Von kleinen Lichtblicken in dunklen Winternächten

07.12.20 - Ein Text von Marleen Pfahler (Fotocredits bei Mouseover)

Zwischen Ohnmacht und Selbstwirksamkeit

300 Jahre alter Mischwald. Trinkwasserschutzgebiet, Naturschutzgebiet. Einhundert Hektar sollen gerodet werden für eine Autobahn – inmitten der Klimakrise, inmitten von Waldsterben, inmitten der oft gepredigten Verkehrswende. Mittlerweile würde ein solches Projekt keine Genehmigung mehr erhalten, doch weil die Verträge schon vor Jahrzehnten gemacht wurden, werden sie nun umgesetzt – koste es, was es wolle.

Die Rodung hat begonnen und mit ihr die Eskalation. Die Fakten zu dieser Situation sind überall nachlesbar. Ich möchte euch jedoch hier mitnehmen zu meinen persönlichen Erfahrungen im Wald.

Wir fahren nach Mittelhessen in den kleinen Ort Dannenrod, der völlig überrannt wird von Aktivistis und der Polizei, ein verschlafenes Dorf als plötzlicher Schauplatz dieses Interessenskonflikts.

Am Waldrand steht das Camp, das als kleine Mahnwache begonnen hat. Mittlerweile gibt es dort eine Küche, in der für alle gekocht wird (Küfa), einen großen Zeltplatz, den Infopoint, die Kleiderkammer, das Kreativzelt, ein Awareness-Zelt als Platz zum emotionalen Auftanken und so viel mehr. 

Die Strukturen sind beeindruckend- es gibt keine Leitung, keine Hierarchie, keine Hauptamtlichen. Und trotzdem werden alle anfallenden Aufgaben übernommen- nicht nur die Besetzung der Baumhäuser, sondern auch Reinigung der Sanitäranlagen, Pressearbeit usw. Hier trifft man auf die unterschiedlichsten Menschen, alle vereint durch ein Ziel vor Augen und eine große Portion Idealismus. Wenn man dann den Wald betritt und die Trasse entlangläuft, kommt man zu den verschiedenen Baumhausdörfern, die hier Barrios genannt werden. Alle sind unterschiedlich, alle unfassbar kreativ gestaltet. Es gibt mehrstöckige Baumhäuser und solche weit oben in den Baumwipfeln. Andere sind nah am Boden und über eine Leiter oder sogar eine Rolli-Rampe erreichbar. Mit Matratzen und Kissen gemütlich eingerichtet, teilweise sogar mit Fenstern und Isolation ausgestattet.

Die Aktivistis haben sich eine Utopie geschaffen. Einen Ort jenseits der Leistungsgesellschaft, jenseits von Macht und Konsumterror. Nachhaltig, gleichberechtigt, inmitten der Natur. Menschen werden „mensch“ genannt, solange man ihr bevorzugtes Pronomen nicht weiß. Anfangs ungewohnt, schnell normal.

Ich sitze auf einer riesigen Schaukel, die zwischen zwei Bäume gespannt ist, und frage mich, warum dieser Ort so realitätsfern ist. Warum der Wunsch nach weniger Zerstörung der Natur, nach weniger Kapitalismus, Rassismus und Sexismus eine Utopie ist. Erst die annähernde Abwesenheit dieser Dinge lässt mich begreifen, wie sehr unser Alltag dadurch bestimmt ist.

Bei unserem ersten sonntäglichen Besuch des Dannis sind wir ein bisschen durch den Wald spaziert und haben die Baumhäuser bewundert. Als wir das zweite Mal da waren, haben die Rodungsarbeiten bereits begonnen. Die Polizei hat am südlichen Waldrand ein Camp errichtet. Von hier starten die Maschinen, ein Gebiet wird abgesperrt, die Menschen darin geräumt und die Bäume gefällt. Die Rodung beginnt mit erschreckender Geschwindigkeit und entfacht ein beklemmendes Gefühl. Hunderte, knapp tausend Polizisten in voller Montur. Mit Schlagstöcken, Waffen, Helmen und Pfefferspray. Der Wasserwerfer steht bereit und der Hubschrauber kreist fast durchgehend über dem Wald.

