KULTUR // BALLETT:
BRUNO HEYNDERICKX (Wiesbaden)

01.06.2020 (Interview: Jannek Ramm)

Als ich Skype öffne, um Bruno Heynderickx anzurufen, wie man das heute so macht, lese ich folgenden Satz in seinem Profil: "Die Tanzenden wurden für verrückt gehalten von denjenigen, die die Musik nicht hören konnten." Der Belgier ist seit 2014 Kurator am Hessischen Staatsballett und wird ab der Spielzeit 2020/2021 die Ballettdirektion übernehmen. Ein Gespräch über Tanz und Nähe in Zeiten von Skype und Abstandsregeln. Und wie es jetzt weitergehen kann.

Herr Heynderickx, wie sieht ihr Alltag in Corona-Zeiten aus?

Es ist total anders. All unsere Tänzer*innen sind zwar wieder im Studio, aber es gibt sehr strenge Auflagen. Die Tänzer*innen müssen sechs Meter Abstand zueinander halten. Das bedeutet, dass wir in unser größeres Studio in Wiesbaden maximal vier Personen einlassen können, in das kleinere sogar nur zwei. Wir haben 28 Tänzer*innen, Sie können sich also vorstellen, dass es sehr viel Organisation bedarf, dass alle trainieren können. In den letzten sieben Wochen haben sie überhaupt nur zu Hause trainieren können. Das ist natürlich schwer. Ich glaube, die Nachbarn sind nicht so froh, wenn man Sprünge und Pirouetten übt.

 

Ist es denn überhaupt möglich, den Plan, den Sie sich für ihre erste Spielzeit als Direktor in Wiesbaden vorgenommen haben, umzusetzen, unter diesen Bedingungen?

Unser erstes Programm in der nächsten Spielzeit heißt „Horizonte“ und wird eine Neukreation von Xie Xin, einer chinesischen Choreografin. Solche Neukreationen sind immer etwas Neues, man kann sie formen und sich den Gegebenheiten anpassen. Ich kann einer Xie Xin sagen, dass die Tänzer*innen vielleicht noch eine Weile sechs Meter Abstand halten müssen. Damit muss sie dann umgehen, wie wir auch. Der zweite Teil des Abends „Horizonte“ ist ein Stück, das schon besteht. Ob das stattfinden kann oder nicht, das weiß ich nicht.

Ich habe neulich einen älteren Film gesehen und mich bei dem Gedanken ertappt, dass die Figuren doch bitte Abstand halten sollen, gerade in größeren Gruppen. Glauben Sie, die Erfahrungen von Distanz und Nähe, die wir gerade erleben, werden einen nachhaltigen Einfluss darauf haben, wie Kunst gemacht wird, besonders im Tanz?

Natürlich wird das einen Effekt haben auf die Kreation. Aber ich denke, dass Corona eines Tages wieder vorbei ist und ich glaube, die Stärke des Tanzes liegt gerade in der Nähe, der Verbindung von Körpern in Bewegung, Zeit und Raum.

 

Muss man aber nicht auch neue Formen entwickeln, um die künstlerischen Inhalte darstellen zu können? Ich kann mir vorstellen, dass einige Figuren und Techniken zur Zeit einfach gar nicht möglich sind.

Das ganze Repertoire des Hessischen Staatsballetts, das wir in den letzten sechs Jahren entwickelt haben, können wir jetzt nicht machen. Es bedarf alles der Nähe der Tänzer*innen. Also müssen wir an etwas Neuem arbeiten, aber ich glaube, dass Künstler*innen sich von dieser Situation inspirieren lassen.

Wie hat es Sie eigentlich ausgerechnet nach Wiesbaden verschlagen?

