AUF EIN WORT
AREEG MULHI

01.05.2020 - Der gehaltene Raum ... von auferlegten Pausen und Raumeroberung

Von der Inspiration

 

Die Kreativen und Aktivisten kennen die brennenden Impulse im Inneren, die wie Poltergeister für eine gewisse Zeit das eigene Tun und Denken dominieren. Sei es beim malen, schreiben, komponieren, beim verstehen oder anderen kreativen Impulsen: es gibt InSpirationen ( in Spiritus), die müssen in einer bestimmten Zeit umgesetzt werden. Sie quälen akut und Befriedigung wartet ausschließlich dort, wo wir sie endlich sinnlich verlaiblicht haben; raus aus uns und rein in die Welt. 

 

Etwas ist dann hineingeboren, dass genau jetzt in der Welt wirken will. Erleichtert blicken wir auf die Kreation und die Welt ist um ein Stücklein verändert und in Bewegung gesetzt. Wir platzieren es an bestimmten Orten, mit bestimmten Menschen und entwickeln daran bestimmte(n) Sinn(e). Eine Auseinandersetzung, Entfaltung und Weiterentwicklung in der Gesellschaft ist angeregt. 

 

Wartet man jedoch zu lange damit, diesem InSpiritus einen passenden Laib zu schaffen; weil etwa  die nötigen Mittel und Zeit fehlen oder einen gar die Existenz sichernde Arbeit in Erschöpfung treibt, - so verstreicht jener Moment, in dem das Neue gerade noch so lebendig und wirkungsschwanger vor dem eigenen Geiste stand.

 

Der richtige Zeitpunkt, der voll Kraft, Wille, Drang und Fruchtbarkeit steckte, vergeht. Vielleicht bleibt die Idee irgendwo im Äther, im glücklichsten Fall, - oder im Schlimmsten: die Inspiration und Erkenntnis bleibt der Welt zu diesem potenziell Wendigen und fruchtbaren Zeitpunkt vorenthalten und wartet auf ähnliche wiederkehrende Keimbedingungen. 

 

Von der Kultur

 

Man kann solch missglückten Entwicklungsprozessen natürlich vorbeugen. Zum einen durch die eigene Schaffenskultur und mittels gehaltener Kulturräume im Außen. Kultur ist ein gemeinsam gehaltener Raum des Wachstums - der Mutterlaib des gesellschaftlichen Zusammenwirkens. Womöglich auch das Gewächshaus des wahren demokratischen Gedankens.

Das Kultivieren ist ein Urbarmachen von Wendepunkten geistiger und gesellschaftlicher Natur. Es geht darum Fähigkeiten zu pflegen, Potenzial zu kultivieren. Kultur ist ein urmenschliches (vielleicht sogar ein artübergreifendes) Bedürfnis von Bündnissen und der Idee des Zusammenwirkens. 

 

Die Königsdisziplin der Kultur jedoch ereignet sich im gemeinsamen TUN. Dieses Tun ist ein kollektiver und mächtiger Prüfungsspielplatz. Ein Ort in dem viele Individuen den jeweiligen InSpiritus auf seine Anwendbarkeit und Sinnhaftigkeit prüfen können. Ein Ort des vertrauensvollen Scheiterns und der Veränderung. Ein Raum in dem man miteinander agiert, sich ORGANisiert. Binnen gemeinsam getragener Werte fächert sich die Sinnesvielfalt einer Idee aus. Diese Orte der Kultivierung sind Schutz und Kulturräume. Ist der Prüfungsspielplatz jedoch vorübergehend geschlossen, fehlt einer Gesellschaft die Reflektion, die  Inspiration, das Geschenk des Entwicklungsschubs von Individuum und Gesellschaft, wie Luft zum atmen. Eine Entwicklung bei der jene mit einem Alleinanspruch auf Macht, Raum gewinnen. 

 

Von gewachsener und von auferlegter Kultur

 

Gewachsene Kulturen entwickeln sich dort wo Menschen den Raum gemeinsam gestalten. Es wächst etwas „Organisches“, „ bewegliches“, das gemeinschaftlich geprüft, - etwas ändert, sich bewähren darf und durch die offene Auseinandersetzung auch das Außen mitgestaltet. Der Raum wird belebt durch diese Sinnhaftigkeit, die die einzelnen Individuen in diesen gemeinsamen Raum erfahren. Dadurch verändert sich der Raum. Er verändert sich durch die aufeinander treffenden Inspirationen. Wir sprechen von der Kraft und Macht der Peripherien. Der Kraft der Subkultur. Einer Macht die beweglich ist und die gemeinschaftlich getragen wird.

