IM INTERVIEW: COCO SAFIR

27.08.2020 (Interview: Jannek Ramm)

Musikalisch und biografisch zieht es Coco Safir immerzu an neue Orte. Von einem Musikgymnasium in Vorpommern über Weimar, progressive Rock und Berlin, zu elektronischer Musik und Improvisation, von Tübingen, Performancekunst und Pop in eine schwäbische Tropfsteinhöhle und zurück und schließlich bis nach Wiesbaden - auf einen Balkon im Bergkirchenviertel. Stets im Gepäck: die Stimme, das Klavier und die Bereitschaft außerhalb der gängigen Pfade Kunst zu machen, wenn möglich die Grenzen zwischen Musik und anderen Ausdrucksformen aufzulösen und ja, dabei die Welt ein bisschen besser zu machen. Seit 2010 ist sie unter dem Künstlernamen Coco Safir unterwegs. Coco kommt von Coco Chanel, einem Vorbild in Haltung und Werten und Safir von der Farbe ihrer Augen, zumindest beschreiben das andere so, sagt sie. Ein passender Name ist das, finde ich, schon allein, weil es ihr um beides zu gehen scheint: eine eigene Haltung und um andere. 

 

Coco, du beschreibst dich selbst als Musikerin und Aktionskünstlerin. Was kann man sich unter dieser Kombination vorstellen? 

 

Musikerin bin ich aus Leidenschaft, Musik ist mein Medium, aber das allein reicht mir nicht aus. Ich denke jegliche Art von Darstellung auf der Bühne ist auch schon eine Art von Interaktion, die etwas verändern kann. Damit kann man ganz tolle Dinge ins Rollen bringen und darum geht es für mich in der Aktionskunst. Ich möchte nicht nur unterhalten, sondern auch etwas bewegen. 

 

Zum Beispiel bei Balkonkonzerten während des Lockdowns?

 

Ich wohne im Bergkirchenviertel und habe einen schönen Eckbalkon. Gemeinsam mit Hans Reitz kam dann schon drei Tage vor dem eigentlichen Lockdown die Idee auf, jetzt nicht die Füße still zu halten, sondern der Nachbarschaft schöne Momente zu schenken. Am Anfang kamen noch andere Künstler*innen dazu, Roland Vanecek zum Beispiel, Tubist im Staatstheater. Gemeinsam haben wir dann Konzerte vom Balkon gespielt, jeden Tag um 18 Uhr. Später durften oder kamen dann keine anderen mehr dazu, da habe ich dann alleine durchgehalten, dank der Unterstützung durch Hans, insgesamt 50 Tage. Ich habe zum Beispiel ein Gute-Nacht-Lied für die Leute komponiert oder habe jeden Tag ein Sprichwort vertont, das mir die Zuhörer*innen am Vortag aufgetragen haben. Mit der Zeit habe ich so die Namen der Leute gelernt, die am Fenster saßen oder immer wieder aufgetaucht sind. Aber auch die Leute untereinander haben sich kennengelernt, wenn ich runter gerufen habe: "Hallo Bernd, bist du auch wieder da, hey Klaus" und so weiter. Das hat die Nachbarschaft gestärkt und wir haben uns unsere eigene Kultur gemacht, das war ein unglaublich schönes Projekt. Wir pflegen unsere Nachbarschaft heute immer noch, immer wieder mit gemeinsamen Treffen und Aktionen.

 

In deiner Musik ist neben dem Piano vor allem deine Stimme ein ganz prägendes Element, häufig auch mit einer Loop-Station zu mehrstimmigem Gesang überlagert. Geht das auf deine Ausbildung auf dem Musikgymnasium zurück oder stand damals eher das Klavier im Mittelpunkt?

 

Die Schule, auf der ich war, war sehr stimmlich orientiert. Wir haben viel Chorgesang gelernt. Deswegen mag ich auch die Loop-Station so gern, damit kann ich mein eigener Chor sein. Aber jede*r hatte auch ein Hauptinstrument, das war bei mir das Klavier. Deshalb bediene ich das heutzutage noch meisten. Es gab aber auch diverse Nebeninstrumente, und so habe ich auch Flöte, Gitarre, Saxophon und Cello gelernt. Das hilft mir natürlich heute beim Komponieren und Produzieren meiner Musik. Ich denke, wenn man ein, zwei, drei Instrumente begriffen hat, fällt es auch leichter sich wieder Neuem zu nähern und ich versuche mich eigentlich immer neuen Mitteln zu bedienen.