Beim Blick in die andere Richtung sieht man Kinder mit selbst gebastelten Laternen mit der Aufschrift „Danni bleibt“ durch den Wald laufen. Bürgis verteilen Kuchen. Menschen hängen in Hängematten zwischen den Bäumen und in Tripods. Aktivistis singen und spielen Gitarre. Wie schön! Dann lässt mich der laute Aufprall eines Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte alten Baumes meinen Blick wieder der Zerstörung zuwenden. Mit einem Harvester wird jede Minute ein Baum gefällt, das Krachen des Holzes fährt mir durchs Mark. Diese Gleichzeitigkeit von so vielen unterschiedlichen Dingen ist schwer zu verarbeiten. Es ist schön und inspirierend zu sehen, wie viele Menschen hier protestieren und sich auf unterschiedlichste Weise einsetzen. Doch es scheint, als nütze all das nichts, die Rodung wird nicht gestoppt. Hoffnung und Empowerment wechseln sich mit Fassungslosigkeit und Verzweiflung ab. Ich will weder gehen noch bleiben, stehe wie festgewurzelt da. Die Absurdität der Situation raubt mir meine Handlungssicherheit.

Verrückte Welt

Diese Situation dort beschäftigt mich, ich will wieder in diesen Wald - diesmal für ein Wochenende.

Wir kommen Freitagabends an und schon von weitem zeichnet der Anblick von zahllosen Polizeiwägen ein Walduntergangsszenario in den Nebel. Innerhalb von ein paar Tagen wurde das Polizeiaufgebot fast verdreifacht, es sind zweieinhalb tausend Beamt*innen im Einsatz. Wo letzte Woche Kinder im Wald gespielt haben, sieht es nun so aus:

Das Camp und die Fläche, die gerade gerodet wird, ist jetzt durch Zäune und Stacheldraht abgesperrt und wird 24/7 durch Polizist*innen bewacht. Flutlicht erleuchtet es die gesamte Nacht und strahlt auf die Verwüstung ringsherum, als wollen sie ihre eigenen Verbrechen an der Natur zur Schau stellen. ​​​​​

Beim Überblick verschaffen werden wir spontan angesprochen, Lebensmittel aus dem Baumhausdorf „Morgen“ zur Küfa zu bringen. Die Bewohner*innen rechnen mit der Räumung am nächsten Tag und versuchen nun die Sachen zu retten, bevor sie durch den Polizeieinsatz zerstört werden.

  
Danach verkriechen wir uns in das Community-Zelt. Davon gibt es eine Menge. Für Menschen, die helfen wollen und kein Zelt dabeihaben. Unseres ist ausgestattet mit Matratzen, warmen Decken und viel Platz. Wir genießen die Gemütlichkeit, die sich an diesem Ort und nach diesen Eindrücken jedoch irgendwie seltsam anfühlt.

Nun sind wir hier - doch es fällt mir schwer zu entscheiden, was ich an diesem Wochenende im Wald eigentlich tun möchte. Wo ich unterstützen könnte, was sinnvoll wäre. Das einfache Da-Sein ist nicht unwichtig, fühlt sich aber nach viel zu wenig an. Ich würde gerne mehr tun und bin gefangen in meiner Ohnmacht. Und so stehe ich wieder vor hunderten Polizisten und blicke auf die dahinter liegende Fläche, die gerodet wird.

Wie viele Menschen bräuchte es, um diesen Irrsinn aufzuhalten? Warum stehen hier nicht noch viel mehr? Die Politik wird nicht das Klima schützen, wenn wir uns nicht aktiv dafür einsetzen, dass sie es tut. Ein paar Aktivistis in Bäumen, die so viel für diesen Wald geben, sind gut. Doch es braucht eine starke Zivilgesellschaft, die umdenkt und sich an ganz vielen Stellen einbringt, die den aktuellen Zustand und die fortwährende Zerstörung unser aller Lebensgrundlage nicht akzeptiert. So viele Polizisten, so viel Gewalt, so wenig Gerechtigkeit. Die Frage nach Recht, Gerechtigkeit und der Deutungshoheit ob dieser beschäftigt mich. Das Zitat Brechts ertönt immer wieder: „Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht“. Wenn der wissentliche Ökozid rechtens ist, müssen wir über bestehende Rechtsgrundlagen sprechen.