 

Auferlegte Kulturen werden vom Herrschaftssystem mit einer Funktion belegt und zweckmäßig installiert. Die Inhalte sind unbeweglich. Für die Prüfung der Sinnhaftigkeit gibt es keinen Raum. Es entwickelt sich etwas „Starres“, Mitwirken ist unerwünscht und wird als „Störung“ und „Scheitern“ definiert und als Bedrohung für eine systematisierte und geplante Ordnung definiert. Protagonisten sind daher ersetzbar. Die Räume werden gehalten durch Geld und mediales In-Szene setzen von Werten des Herrschaftssystems. Das Individuum und Kultur als festgestellte Schraube im System herrschender Interessens – und Machtverhältnisse. 

 

In beidem Varianten gibt es Räume die gehalten werden. In dem einen Raum kultivieren sich die Individuen und ihre Lebensweise selbst, mittels sinnstiftenden Tätigkeiten. In dem anderen verfestigen sich die Machtverhältnisse zu einer Herrschaftsdiktatur, da das individuell körperlich Erfahrbare, das Sinnliche und Unbewusste, das Hinterfragende, ausgeklammert wird. Im ersteren entwickeln sich Gemeinschaft und Gesellschaft im zweiten entwickelt sich das Potenzial der Diktatur und Macht.

 

Wie wird Raum methodisch zum gehaltenen Raum?

 

Um zu begreifen was einen gehalten Raum ausmacht, wenden wir unseren Blick hin auf die Methoden des Sozialwesens. Dort ist tatsächlich vom „gehaltenen Raum“ die Rede, wenn es darum geht Entwicklungsprozesse eines Unternehmens, einer Arbeitskultur oder einer Gemeinschaft zu fördern. Folgende Aspekte finden wir zunächst vor, die wir, wenn wir diese lesen, wie eine Blaupause auf das legen können, was im auftragsfreien Raum, in der Subkultur, sich von alleine entfaltet:

 

1.Ein gehaltener Raum hat den Zweck der Veränderung und Entwicklung. Es geht hierin um die Überwindung von untauglichen Denkmustern und die Reflektion von Beziehungsqualitäten. Eine Veränderung ist beeinflussbar aber nicht voraussehbar. Der Raum ist freiwillig und bietet, anders als in der breiten Öffentlichkeit, einen vertrauensvollen Schutzraum um neue Wege zu wagen. Das Vertrauen entwickelt sich im Zuge der Zeit und kann nicht vorausgesetzt werden.

2. Der gehaltene Raum bietet Resonanz. Die darin verlaiblichten Gedankenträger (Kunst, Musik, Schriften, Umgangsformen) können durch ihre Darstellung Bezüge und Ordnungen verdeutlichen. Durch die Auseinandersetzung einer Gruppe am ganzheitlich Erlebbaren, entsteht eine Rückmeldung, eine Auseinandersetzung und damit eine Veränderungsdynamik. 

3. Im gehaltenen Raum findet eine gegenseitige Bezeugung des Geschehenen statt. Hierdurch entsteht eine kollektive Wahrheit. In der Subkultur mag es das vertrauensvolle Streitgespräch am Stammtisch sein. Methodisch kann es das einzelne hervortreten eines jeden Teilnehmers, der gleichwertig zu jedem anderen Teilnehmer, in der Mitte des Kreises stehend von jedem Menschen, zu widerkehrenden Zeitpunkten, deren Wahrnehmungen und Eindrücke erfährt.

 

Um dies jedoch leisten zu können bedarf es im Methodischen gewisse Fähigkeiten, die im gewachsenen sich bereits herausgebildet haben, da diese in das Gelingen bzw. Misslingen einer Subkulturellen Idee miteinspielen. Wichtig ist eine authentische Begegnung. Auch hier wenden wir uns den „professionell methodischen Ansätzen“ zu, die als nötig erachtet werden um solche Veränderungsprozesse gelingend zu begleiten:

 

  1. Der bewusste Umgang mit aufkommenden Gefühlen. 

Die Akzeptanz von eigenen und fremden Ratlosigkeiten, aber auch das Erkennen körperlich-emotionaler Signale, spielen eine Hauptrolle beim Begleiten solcher Prozesse.

  1. Den Raum halten. Die Veränderungen der Grenzen des Raumes, das Überschreiten, führt zu Verunsicherungen. Es bedarf der Einsicht die eigenen und fremden Grenzen für wahr zu nehmen. Je sicherer ein Raum ist, desto eher kommen bisher versteckte Aspekte zum Vorschein. Diese dürfen auch emotional und konfliktreich seien. Hier spielen Zeit, Vertrauen und die Selbstbestimmung aller Beteiligten eine Schlüsselrolle. Die Teamleitung sollte sicherstellen, dass die Kommunikation wertschätzend sich vollzieht und an zuvor besprochener gemeinsame Definitionen erinnern.   

  2. Der Raum darf verändet werden. Braucht es ein Ziel? Wer und was gehört hinein, was bleibt draußen? Wieviel Öffnung ist während des Haltens möglich und sinnvoll? Ist der Raum vertrauensfördernd, tritt die Frage der Sicherheit in den Hintergrund und die inhaltlichen Prozesse treten in den Bearbeitungsmodus.

