Eine Betrachtung von Jannek Ramm

Dass so eine unsichtbare Macht wie diese kaum zu fassen ist, liegt schon rein sprachlich auf der Hand. Dagegen hilft es leider auch nicht sie zu waschen. Also weder die Sprache, noch die Hand.
Aber irgendwie müssen wir es ja hand-haben, mit der Sprache. Uns mit ihr auseinandersetzen in dieser Zeit. So weit wie möglich auseinander, versteht sich. Doch schon beim Verstehen ist  wieder ausreichend Sicherheitsabstand geboten. Begreifen sollten wir hingegen gerade ganz vermeiden, genau wie jegliches Ins-Auge-fassen. Denn unsere Worte für geistige Tätigkeiten sind zu gefährlich nah an den Worten der körperlichen Welt. Nur eben im übertragenen Sinne. Und hier liegt das Problem: Von den anderen Lebend-Tieren auf den Lebend-Tier-Märkten, unterscheidet uns vor allem, dass wir noch lieber und noch besser übertragen können als sie. Deshalb gilt: 

 

Wenn dieser Tage etwas unter den Nägeln brennt oder gar auf der Zunge liegt: Im Zweifel für sich behalten. Oder beim Zweifeln bleiben. Dreifeln oder Vierfeln kann bereits jetzt mit empfindlichen Bußgeldern geahndet werden. Genau wie alberne Wortspiele, denn auch Lachen steckt an. Von Gedichten sollte weiterhin Abstand gehalten werden, sind sie doch häufig viel zu dicht auf den Versen. Wenn möglich sollte die Sprache insgesamt, bis auf systemrelevante Sätze, heruntergefahren werden. Nur so können wir die geistige Kurve flach genug halten und diese Krise überstehen. Denn besonders in der Sprache zeigt der unsichtbare Feind seine Zähne. Im übertragenen Sinne. Denn die Tatsache, dass ein unsichtbarer Feind seine Zähne natürlich nur bedingt zeigen kann, tut seiner Gefahr keinen Abbruch. Sprache ist die brennende Barrikade zwischen uns und der Einsamkeit. Alles was sie tut ist der unbändige Versuch uns gegenseitig auf zu heben.

 

Eine Beschränkung dieser Versuche ist heute notwendiger als gestern. Schon allein um diejenigen, die bereits vorbeschränkt sind oder im Gestern leben, in ihre Schranken zu weisen. Zu fragen, wer nun den Laden am Laufen hält, ist unnötiger Wind auf die Mühlen der Leute, die dieses Land ohnehin für eine Firma halten. Es sind bereits Fälle bekannt, in denen Fachärzte für Schwindelanfälle selbst zu schwindeln begannen und so zu Überträgern wurden. Eine Verbreitung der Worte: „Unter derselben Decke, die uns gerade auf den Kopf fällt, stecken sämtliche Regierungen“, konnte so  zu weitreichender Durchseuchung führen. In diesen Fällen sind die neuesten Verhaltensregeln des Boris -Johnson-Instituts besonders streng zu befolgen: Shut up and down. Doch selbst seriöse Quellen suchen mittlerweile fieberhaft nach Lösungen. Von der Formulierung „doch die Hoffnung auf einen rechtzeitigen Impfstoff stirbt zuletzt“ ist allerdings dringend abzuraten, solange die Todeszahlen weltweit steigen. 

 

Hoffnung und Sterben sind besonders zu Ostern wichtige Themen vieler Christen. Doch auch bei Gebeten ist derzeit Vorsicht geboten, etwa wenn darin ältere Menschen eingeschlossen werden sollen. Vor dem Wort Langeweile ist auch über die Feiertage Vorsicht geboten, schon allein deshalb, weil es derzeit in aller Munde ist. Um die Weile dennoch zu verkürzen, wird derweil erwägt Stunden zu stunden. Der Begriff Corona-Zeit, erlaube die Erweiterung Corona-Zeit-Umstellung, heißt es. So könnte der Tag auf 20 Stunden Kurzzeit reduziert und die verbleibenden vier Stunden nach Ablauf des Lockdowns nachgelebt werden. Zahlenspiele wie diese zeigen auch, wo immer möglich, sollte Sprache vermieden oder durch Zahlen ersetzt werden. Zahlen haben nachweislich verlaufsmilderndernde Eigenschaften. Viel ist einfach viel und weniger ist weniger. 

 

Bei Vergleichen lassen sich so Übertragungen vermeiden. Besonders dann, wenn man Übertragungen vergleicht. Zahlen leben isoliert und definieren sich nur über ihre Distanz zu den anderen. Zahlen selbst, sind selbstlos und federn dadurch das ab, was sie erzählen. Im Zweifel sind daher selbst alarmierende Zahlen beruhigender als alarmierende Worte. Hier zeigt sich das überlegene Wesen der Zahlen in dieser Zeit. Sie sind wie Fenster zwischen uns und der Katastrophe. Fenster, die wir nur aus Langeweile, Verzeihung, aus dem Gefühl heraus geputzt haben, auf irgendwas zu warten. Sie machen es erträglicher. Also das Gefühl auf irgendwas zu warten und die Katastrophe.

 

Doch um so besser sie geputzt sind, desto unsichtbarer werden sie. Und mächtiger. Im übertragenen Sinne. Dass so eine unsichtbare Macht, wie diese aber kaum zu fassen ist, liegt schon rein sprachlich auf der Hand. Dagegen hilft es leider auch nicht sie zu waschen. Also weder die Sprache, noch die Hand. Aber irgendwie müssen wir es ja hand-haben, mit der Sprache. Uns mit ihr auseinandersetzen in dieser Zeit.