 

Bei dir treffen klassische Instrumente, ein paar hast du gerade schon genannt, auf elektronische Klänge. Was verbindest du mit diesen beiden Welten?

 

Ich finde, beide sind jeweils ein Kosmos für sich. Ich gehe gern in die Oper und höre viel klassische Musik. Das sind ganz tolle Lehrmeister, es gibt sie aber auch in der elektronischen Musik. Ich liebe es, solche Welten miteinander zu verbinden. Es ergibt immer einen spannenden Schnittraum, wenn man diese Kreise übereinander legt und es entstehen neue Möglichkeiten. Am schönsten finde ich es immer, das nicht nur auf Musik zu begrenzen. Wir haben mit Nico+ ein Projekt in einer Tropfsteinhöhle auf der schwäbischen Alb gewagt, mit insgesamt vier Musiker*innen, einer Autorin, die Lesungen gemacht hat, einem VJ, der live auf die Höhlenwände projiziert hat und einem Schauspieler, der das Ganze performt hat. In diesen Momenten sind die verschiedensten Künste fusioniert und das hat unglaublich gut funktioniert. Meiner Meinung nach auch, weil nicht nur Menschen Kunst machen, sondern auch die Räume. Das spielt alles mit.

 

Hast du schon einmal erlebt, dass so ein Wagnis, eine Performance oder eine Improvisation scheitert?

 

Mir ist das so noch nicht passiert, es geht immer auf. Das möchte ich auch felsenfest vertreten. Aber es setzt natürlich Vertrauen voraus. Ich habe immer mit Menschen gespielt, die ihr Handwerk gelernt haben und wo ich mir zu 100 Prozent sicher war, dass sie mich nicht hängen lassen. Und sie umgekehrt natürlich auch mich nicht. Alle müssen sich das vorstellen können und sich sicher fühlen, dann klappt es auch.

 

Neben deiner Kunst gibst du auch Workshops, um die eigene Stimme zu entwickeln, bzw. zu entdecken. Was ist das für ein Konzept?

 

Viele Menschen haben das Bedürfnis zu singen, können aber nicht, nur weil sie irgendwann einmal gesagt bekommen haben: "Du kannst das nicht". Das sind oft die Eltern oder Lehrer*innen in der Schule und dann ist es bei vielen schnell rum mit dem Singen. Ich empfinde das Singen aber als etwas Ureigenes, was Menschen immer schon hatten, ein Instrument, mit dem wir bereits ausgestattet auf die Welt kommen. Da geht es nicht nur um Musik, sondern auch um Sprache, darum miteinander reden zu können, "Nein" zu sagen, sich abzugrenzen oder Dinge auszudrücken, die man empfindet. So ist die Stimme ganz dicht an unseren Gefühlen gebaut und es hat immer etwas Heilsames zu singen. Das können wir in jeder Kultur sehen: Menschen singen, damit es ihnen besser geht. Ich denke, dass wir das hier im mitteleuropäischen Raum verlernt haben, es aber dennoch ein großes Bedürfnis gibt, sich auszudrücken. Also habe ich mir eine Workshopreihe ausgedacht, wo es genau darum geht die eigene Stimme zu entdecken und nicht mehr so auf Fehler zu achten. Man kann nichts falsch machen, ein Ton ist ein Ton und erstmal muss man erleben, wie man sich eigentlich anhört.

 

Wie sich deine Musik und wie sich deine Stimme anhört, kann man bei uns im ungeschnittenen Audio-Interview hören aber auch wieder live am kommenden Montag im Kiezgarten auf dem Wiesbadener Sedanplatz. In welche Richtung wird das gehen?

 

Dazu will ich noch gar nicht so viel sagen. Es ist ein großes Überraschungspaket verschiedener Menschen, die da auftauchen werden. Es gibt einen Schlagzeuger und einen Gitarristen und mich, soviel kann ich schon mal verraten. Viel mehr dürfen ja auch zur Zeit gar nicht auf eine Bühne, aber es wird noch weitere Überraschungen geben, also kommt gerne vorbei.

DAS AUSFÜHRLICHE INTERVIEW ZUM NACHHÖREN