Mir schwirren so viele Gedanken durch meinen Kopf. Um mich darin nicht zu verlieren, muss ich mir meine Selbstwirksamkeit mühsam zurückholen. Zwischendurch mit Anpacken tut mir gut, ich versuche mich auf’s Barrikaden bauen zu konzentrieren, verteile das leckere Essen der Küfa an Aktivistis und freue mich über die Kuchen verschenkenden kleinen Mädchen. Selbstermächtigung ahoi!

Die Eindrücke hier wühlen mich emotional und gedanklich auf. Ich muss mein Kopf sortieren, klarkommen, reflektieren und einordnen. Wie das wohl für die Aktivistis ist, die seit Monaten dort immer wieder für kürzere oder längere Zeit wohnen, kann ich mir kaum vorstellen. Für die, deren Freund*innen im Gewahrsam sitzen oder im Krankenhaus. Die noch so viel mehr emotionale Verbundenheit spüren und so viel mehr hier erlebt haben. Die ihr Leben riskieren für diesen Fleck Natur, für diese Utopie.

Das Riskieren des eigenen Lebens ist leider keine Übertreibung, die Situation ist so zugespitzt, dass die physische Unversehrtheit hier nicht garantiert werden kann. Die Polizeigewalt nimmt täglich zu. Wenn ich selbst pazifistisch agiere, kann mir nichts passieren. Das war anfangs mein Gedanke. Und: meinen Hass bekommt ihr nicht. Ich möchte nicht meine Kraft für negative Emotionen gegenüber der eigentlich machtlosen Exekutive verschwenden. Möchte mich nicht auf dieses Spiel einlassen, welches die Einsatzkräfte zu meinen Feinden macht. Doch das eigene Erleben von willkürlicher Staatsgewalt verändert mein Innenleben schlagartig und entfacht eine unbändige Wut. In einem Moment wähnt man sich in Sicherheit, alles scheint friedlich. Im nächsten Moment kommen Hundertschaften aus dem Copcamp herausgestürmt und die BFE Einheit knüppelt ziellos Menschen nieder. Dabei wirken die Polizist*innen irgendwie selbst seltsam überfordert, wissen wohl oft selbst nur wenig über den Einsatzplan, warten auf Befehle. Äußere Aktivität, die die innere Passivität verschleiert – welche eigene moralische Haltung haben diese Menschen?

Die Polizei setzt Elektroschocker in mehreren Metern Höhe ein, gefährdet das Leben von Menschen. Geht mit unnötiger Gewalt vor, demonstriert Macht. Setzt Wasserwerfer bei Temperaturen um null Grad ein, versprüht Pfefferspray. Schneidet Seile durch, an denen Personen in einigen Metern Höhe gesichert sind - zwar wohl nicht vorsätzlich, doch mit grober Fahrlässigkeit. Es wird Sicherheit vor Geschwindigkeit gepredigt – doch allein an diesem Wochenende werden drei Personen verletzt ins Krankenhaus eingeliefert aufgrund von massiven Polizeifehlern.

Darauf angesprochen, mündet es in ergebnislosen Diskussionen. Unterschiedliche Standpunkte, Aussagen wie „Dann kommt halt vom Baum runter, wenn ihr wollt, dass euch nichts passiert“. Krude Argumentationsstrukturen. Demonstrant*innen und Polizist*innen versuchen sich zu unterhalten, doch jeder springt von Thema zu Thema und es findet sich keinerlei Gesprächsebene. Ich stehe apathisch daneben. Können wir diese Diskussion bitte in einem anderen Kontext und mit viel größerer Reichweite führen?

Die Stimmung ist angespannt. Empathie und Verständnis seitens der Demonstrant*innen für die Polizei schwinden. Mittlerweile setzen Aktivistis Pyrotechnik ein, spannen Drähte auf Kopfhöhe der Einsatzkräfte. Menschen setzen sich für den Erhalt der Natur ein und nutzen dafür Gewalt. Dies führt natürlich seitens der Polizei zu ihrem eigenen Bild der Situation, der eigenen Wahrnehmung der Aktivistis, zu starker Ablehnung und somit zu fortschreitender Eskalation. Die Fronten verhärten sich, auf beiden Seiten. Stress führt zu verringerter Empathie. Und Stress gibt es in diesem Wald viel. Das Verhältnis ist so sehr zerstört. Ein Polizist bringt Aktivistis ihren Schlafsack und wird von Demonstrant*innen als Dieb deklariert.

