstler*innen vertreten, die zwar leidenschaftlich Kunst kreieren, aber ihren Lebensunterhalt mit einem anderen Job verdienen müssen. Welchen Tipp können Sie geben, um diese Situation zu ändern?

Was ich jetzt sage, ist wahrscheinlich sehr unpopulär, aber aus meiner Perspektive ist es die schlichte Situation des Angebots und der Nachfrage. Das klingt sehr wirtschaftlich, ist es auch, denn um davon leben zu können, muss man ja auch verkaufen können. Ich glaube der erste Schritt wäre, mehr Menschen für die Kunst zu interessieren. Kunst hat sehr viel mit der eigenen Persönlichkeit zu tun. Ein Kunstwerk von einem nicht weltbekannten Künstler kann mir viel mehr bedeuten, als eine Arbeit im Museum, zu der ich keine Verbindung aufbauen kann. Aber größeres Verlangen nach mehr Kunst hat natürlich auch wieder mit der Kunsterziehung durch die Schule oder die Eltern zu tun. Aber letztendlich können junge Menschen auch selbst dazu entscheiden, sich Kunst anzuschauen. Wenn wir diese Schwelle überwinden, dass Kunst zum Leben dazu gehört und nicht nur an den Wänden von Museen und Galerien hängt, dabei unerreichbar und sehr teuer ist, sondern dass sich die Menschen Kunst gönnen, wie einen Urlaub, ein gutes Essen oder eine Flasche schönen Wein, dann hätten wir eine Win-Win-Situation: Sowohl für die jungen Künstler*innen, als auch für die Kunstinteressierten. Das ist ja letzten Endes auch das, was der NKV ursprünglich wollte, dass der “normale” Mensch einen Zugang zur Kunst hat. Natürlich sind wir auch geblendet von diesem Kunstmarkt, über den wir in den Medien erfahren, wo Kunstwerke für Millionen verkauft werden. Das schreckt ab, aber der Preis dokumentiert dabei nur den Seltenheitswert. Man kann einen Dürer oder einen Vermeer nun mal nicht mehr herstellen und es gibt nur eine gewisse Anzahl von diesen Kunstwerken. Ganz pragmatisch würde ich Nachwuchskünstlern*innen raten, wenn sie sich ein Zubrot verdienen müssen, sich möglichst einen fachnahen Job zu suchen. Dort lernt man vielleicht die entsprechenden Leute kennen und kann Netzwerke knüpfen, denn es läuft sehr viel über Vitamin B. Aber ohne Frage ist es sehr schwierig.