Bevor ich nach Wiesbaden kam, war ich in Norwegen. Dort habe ich die National Company of Contemporary Dance geleitet. Nach sechs Jahren wollte ich jedoch etwas anderes, brauchte neue Herausforderungen. Eines Tages habe ich dann eine Mail von Tim Plegge bekommen, dem jetzigen Direktor des Hessischen Staatsballetts, nächste Spielzeit dann Haus-Choreograf. Tim hat mir gesagt: „Hey, ich habe gehört, dass du in Norwegen aufhörst; ich habe auch gehört, dass du vielleicht die richtige Person bist, die ich suche. Als Kurator.“ Ich kannte Tim Plegge zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht. Dann habe ich geantwortet, wir haben uns getroffen und so bin ich nach Wiesbaden gekommen. Das Projekt des Hessischen Staatsballetts hat mich überzeugt: Eine feste company, die in zwei Häusern spielt, Wiesbaden und Darmstadt, damit zu verbinden, zusätzlich auch unabhängige companies einzuladen. So werden ganz verschiedene Stile und Möglichkeiten zusammengeführt. Das fand ich sehr spannend.

Sie haben das Hessische Staatsballett als Kurator von Anfang an mit aufgebaut. Was macht ein Kurator für's Ballett eigentlich genau?

Es ist ein bisschen so, wie wenn man ins Museum geht. Dort sehen Sie verschiedene, ausgewählte Bilder oder Skulpturen. Das gleiche mache ich mit unserem Tanzprogramm. Ich reise, in den letzten 3 Monaten nicht, aber normalerweise, um die Welt und gucke mir hunderte von Tanzveranstaltungen an. Daraus mache ich dann ein Programm und berate Tim Plegge, mit welchen Choreografen wir arbeiten können. Das ändert sich dann zum Beispiel ab der nächsten Spielzeit, dann wird er mich beraten.

 

Wenn man hunderte Aufführungen sieht, kommt es dann oft vor, dass Sie aus einem Stück gehen und denken, das war schrecklich?

Ich glaube bei 90 Prozent der Stücke. Ich sehe ganz viele Sachen, die mir nicht gefallen. Aber ich denke auch, Kuratieren hat nichts mit meinem Geschmack zu tun. Es geht darum, was ins Programm passt. Ich habe auch schon Sachen eingeladen, die mir nicht gefallen haben. Das Entscheidende ist, dass es eine hohe Qualität hat.

Tanzen Sie eigentlich selbst noch?

Nein. Ich bin jetzt 50, ich tanze nur noch zu Hause.

 

Würden Sie sich einer Schule oder einem Stil zuordnen?

Ich würde zunächst sagen, dass ich sehr offen bin und dass ich Vielfalt mag. Diversität sollte unsere Gesellschaft abbilden, wir haben immer vielfältige Einflüsse. Deshalb sollten wir die vielen Kulturen nehmen, die da sind, und eine neue Kultur daraus erschaffen. Das schlägt sich auch in meiner Arbeit nieder. Ich verbinde sehr sehr unterschiedliche Stile. Ich kann nicht sagen, dass ich irgendeinen davon favorisiere. Im Englischen gibt es den schönen Ausdruck „thought provoking“. Tanz und jede Form von Kunst sollte nicht bloße Unterhaltung sein. Sie sollte uns etwas geben und uns zum Denken anregen. Das kann verschiedenste Formen haben.

Wie kann es für das Ballett nun weitergehen? 

Ich glaube, der Tanz ist in einer sehr schwierigen Situation. Die Abstandsregeln sind eine riesige Herausforderung, aber ich bin mir sicher, dass wir kreative Lösungen finden werden. Dabei hoffe ich auch, dass das Publikum trotz Corona wieder ins Theater kommt - in Wiesbaden, Darmstadt und auch in Mainz. Am Anfang wird das sicher etwas seltsam sein, aber langsam werden wir gemeinsam neue, innovative Wege finden, Performances zu erschaffen und Performances zu leben.

Am 05. und 06. Juni finden im kleinen Haus des Staatstheaters in Wiesbaden zwei Abende der Reihe „Startbahn” statt. Ein Programm, das die Tänzer*innen des Staatsballetts selbst entwickelt haben. Diesmal während des Lockdowns. Ein spannender erster Eindruck also, wie Tanz unter diesen Vorzeichen aussehen kann.

DAS AUSFÜHRLICHE INTERVIEW ZUM NACHHÖREN