Es braucht ein emotionales Verstehen füreinander und ein inhaltliches Begreifen von Beweggründen. Innerhalb dieser Toleranz dürfen jedoch der moralische Vorwurf und die Ablehnung der Haltung des Gegenübers bestehen bleiben. In einer Demokratie gilt es diese differierenden Haltungen, sofern nicht verfassungswidrig, auszuhalten. Monoperspektivität ist immer antidemokratisch. Somit wird das Bestreben nach Empathie zur politischen Frage. Jemand darf den Wald abholzen wollen, um mit seinem Porsche fahren zu können. Jemand darf die Natur schützen wollen und gegen die Rodung demonstrieren. Wir müssen miteinander ins Gespräch kommen, „common ground“ finden. Wir müssen auf die Klimakatastrophe adäquat und trotzdem demokratisch reagieren. Diesbezüglich liegt noch viel Arbeit vor uns. Arbeit, für die wenig Zeit bleibt. Weshalb der Druck und somit die Radikalität steigt.

In was für einer Welt wollen wir leben?

Wohin das führt, sieht man in diesem Wald. Alles, was man über Deeskalation lernt, wird an diesem Ort mit Füßen getreten. Von beiden Seiten? Wir haben in der Geschichte Millionen Situationen, die zur Eskalation geführt haben, psychologisch analysiert. Warum, verdammt, schaffen wir es nicht, die Lage im Wald zu entschärfen? Warum gibt es keine unabhängige Ermittlungsstelle zur Polizeigewalt? Warum wird gegen kirchliche Beobachter*innen und Pressevertreter*innen so viel Gewalt eingesetzt? Warum gibt es keinen vorübergehenden Rodungsstopp zur Entschärfung dieser aufgeheizten Situation? Habe ich schon erwähnt, dass mich das wütend und fassungslos macht?

Bei Foucault ist der Machtbegriff so herrlich positiv besetzt und klar abgegrenzt von jeglicher Gewalt. Macht als Ermächtigung und produktive Kraft. Davon scheinen wir hier weit entfernt, ich sehe leider nur zerstörerische Macht durch den Einsatz des Schlagstocks.

Es treffen hier zwei Fronten aufeinander. Einerseits die, die den Wald schützen wollen und andererseits die, die „nur ihren Job machen“. Gut und Böse, Richtig und Falsch. Beide Seiten wähnen sich auf der Richtigen. Diese Dissonanz ist eigentlich unnötig, wir würden doch letztlich alle ganz gern in fünfzig Jahren noch eine lebenswerte Welt haben. Dass man überhaupt dafür demonstrieren muss, ist mir unbegreiflich. Dass es dabei so sehr eskaliert, noch viel mehr.

Das politische Schlachtfeld verlagert sich auf den Waldboden. Wir müssen eigentlich auf anderen Ebenen diskutieren. Letztlich geht es nicht (nur) um Wald oder Autobahn; es geht um die Klimakrise, Gerechtigkeit, Demokratie und Kapitalismus- letztlich stellt sich hier die Frage des Systems.

Unser aktuelles System steuert nämlich zielsicher in die ökologische Katastrophe. Auf dem Papier ist diese schon besiegelt- die Klimaziele werden bei weitem verfehlt, wenn alle bereits geschlossenen Verträge umgesetzt werden (s. Spiegel Artikel von L. Neubauer und C. Rackete). Es müssen somit Verträge gebrochen werden, die Frage ist nur, welche werden wir brechen?. Entweder die Verträge zwischen Firmen und Bundesländern bezüglich fossiler Rohstoffe/einer Autobahn/ etc. oder das internationale völkerrechtsbindende Pariser Klimaabkommen, das eine lebenswerte Welt sichern soll und der Generationenvertrag, den wir mit unseren Kindern und Enkeln eingehen. Ein Straßenbauvertrag kann nicht aufgehoben werden, das UN-Menschenrecht auf Leben (und damit einhergehend ein Recht auf eine Welt, die Leben ermöglicht) wohl schon. Konzerninteressen vor Menscheninteressen, Wachstumsideologie vor Lebensgrundlagenerhalt. Wer entscheidet, welcher Vertrag gebrochen wird? 

Wenn ich im Wald stehe und den Harvester beobachte, dann fällt mit jedem Baum ein Stück meines positiven Bildes der Zukunft in sich zusammen.