  3. Präsenz und Leere. Die Präsenz, mit allen Sinnen, unterstützt das Aufrechterhalten des Raumes, so dass Mitgestalter sich in „gefährliche“ Areale vorwagen. Sind die Teamleitungen selber mit emotionalen Themen beschäftigt, schwindet der gehaltene Raum.

  4. Unterschwellig laufende Gruppen- und Psychodynamiken gehören wahrgenommen. Dies setzt voraus, Stimmungen und Missstimmungen im Raum benennen zu können. 

  5. Individuen brauchen individuelle Bedingungen, um vertrauen zu können. Bedürfnisse äußern sich auf verschiedene Weisen und es hilft, wenn Teamleitungen diese feinen Hinweise deuten können. Ob und wie Menschen den gehaltenen Raum nutzen, ist dabei nicht die Verantwortlichkeit der Teamleitung. Solche Räume stehen für eine hohe Selbstverantwortlichkeit. 

Die Physis der Raumeroberung

Halten wir fest: möchte man, dass sich eine gemeinsame Kultur entwickelt und selbst erhält, braucht es erstens Raum, zweitens Zeit. Oft fehlt Zeit, jetzt fehlt der Raum. Die Subkultur nimmt sich diesen Raum und die Zeit selbstbestimmt und freiweillig. Raum einnehmen oder kontrolliert einen Raum zur Verfügung gestellt bekommen, ist ein großer Unterschied. Es beschreibt den Unterschied zwischen auferlegter und gewachsener Kultur. 

 

Welche Vision treibt dich als Kulturgärtner an? Es beginnt beim Nährboden. Um aus Scheiße das Gold des Wachstums und der Vielfalt zu kultivieren, genügt es nicht einen Zeit-Raum zugewiesen zu bekommen, der sich von den Bedingungen gar nicht für Diversität, sondern nur für Monokulturen eignet. In der Kulturlandschaft muss es die Freiheit geben ganzheitliche Mischkulturen (Perma(nent)kultur) zu kultivieren. Ist dies nicht erwünscht, eröffnet sich die Frage :  ist das „artgerecht“?  

 

Angesichts eines Diktats der herrschenden Macht über erlaubte und kriminalisierte (Frei-)Räume, ist im Grunde ein Raumkampf entfacht. Unser offener und sinnlich erlebbarer Raum wurde nicht. nur begrenzt, auch wird er mehr und mehr durch einen distanzierten verschlüsselten digitalen Raum ersetzt. Eine rein digitale Begegnung ermöglicht nicht WIRKlich, die NOTwendigen Kulturprozesse aufrechtzuerhalten. Mit verheerenden Folgen: die Saat der Gruppe geht nicht auf, der Keimling des individuellen, des inneren Handlungsmotives kann nicht hervorgeholt und ausgelebt werden. Es verkümmert. Der Kulturacker liegt leblos vor uns.

Eine Online Demonstration schafft es nicht in die Tagesschau, aber in die Datenanalyse der Herrschaftsträger. Ja es gilt kreativ zu bleiben in der Raumveränderung. Es gilt das Laibhafte in seiner Sinnvielfalt zu halten und es nicht für rein digital übersetzbar zu nehmen. Raumkämpfe sind vom Körperlichen nicht zu trennen.

 

Papierflugzeuge, abgelegt auf dem Rathausplatz als Forderung zur Rettung von Flüchtlingen sind ein Beispiel der Sozialen Plastik als Methode. Ein erster Ansatz. Sinnlich und politisch ist Raum zu erobern, zu beleben, urbar zu machen, zu kultivieren. Politisches Mitbestimmen ist nicht auf den digitalen Raum oder auf gewählte Vertretungen zu beschränken. Der bestehende Herrschaftsraum muss wie eh und je deutliche Störung erfahren um sein Scheitern vor Augen geführt zu bekommen und Veränderung zu erfahren. Damit aus Mist auch wieder fruchtbare Erde wird und Freiraum nicht erstickt. Subkultur trägt klar und deutlich Veränderung auf der Agenda und wirkt durch die Kultivierung des Einzelnen in das Herrschaftssystem hinein. 

 

Findet aufgrund der Unsicherheit des Raumes, diese Kulturleistung von Bildung und Mitbestimmung, nicht mehr statt, können wir nicht mehr von der Würde und dem Wert des Individuums sprechen. Es geht nicht nur um Sichtbarkeit, sondern um SINNvolle Kritik im öffentlichen Raum. Mag die Krise of Big C. flächendeckend die Kulturlandschaft in ihrer Existenz reduziert haben, so muss der Trost darin liegen, dass sich die Subkultur um ihre Rolle als emergenter Raum sicher ist. Triebe die immer wieder hervorbrechen müssen, solange noch ein Funken Wert und Würde im Individuum steckt, das sich nicht als ersetzbar, als menschliche Monokultur begreift. Wir kennen die verheerenden Folgen der Monokultur für die Physis des Mutterbodens. Macht   scheitern   gescheit?