Die Utopien der letzten Jahrzehnte, für die unsere Eltern und Großeltern geschuftet haben, das Streben nach Wohlstand und Wirtschaftswachstum sind nun zur ökologischen Dystopie geworden, die erst unsere Kinder in vollem Ausmaß trifft. Wir befinden uns ​schon zu lange​​​​​​ in einer Zwischenphase, die ein sofortiges Umsteuern erfordert. Die Klimakatastrophe ist evident und belegt, doch trotz ihrer Eindeutigkeit noch nicht im Bewusstsein der breiten Bevölkerung angekommen. Ein Umdenken ist anstrengend. Die Vergangenheit ist von uns abgefallen, ohne dass die Zukunft so richtig begonnen hat. Wir befinden uns in einem Realitätsschock, dem viele Menschen mit einer Komplexitätsreduktion begegnen. Einfache Antworten auf globale Probleme werden gesucht und gefunden. Viele können sich eine andere, antikapitalistische Welt gar nicht vorstellen. Das System, das unsere Erde in horrender Geschwindigkeit zerstört, wird als „alternativlos“ betitelt. Wie traurig steht es um unsere kognitiven Fähigkeiten, wenn wir nicht in der Lage sind, alternative Möglichkeiten überhaupt zu denken? Wir haben das System entwickelt und nun hält uns ebendies gefangen. Wir zerstören mit unserer Lebensweise den Planeten und schaffen es nicht, etwas dagegen zu tun. Wir leiten auf rudimentärster Ebene lächerliche Versuche einer Änderung ein und denken, damit wäre es getan. Hauptsache, das Grundsystem bleibt erhalten und wir können weitermachen, so wie bisher- nur mit E-Autos statt Dieselfahrzeugen.

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“ (L. Wittgenstein). Wir müssen lernen, in Lösungen zu denken. Sehen, dass es sehr wohl eine wirkliche Alternative gibt.

Hoffnung und Melancholie

Ich werde oft als „heillose Optimistin“ bezeichnet. Doch vielleicht sollten wir von dieser Einteilung in „Optimist*innen“ und „Pessimist*innen“ wegdenken. Uns stattdessen als „Possibilist*innen“ begreifen. Niemand weiß, wie sich die Zukunft ausgestalten wird. Aber lasst uns tun, was möglich ist, auch wenn die Lösung in weiter Ferne scheint. Der Fokus auf die positiven Dinge und das Einstehen für eine bessere Welt ist nicht gleichbedeutend mit Naivität und Realitätsfremdheit. "Hoffnung ist eben nicht Optimismus, ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht" (Vaclav Havel).

Es ist 17 Uhr, Feierabend. Die Polizisten ziehen sich zurück, wir haben den Wald wieder für uns. Die Aktivistis fangen direkt an zu bauen, nutzen die Materialien der zerstörten Plattformen und Baumhäuser, um neue Strukturen zu errichten. Upcycling at it’s best und Ermutigung in all der Ohnmacht. „Die höchste Form von Hoffnung ist überwundene Verzweiflung“ (A. Camus).

Ich selbst habe irgendwie noch keine Kraft, um produktiv tätig zu sein. Stattdessen lege ich mich auf den Stamm einer vor ein paar Stunden gefällten Douglasie und schaue in den Sternenhimmel, den Duft des Holzes in meiner Nase. Bald schon werden genau hier Blechlawinen mit 200 km/h über den Asphalt brettern. Es ist kalt im Wald, die Temperatur fällt unter null. Doch irgendwie ist es gerade fast schon wohltuend, dass die äußere Temperatur meinem inneren Kältegefühl entspricht.

Später laufen wir durch den nächtlichen Wald zurück ins Camp. Auf dem Weg vorbei an den Barrios sehen wir Menschen in den Baumhäusern sitzen oder sich um das Lagerfeuer versammeln- vielleicht ein letztes Mal, bevor dieser Fleck Natur, das Zuhause dieser Menschen morgen geräumt und gerodet wird. Jemand spielt Akkordeon, Lichterketten erleuchten das Fenster des Baumhauses. Diese wunderschöne Stimmung im Wald berührt mich.


Wir kommen vorbei an meinem Lieblingsbanner, es hängt zwischen zwei Bäumen entlang der Trasse.

Es ist unser aller Wald und es ist unser aller Welt. Lasst sie uns erhalten.